Geht es um die Entwicklungsfähigkeit Afrikas, sind negative Beispiele schnell bei der Hand. Ein Land, das kaum jemand kennt, leistet derweil Beachtliches beim zivilgesellschaftlichen Aufbau.

«Das Land ist wie eine weisse Leinwand. Vielleicht vergleichbar mit der postkolonialen Phase in den 1960er Jahren», sagt Joe Addo, ein ghanesischer Architekt, der in Los Angeles das Architecture and Design Museum mitbegründet hat. «In Ghana arbeitet jeder in seiner Nische, hier ist alles offen.» Joe Addo ist nach Somaliland am Horn von Afrika gekommen, um mit jungen einheimischen Architekten über Stadt- und Raumentwicklung zu diskutieren.

Es ist nicht zu übersehen: In der Hauptstadt Hargeisa herrscht Aufbruchsstimmung. An jeder Ecke gibt es Baustellen. Es entstehen neue Bürogebäude und Wohnhäuser mit ausladenden Dachterrassen und Balkonen. Der öffentliche Nahverkehr ist gut organisiert. Es fahren Busse durch die Stadt, die auf ein Handzeichen halten und Fahrgäste mitnehmen. Die Busse sind alt, aber ihr Bezahlsystem ist moderner als anderswo. Das Ticket wird mit einer Micropayment-App auf dem Smartphone in Dollar bezahlt, das Restgeld gibt der Busbegleiter in somaliländischen Shilling heraus. Diese Innovationen bringt die Diaspora. Sie hat das Land nach Ausbruch des Bürgerkriegs verlassen und ist heute in der ganzen Welt verteilt. Und da Kommunikation das A und O ist, telefoniert man in Somaliland so billig wie sonst wohl kaum irgendwo: Ein Guthaben von zwei Dollar reicht aus für eine Woche Telefonate im Inland sowie zwei Ferngespräche in die USA und nach Deutschland.

Die Geburtsstunde der somaliländischen Nation datieren die Einwohner auf das Jahr 1884, als das Gebiet zum britischen Protektorat wurde. 1960 wurde Britisch-Somaliland in die Unabhängigkeit entlassen – um fünf Tage später mit Italienisch-Somalia im Süden zum Staat Somalia vereint zu werden.

In den 1980er Jahren regte sich im heutigen Somaliland zunehmend Widerstand gegen die Benachteiligung der Region durch das Regime Siad Barres in Mogadiscio. Der Diktator schickte kurzerhand Regierungssoldaten und liess Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder am Stadtrand von Hargeisa erschiessen. 1988 befahl er, die Stadt mit Luftangriffen dem Erdboden gleichzumachen. Nur wenige hielten es noch aus, die meisten flohen oder starben.

Ein Vierteljahrhundert später kehren die Menschen langsam zurück. Wegen der Heimkunft der Diaspora gibt es im Augenblick viel in der Gesellschaft zu verhandeln: Wie viel Einfluss hat die Religion? Wie viel die Clans? Welche Rechte haben Frauen? Gerade sorgten junge unverheiratete Männer für Aufsehen. Da eine Hochzeit und die Ausstattung der Braut nach lokaler Tradition noch immer eine kostspielige Angelegenheit sind, die so manche Heirat verhindern, posierten sie mit Plakaten, auf denen zu lesen war: «Still I am single» – Ich bin noch immer Single.

Ein so ungewöhnliches wie wichtiges Forum für die Diskussion über solche gesellschaftspolitischen Fragen ist die Buchmesse – die Hargeisa International Book Fair, die im August bereits zum achten Mal stattfand. Autoren, Wissenschafter, Architekten, Filmemacher und Fotografen aus der ganzen Welt reisen an. Wer zum ersten Mal teilnimmt, zeigt sich besonders beeindruckt. Wie etwa der nigerianische Dichter Niyi Osundare , der als Professor für Literaturwissenschaft in New Orleans wirkt: «Sie haben die Bedeutung von Geschichte, Kultur und Literatur für eine Nation verinnerlicht und setzen diese Werte für ihr Ziel ein, endlich anerkannt zu werden.»

Denn Somaliland hat ein Problem: Offiziell existiert das Land gar nicht. Dass es einen Unterschied zwischen Somalia im Süden und Somaliland im Norden gibt , ist nur wenigen bekannt. 1991 hat Somaliland seine Unabhängigkeit von Somalia erklärt. Zunächst liess die Regierung alle Waffen einsammeln, die der Bürgerkrieg im Land zurückgelassen hatte. Dann schloss man die Grenzen zu Somalia und kontrolliert sie seitdem streng. «Die Sicherheit steht an erster Stelle, dann kommt die Entwicklung der Infrastruktur», sagt Suleiman Jama Dirie, Staatssekretär im Finanzministerium. 250 Millionen Dollar betrug der Staatshaushalt im vergangenen Jahr. Das ist nicht viel für ein Land mit geschätzten drei Millionen Einwohnern.

Die internationale Staatengemeinschaft hat Somaliland bis heute nicht anerkannt, obwohl die junge Nation seitdem unter Beweis stellt, dass es möglich ist, mit knappen Mitteln und wenig Hilfe von aussen ein Staatswesen führen. Die besten diplomatischen Beziehungen pflege man einstweilen zu den Nachbarn Äthiopien und Djibouti sowie zur ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien, erklärt der Industrieminister Shucayb Maxamed Muuse. Wie auch er sind die meisten Angestellten in den Ministerien aus dem Ausland zurückgekehrt. Konflikte bleiben da aber nicht aus. Die Einheimischen werfen den Rückkehrern vor, mit kolonialen Einstellungen zurückzukommen und das, was seit der Staatsgründung bereits gewachsen ist, nicht zu respektieren.

Das Land ist noch jung. Doch was die Menschen bereits seit Jahrhunderten verbindet, ist ihre Kultur, die das Fundament der Nation bildet. Viele Geschichten und Gedichte, die als Neuerscheinungen auf der Buchmesse vorgestellt werden, sind den Lesern bereits bekannt. Sie wurden seit Generationen mündlich überliefert, so wie etwa der Stoff von Cilmi Boodharis «Caashaqisii», einer Liebesgeschichte aus der Hafenstadt Berbera.

Die sechstägige Buchmesse ist das grösste Ereignis des Jahres. Ihre Organisatoren, Ayaan Mahamoud und Jama Musse Jama, bleiben lieber im Hintergrund, sagen, dass sie lediglich eine Plattform schaffen wollen, um die richtigen Menschen zu vernetzen. Doch die Schwerpunkte der letzten Jahre scheinen aufs Engste mit der Entwicklung des Landes verbunden. Sie lauteten bisher etwa Freiheit, Zensur, Staatsbürgerschaft oder kollektives Gedächtnis. Das diesjährige Motto heisst «Räume».

An einer Seite des Saales im Guleed Hotel, in dem die Buchmesse stattfindet, stellt die englische Dokumentarfotografin Alison Baskerville Bilder von der Bergung der Toten aus den Massengräbern am Stadtrand von Hargeisa aus. Baskerville hat festgehalten, wie die menschlichen Überreste in Pappkartons verstaut wurden. An den Büchertischen wird indessen gelesen und gekauft.

Dann hebt im Saal plötzlich ein Raunen an, und ein paar Sekunden später bricht das Publikum in Jubel aus. Ein zerbrechlich wirkender alter Mann wird nach vorne geführt: Hadraawi. Seine Gedichte kennt jeder in Somalia und Somaliland. Sie handeln vom Erbe des nomadischen Lebens, von Krieg und dem Wunsch nach Frieden. Für die Verbreitung zweier regimekritischer Gedichte sass Hadraawi von 1973 bis 1978 im Gefängnis. Noch immer setzt sich der heute 72-Jährige für den Frieden ein: Im Sommer 2003 organisierte er einen Friedensmarsch durch die beiden Länder, der zu einer besseren Verständigung beitragen sollte.

Auf dieser Buchmesse spricht der Dichter infolge einer Krankheit nicht, dafür aber Edna Adan Ismail, die inoffizielle First Lady Somalilands. Die 78-Jährige war die erste Aussenministerin, gründete in Hargeisa ein Krankenhaus und eine Universität. Sie spricht über Frauenrechte, und was sie zu sagen hat, macht deutlich, dass Frauen in Somaliland einstweilen alles andere als gleichberechtigt sind. «Eine Ehe ist eine Partnerschaft und keine Eigentumsverfügung», sagt sie zum Beispiel, oder «Warum sehe ich immer Frauen, die sich in diese Khomeiny-Zelte kleiden?». Besonders die Zahl der Vergewaltigungen habe in den letzten Jahren drastisch zugenommen, weiss Adan aus ihrer Arbeit zu berichten.

«Jeder Mensch braucht Platz», sagt Edna Adan Ismail dann und kommt damit auch auf den thematischen Schwerpunkt der Buchmesse zurück. «Emotionalen, kulturellen, politischen oder persönlichen Raum. Wir müssen ihn dem anderen zugestehen. Nur so kann sich der Einzelne und unserer Land weiterentwickeln.»

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 2. September 2015