Europa muss endlich erkennen, was Afrika wirklich braucht. Einmal mehr aber wird nur versucht, den Kontinent zu kaufen, anstatt in die Zukunft der Frauen zu investieren.

17 Seiten umfasst der Aktionsplan, den 60 europäische und afrikanische Staats- und Regierungschefs gerade auf einem Sondergipfel in Malta verfasst haben. Was sich in diesem Plan allerdings spiegelt, ist das Resultat eines europäischen Monologs. Durchgesetzt haben sich diejenigen, die auf Kontrolle und Abwehr setzen.

Dabei wären gerade zwei andere Einsichten wichtig gewesen: Afrika braucht Europa für seine Zukunft weniger, als Europa glaubt. Und Afrika braucht seine Frauen. Wer in sie investiert, investiert in Afrikas Zukunft.

Die 1,8 Milliarden Euro des Treuhandfonds, die EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach Malta mitgebracht hatte, könnten viel bewirken. Doch das Ergebnis des Gipfels erscheint in einem anderen Licht: Der Kontinent sollte wieder einmal gekauft werden. Eine zentrale Forderung Europas war, dass die afrikanischen Staaten illegal nach Europa eingereiste Flüchtlinge wieder zurücknehmen. Wie das gehen soll und wie viel der Mittel davon für die geplanten Abschiebungen eingesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist: So löst Geld keine Probleme.

In Europa ist man sich derweil noch nicht einmal einig darüber, welche Staaten als sichere Herkunftsländer gelten und welche nicht. Seit 1999 versuchen die Länder, sich auf eine gemeinsame Liste zu verständigen. Ach ja, nur 12 der 28 EU-Mitgliedsstaaten führen überhaupt eine. Dass jede anders aussieht, versteht sich von selbst. Ghana etwa ist so ein Fall: Für Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Malta ist es ein sicheres Herkunftsland; alle anderen definieren Ghana als unsicher. Großbritannien und Luxemburg machen zudem einen Unterschied bei den Geschlechtern: Für Männer sei Ghana ein sicheres Herkunftsland, nicht aber für Frauen. Es ist Großbritannien, das bei der Feststellung „sicherer/unsicherer Herkunftsstaat“ häufiger als die anderen EU-Länder nach Geschlechtern unterscheidet: In England können nur Frauen aus Gambia, Ghana, Liberia, Malawi, Mauritius und Sierra Leone Asyl beantragen. Die Gründe hierfür sind divers; dazu zählt unter anderen die Gefahr, als Mädchen und Jugendliche an den Genitalien verstümmelt zu werden. Festzuhalten bleibt: Wer nun wen wohin zurückschickt, dürfte in Zukunft für einige Irritationen sorgen.

Derzeit stammen nur 20 Prozent der Menschen, die in Europa Asyl beantragen, vom afrikanischen Kontinent. Und davon ist wiederum nur ein Viertel weiblich. Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zeigt etwa: Die Massenabwanderung aus der Diktatur in Eritrea hält unvermindert an. Im vergangenen Jahr waren nur 20 Prozent der eritreischen Staatsbürger, die Deutschland erreichten, Frauen. Auch aus vielen Regionen Somalias fliehen noch immer Menschen. Aber nur 27 Prozent derjenigen, die in Deutschland ankommen, sind Frauen.

Die Zahlen zeigen: Afrikas Frauen sind zumeist Binnenflüchtlinge. Die allerwenigsten kommen nach Europa. Sie leben in Camps wie im kenianischen Dadaab oder im äthiopischen Dolo Ado. Manche von ihnen seit über 20 Jahren. Andere sind sogar schon dort geboren. Den ältesten Töchtern obliegt oft die Aufgabe, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern, Zeit für einen Schulbesuch bleibt kaum. Schulbesuche sind ohnehin nur möglich, wenn Geld vorhanden ist. Das ist manchmal der Fall, meistens aber nicht. Dabei könnten diese Mädchen es sein, die die Basis für einen Mittelstand bilden. Vielleicht nicht in dieser Generation, aber in der nächsten. „If you teach a girl, you teach a nation„, heißt es. Das gilt genauso für die Mädchen in den Slums von Nairobi oder in Townships von Johannesburg.

Nach einem Schulabschluss folgt dann idealerweise eine berufliche Qualifizierung als Fachkraft. Oder sogar ein Studium. In diesem Punkt ist Europa wirklich gefragt. Wenn Europa Afrika etwas zu geben hat, dann ist es Bildung. Das war auch eine der zentralen Forderungen der afrikanischen Staatschefs in Malta: der bessere Zugang zu Austauschprogrammen und Stipendien für Studenten. Auf dem Sondergipfel wurde eine Verdoppelung der Plätze des Erasmus+-Programms für Forscher und Studenten beschlossen. Das ist eine gute Sache.

Und Europa sollte gut zuhören. In Somaliland am Horn von Afrika etwa zeichnet sich eine bedenkliche Entwicklung ab: Um seine Grenzen gegen ein Eindringen der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab zu sichern, reißt der Posten des Verteidigungshaushaltes das größte Loch in das ohnehin schmale Budget. Für Bildung bleibt nur wenig übrig. Die privaten Schulen, die dort eröffnen, werden vom Ölstaat Kuweit finanziert werden. Dass im Lehrplan nicht vorgesehen ist, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass Mädchen später gleichberechtigte Partner neben ihrem Ehemann sind, kann man sich leicht ausrechnen.

Der Präsident des europäischen Rates, Donald Tusk, erklärte zudem, dass nun vereinbart wurde, gemeinsam in Niger ein Investigationsteam gegen Menschenhandel einzusetzen. Ein Pilotprojekt. Das ist ein wichtiger Schritt. Allein im Nachbarstaat Nigeria sind über zwei Millionen Menschen vor der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram auf der Flucht. Viele von ihnen stranden in Agadez, dem nigrischen Drehkreuz für Flüchtlinge und Schleuser. Dort blüht auch die Prostitution mit jungen Frauen. Sie sind Menschenhändlern gefolgt, die ihnen versprochen haben, dass ihnen als Gegenzug für die Arbeit als Dienstmädchen in einem europäischen Haushalt ein Schulbesuch finanziert werde. Keine von ihnen kommt je dort an. Aber der Wunsch nach einer besseren Zukunft und Bildung hat sie aufbrechen lassen.

Europa überschätzt seine Rolle in Afrika. Es sollte lernen, auf Augenhöhe zu diskutieren. Es geht darum, mit den richtigen Menschen den Dialog zu suchen und Netzwerke zu bilden: mit Aktivisten, Intellektuellen und Künstlern. Sie wissen am ehesten, was der Kontinent kann, wie man Korruption bekämpft, die manche Staatsapparate zersetzt und letztlich die Menschen schwächt.

Erschienen bei Zeit Online am 13. November 2015