Dadaab im Norden Kenias ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Im April drohte die kenianische Regierung erneut damit, das Lager zu schließen und die Bewohner in ihre Heimatländer abzuschieben. Der Autor und ­Menschenrechtsexperte Ben Rawlence hat die Geschichte des Lagers recherchiert.

Das kenianische Flüchtlingslager Dadaab ist etwa so groß wie Nürnberg. Derzeit leben dort rund 400.000 Menschen, überwiegend ­somalische Bürgerkriegsflüchtlinge. Warum haben Sie sich entschieden, ein Buch über Dadaab zu schreiben?
Weil die Menschen, die dort leben, vom Rest der Welt fast vergessen sind – was ein Skandal ist. Und weil ich neugierig war. Es ist unglaublich, wie diese Wüstenstadt, die es auf keiner Landkarte gibt, funktioniert: Es gibt dort eine Fußballliga, Kinos, Wahlen, Märkte, Schulen, Krankenhäuser.

Kenias Regierung droht immer wieder, das Flüchtlingslager zu schließen. Geht das überhaupt?
Es wäre ein unvorstellbar schwieriges Unterfangen. Wie wollen Sie eine Stadt dieser Größe auflösen? Dazu braucht man das Militär und Tausende Fahrzeuge und Planierraupen. Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Aber ich kann mir vorstellen, dass die kenianischen Behörden den Menschen dort das Leben noch schwerer machen werden.

Wie denn?
Sie könnten zum Beispiel in Dadaab das Wasser abstellen. Das wäre ein schreckliches Verbrechen, aber sie könnten das machen. Außerdem haben die Hilfsorganisationen aufgrund der Drohungen der Regierung keine Planungssicherheit mehr. Und wenn sie nicht planen können, müssen sie irgendwann ­aufgeben.

Wie ist derzeit die Situation in Dadaab?
Viele Menschen werden gehen. Es gibt kein Essen mehr. Seit einem Jahr bekommen die Bewohner 30 Prozent weniger Nahrungsmittel zugeteilt, weil das Welternährungsprogramm nicht genug Geld hat. Es ist schon jetzt eine schreckliche Situation.

Was steckt dieses Mal hinter der Ankündigung, das Lager schließen zu wollen?
Für mich steht das in Zusammenhang mit dem Humanitären Weltgipfel, der im Mai in Istanbul stattfand, und mit dem EU-Türkei-Abkommen. Kenia hat gesehen, dass die Türkei drei Milliarden Euro zugesichert bekommen hat, um Flüchtlinge zu versorgen. Die Regierung feilscht um Geld.

Sie haben in Ihrem neuen Buch „Stadt der Verlorenen“ neun Bewohner des Lagers porträtiert. Sind Sie noch in Kontakt mit ihnen und ihren Familien?
Ja, mit allen.

Wie reagieren die Bewohner auf die Bedrohung ihres Zuhauses?
Sie haben Angst. Der kenianische Staat stellt eine Bedrohung für sie dar. Um die Räumung vorzubereiten, wurde die Dienststelle für Flüchtlingsangelegenheiten im Lager geschlossen. Das heißt, die Menschen können keine Reiseerlaubnis mehr beantragen. Die benötigen sie aber, um eine Universität zu besuchen oder sich in einem Krankenhaus in Nairobi behandeln zu lassen. Wer eine Operation benötigt, ist also gefangen. Im Krankenhaus von Dadaab sterben Menschen, weil sie nicht verlegt werden dürfen.

Warum hat Kenia diese Menschen nie als Chance betrachtet?
Diese Frage könnten Sie auch der Europäischen Union stellen: Warum sieht sie Flüchtlinge nicht als Menschen, Wirtschaftsfaktor, Steuerzahler? Europa braucht 50 Millionen Einwanderer bis zum Jahr 2050, um den Lebensstandard halten zu können. Ich verstehe nicht, warum weder Kenia noch die EU ­diese Menschen als Chance begreifen. Das wäre die rationale Betrachtungsweise. Aber die politische Debatte wird nicht rational, sondern emotional geführt. Man diskutiert darüber, wer wir sind, für was wir uns halten und wer die anderen sind. Das vermischt sich mit der Angst vor Terrorismus, die alles vergiftet. Wir sind als Gesellschaft verloren, wenn wir uns dieser Angst hingeben.

In zahlreichen EU-Staaten ist derzeit nicht von mehr Hilfe für Flüchtlinge, sondern von Obergrenzen die Rede.
Es geht bei der Flüchtlingskrise nicht um Zahlen. Wir können das bewältigen, wenn wir es wollen. Es handelt sich vielmehr um eine Identitätskrise Europas, weil wir nicht in der Lage sind, Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Meine Sorge wächst, weil wir uns immer stärker mit einer Nation identifizieren anstatt mit einem Staat. Wir müssen uns für den Staat entscheiden, nicht für die Nation. Und dann im nächsten Schritt für die Gemeinschaft der Staaten: die Europäische Union. Wenn wir hingegen den Weg weiterverfolgen, den wir jetzt eingeschlagen haben, gehen wir in eine dunkle Richtung.

Die Menschenrechte von Flüchtlingen werden immer stärker eingeschränkt. Das beweist auch das EU-Türkei-Abkommen …
Manche Menschen sagen, dass die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 tot ist. Vielleicht stimmt das, weil wir seit Jahren hinnehmen, dass die Menschenrechte immer mehr eingeschränkt wurden. Das Lager von Dadaab und die Lebensbedingungen, die dort seit 25 Jahren herrschen, sind an sich schon ein Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention: Man setzt die Menschen an einem Ort fest, sie können nicht weg, sie können nicht arbeiten und man gibt ihnen nicht genug zu essen. Doch die reichen Länder verhalten sich nicht viel besser, wie wir jetzt in Europa überrascht feststellen konnten. Die Entschuldigung der Entwicklungsländer lautet: Wir sind arm, wir können uns keine Menschenrechte leisten. Aber Europa kann das nicht sagen.

Sie verweisen in Ihrem Buch auf einen somalischen Begriff, der in Dadaab entstanden ist: „Buufis“ bedeutet gleichzeitig Hoffnung und Verzweiflung. Weiß man, wie hoch die Selbstmordrate ist?
Sie ist sehr hoch und das ist ein großes Problem. Viele Schülerinnen und Schüler, die kein Stipendium für Kanada bekommen, nehmen sich das Leben. Denn nur die besten zehn Prozent eines Abschlussjahrgangs der Sekundarschule bekommen ein Stipendium. Wenn eines dieser klugen Kinder es nicht schafft, sehen sie oft keine andere Lösung. Ihr ganzes Leben war darauf ausgerichtet, sie hatten nichts anderes vor Augen, es war ihr größter Traum.

Gleichzeitig ist es überraschend, was diese Menschen leisten …
Ja, sie leisten eine Menge. Die Gemeinschaft ist sehr stark. Auch wer es geschafft hat, das Lager zu verlassen und sich im Ausland ein neues Leben aufzubauen, vermisst diese Gemeinschaft. Ich habe vor einigen Jahren in Nordschweden vier junge Männer getroffen, die aus Dadaab stammen. Sie träumten ­davon, das Lager wieder zu besuchen.

Sie schreiben, die Bewohner des Lagers würden Sympathisanten der islamistischen Terrormiliz Al-Shabaab ablehnen.
Ja, sie wollen nichts mit Al-Shabaab zu tun haben. Trotzdem wirft ihnen die kenianische Regierung immer wieder vor, sie seien für den Terrorismus im Land verantwortlich.

Sollte man weiter korrupten Regierungen Geld geben oder es lieber direkt den NGOs zukommen lassen, damit es auch dort landet, wo es gebraucht wird?
Das Problem ist: Die Regierungen sind der Türöffner. Nur mit ihnen kann man Zugang zu den Flüchtlingen bekommen. Doch manche dieser Regierungen sind auch der Grund, warum Menschen fliehen. Sie sind Kriminelle – und gleichzeitig kommt man nicht an ihnen vorbei. Wenn sie mehr Geld bekommen, ­haben sie noch mehr Mittel, um ihre Bevölkerung zu unter­drücken. Eigentlich vergrößert man die Not damit nur. Doch es gibt keine Alternative. Es ist verrückt.

Ben Rawlence
Ben Rawlence, geboren 1974, ­arbeitete als Menschenrechts­beobachter unter anderem für „Human Rights Watch“. Als ­Journalist verfasst er regelmäßig Beiträge für die BBC, „The Guardian“ und die „London Review of Books“. Ben Rawlence lebt mit seiner Familie in Wales. Sein Buch „Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt“ ist 2016 im Hanser Verlag erschienen.

Erschienen im Amnesty Journal, August 2016