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Interview mit Nicolas Hénin über Terrorismus

In seinem Buch „Der IS und die Fehler des Westens“ (Orell Füssli Verlag, 2016) geht der französische Journalist Nicolas Hénin davon aus, dass die Islamisten militärisch nicht zu besiegen sind. Der 40-Jährige ist überzeugt, dass es andere Wege gibt, ihren Einfluss einzuschränken.

Sie arbeiten als Journalist schon seit vielen Jahren in Syrien und im Irak und sprechen Arabisch. Dann gerieten Sie im Juni 2013 in Geiselhaft, aus der Sie am 20. April 2014 befreit wurden. Hat die Erfahrung Ihren Blick auf die Länder verändert?

Nicolas Hénin: Nein, nicht wirklich. Der Vorfall hatte wenig mit der Region und ihren Menschen zu tun. Die Terroristen des Islamischen Staates (IS) sind eine Gruppe von vielleicht 2000 Kämpfern, die überwiegend aus dem Westen kommen. Meine Bewacher unterhielten sich auf Englisch oder Französisch über amerikanische TV-Serien.

Wahrscheinlich wird es nach Paris und Brüssel weitere Anschläge in Europa geben. Wir sind es nicht gewohnt, mit Terrorismus zu leben. Wie sollte man ihm begegnen?

Wir kennen Terrorismus nicht mehr, genauso wie wir Krieg nicht mehr kennen. Für unsere Eltern und Großeltern war beides Teil des Lebens. Ja, Terror ist traumatisierend. Wir wollen uns nicht einmal vorstellen, damit zu leben. Aber die Vergangenheit hat gezeigt: Gesellschaften können das bis zu einem bestimmten Punkt aushalten. Terrorismus ist nichts anderes als politische Gewalt. Es hat sie immer gegeben. In Frankreich hatten wir schon in den 1990er Jahren Bombenanschläge von Islamisten. Als Folge der Invasion im Irak gab es Anschläge in Spanien und England. In Deutschland war es der Terror der RAF-Fraktion in den 1970er Jahren. Ich würde sagen, wir sind belastbarer, als wir denken. Wir können auch damit leben.

Was ist das Ziel der Anschläge?

Das Ziel von Terrorismus ist nicht, zu töten, sondern Gesellschaften zu destabilisieren. Ein Mörder will töten, ein Terrorist will mit seinen Taten erreichen, dass Menschen sich irrational verhalten. Das ist sein Interesse, das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten.

Was können wir tun, um mit der Angst besser umzugehen?

Zunächst tun unsere Staaten alles, um weitere Anschläge zu verhindern. Aber wir müssen an unserer Widerstandfähigkeit arbeiten. Das bedeutet primär anzuerkennen, dass wir in einer Zeit mit Kriegen leben. Trotzdem befinden wir uns in einer relativ sicheren Region. Das Risiko, von einem Anschlag betroffen zu sein, ist viel niedriger als anderswo. Wir müssen uns immer wieder die Verhältnismäßigkeit vor Augen halten. Das heißt nicht, dass wir das Risiko vergessen oder um Opfer nicht trauern sollen.

Wie finanziert sich der IS?

In erster Linie aus der Plünderung eroberter Gebiete, dann aus erpressten Lösegeldern. Aber ich denke nicht, dass sie viel Unterstützung aus den Golfstaaten bekommen, höchstens von einigen privaten Geldgebern.

Sie schreiben in Ihrem Buch, es sei wichtig, die Herzen der Menschen zu gewinnen, und plädieren für einen empathischen Ansatz anstatt militärischer Interventionen. Wie soll das funktionieren? Ist es dafür nicht zu spät?

Ich mache einen Unterschied zwischen normalem Krieg und dem, was ich den irregulären Krieg nenne, den Krieg ohne Waffen. Man muss die Bevölkerung auf der anderen Seite auf seine ziehen. Die allermeisten Menschen wünschen sich, ein normales Leben in Frieden zu führen. Die Menschen vor Ort werden letztlich über die Zukunft entscheiden. Sie sind sozusagen das Gravitationszentrum. Je weniger der Westen Kriegshandlungen anheizt oder selbst ausführt, umso mehr gewinnt er die Bevölkerung.

Überschätzen wir den Einfluss des IS in der Region? Sie schreiben, er werde niemals in der Lage sein, Bagdad oder Erbil einzunehmen.

Der IS könnte sicherlich den kurdischen Peschmerga im Norden des Irak empfindliche Verluste beibringen, aber es ist widersinnig zu behaupten, dass er Erbil in seine Gewalt bringen könnte. Es handelt sich um eine Gruppe sunnitischer Aufständischer, die nur Regionen kontrollieren kann, in denen sie auf örtliche Unterstützung zurückgreifen kann. Auch in Bagdad wäre das für den IS schwer, weil viele Sunniten die Stadt verlassen haben. Dort beherrschen schiitische Milizen das Geschehen. Die schlechte Nachricht ist, dass seit der Entmachtung der irakischen Armee, die in erster Linie aus Sunniten bestand, ein Machtvakuum herrscht. Insofern ist der Einfluss des IS nicht zu unterschätzen, weil er sich der Sunniten annimmt.

Wie geht es den Menschen in Syrien und im Irak heute?

Das Problem der dortigen Zivilbevölkerung ist: Sie haben keine Hoffnung. Sie glauben, dass der Rest der Welt sie und ihr Leiden ignoriert. Der Westen will nur die Terroristen ausgerottet wissen, aber über ihre Sicherheit macht sich niemand Gedanken. Sie sehen eine Unverhältnismäßigkeit und rechnen in Zahlen: Im November starben in Paris bei den Terroranschlägen 140 Menschen, im März am Brüsseler Flughafen 35 Menschen. Das ist tragisch. Aber im Irak gab es seit der US-Invasion 2003 hunderttausende Opfer, genauso wie in Syrien seit Beginn der Revolution.

Und wie geht es Ihnen heute?

Ich befasse mich nicht mehr viel mit meiner Geiselhaft. Ich bin Journalist und Experte für den Nahen Osten. So will ich auch wahrgenommen werden.

Sie haben seit Ihrer Freilassung nicht nur ein Buch über den Islamischen Staat geschrieben, sondern auch ein Kinderbuch über einen Igel mit dem Titel „Schafft es Papa Igel, nach Hause zu kommen“?

Ja, ich habe es mit dem Fotografen Pierre Torres geschrieben, der mit mir entführt wurde. Ich erzählte ihm irgendwann, dass der Igel einer meiner Lieblingstiere sei. Und er sagte darauf: „Igel sind großartige Tiere. Sie finden immer wieder den Weg nach Hause, egal wo man sie aussetzt.“ Das hat mir gefallen.

Erschienen in der Wiener Zeitung vom 31. Mai 2016

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Bücher

Auf See

Erschienen im Frohmann Verlag im Mai 2016, bestellbar u.a. im Ecobookstore.

„Das Buch – eine der wichtigsten Neuerscheinungen dieses Jahres – erzählt zwei Geschichten eines Untergangs. Es ist nicht der Untergang, der täglich in der Zeitung steht, das Ertrinken der Flüchtlinge, die von Schleppern in marode Boote gepresst und auf dem Mittelmeer ihrem Schicksal überlassen werden. Der Untergang, den Michaela Müller in ihrem Buch verhandelt, ist der Lebensweg eines jungen Paares – Ayan und Samir –, der katastrophale Zusammenbruch ihrer Alltagsleben im vom Bürgerkrieg zerstörten Somalia. Das ist etwas, wovon kaum ein deutscher Leser je etwas erfährt, das aber entscheidend ist, um das Ausmaß des Unglücks zu verstehen: Niemand „ist“ Flüchtling, es gibt nur Menschen auf der Flucht. Müller zeigt, wie Ayan und Samir dazu geworden sind, das heißt, sie macht aus ihren Schicksalen Biografien.“ Christian Bommarius in der Berliner Zeitung.

„Entstanden ist ein Buch, das viele Fragen aufwirft und zu denken gibt. Obwohl die Figuren genügsam gezeichnet sind, gelingt es Michaela Maria Müller, hinter den Flüchtlingen die menschlichen Schicksale hervortreten zu lassen. Und natürlich will sie ihre Leser mobilisieren, auch, wenn sie das nie offensichtlich macht.“ Welf Grombacher in der Rheinischen Post.

„Michaela M. Müller ist mit Auf See, die Geschichte von Ayan und Samir ein gut komponiertes, nicht linear geschriebenes Buch gelungen, um eine Liebe, die nicht stattfinden kann und viele Leben, die nicht stattfinden können. Einfach so. Aus vielen Gründen. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann eine große Verbreitung und angemessene Wahrnehmung für dieses wohlabgewogene Buch. Und nicht zuletzt, eigentlich käme es zuerst: Das Cover ist wunderschön.“ Tania Folaji auf ihrem Blog.

Lesungen: 

Auf der 9. Internationalen Buchmesse in Hargeisa/Somaliland vom 23. bis 28. Juli 2016

3. November 2016, 19 Uhr: Antiquariat Primobuch, Berlin

8. November 2016, 18 Uhr: Buchhandlung LeseGlück, Berlin

16. Februar 2017, 20 Uhr: ORi, Berlin, zusammen mit Jörg Sundermeier („Die Sonnenallee“)

18. Februar 2017, 19.30 Uhr: Neues Rathaus, Wilster

23. Februar 2017, 19 Uhr: Theater Expeditionen Metropolis im Rahmen der Reihe „Unterwegs sein“

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Interviews

Interview Mahi Binebine über Aktivismus und Kultur

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12. April 2016

Mahi Binebine sprach in seinen Romanen früh die Missstände in seiner Heimat Marokko an, aber eines Tages genügte ihm das Schreiben nicht mehr. Er erzählt vom Einsatz für benachteiligte Jugendliche.

Sie sind erfolgreicher Künstler und Aktivist. Ist das schwer zu vereinbaren?

Ich hasse es, Aktivist zu sein (lacht). Ich komme nicht zum Arbeiten. Alle zwei Jahre schreibe ich einen Roman, dazu mache ich zehn oder zwanzig Ausstellungen pro Jahr. Es gibt Parallelen, aber auch einen grossen Unterschied zwischen den beiden Rollen. Ich setze mich in meiner Kunst zwar mit Migration oder den Ursachen von Terrorismus auseinander, doch jetzt kann ich zum ersten Mal wirklich Menschen helfen.

In Ihren Büchern behandeln Sie gesellschaftspolitisch relevante Themen, lange bevor sie die Öffentlichkeit erreichen. In «Kannibalen» beschrieben Sie 2003 das Schicksal von Migranten, die die Überfahrt mit dem Boot von Marokko nach Spanien riskieren. In «Die Engel von Sidi Moumen» setzten Sie sich 2008 mit der Radikalisierung benachteiligter Jugendlicher auseinander.

Ja. Ich habe trotzdem das Gefühl, hinterher zu sein. Nach den Attentaten von Casablanca im Jahr 2003 war das ganze Land in Schockstarre. Niemand in Marokko hatte bis dato mit Terrorismus gerechnet. Wir dachten, wir leben in einer gesunden Gesellschaft. Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass ich Sidi Moumen nie vorher gesehen hatte. Es grenzt an eine Autobahn und liegt hinter einer grossen Mauer. Man sah nichts davon. Nichts. Eine versteckte Stadt mit 300 000 Einwohnern. Das sind viele Menschen, nicht wahr? Aber es ist ein Slum. In der Mitte liegt ein riesiger Müllhaufen. Ich habe mein Land nicht wiedererkannt. Das Bild, welches ich nie vergessen werde: Die Kinder spielen auf der Müllhalde Fussball. Als ich sie sah, dachte ich, sie werden die Helden meines nächsten Romans.

Das Buch wurde von dem marokkanischen Regisseur Nabil Ayouch verfilmt.

Wir arbeiteten mit jungen Laienschauspielern aus Sidi Moumen. Für die Zeit der Dreharbeiten brachten wir sie in einem Appartement in Casablanca unter. Sie bekamen gutes Essen, Kleider und konnten duschen. Als das Ende der Dreharbeiten näher kam, fragte mich Nabil: «Was machen wir jetzt mit den Kindern?» Ich sagte: «Keine Ahnung.» Wir sprachen viel und beschlossen dann, etwas für die Kinder und Jugendlichen zu tun.

Was haben Sie unternommen?

Ich setzte mich mit Malerkollegen aus der ganzen Welt in Verbindung und bat sie, ein Werk für eine Versteigerung zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich zum Teil um recht bekannte Künstler. Wir erhielten fast hundert Bilder und nahmen damit eine Menge Geld ein. Dann trafen wir uns mit dem Bürgermeister von Sidi Moumen. Wir baten ihn um ein Grundstück. Nach einer Stunde Gespräch überliess er uns viel mehr als das: Er gab uns das bereits bestehende Kulturzentrum mit über 2000 Quadratmetern Fläche, für das es aber keine Gelder gab. Wir konnten mit unserer Arbeit beginnen. Mittlerweile ist auch die langfristige Finanzierung gesichert.

Was bieten Sie dort an?

Pro Woche bieten wir derzeit 85 Kursstunden an: Theater für unterschiedliche Altersstufen, Ballett, Hip-Hop, Klavierunterricht, Fotokurse oder Business-Englisch für Erwachsene. In unserem Zentrum in Sidi Moumen sind 400 Kinder und Jugendliche registriert, aber es kommen doppelt so viele und nehmen die Angebote wahr.

Wenn Sie etwa an die Lebenssituation der Menschen in den Vororten von Paris denken und sie mit Casablanca vergleichen, gibt es da Gemeinsamkeiten?

Die Regierungen haben ähnliche Fehler gemacht. Länder wie Frankreich oder Italien haben in den 1950er und 1960er Jahren sozialen Wohnungsbau am Stadtrand gefördert. Sie haben nicht daran gedacht, dass sie damit die Menschen dort ausschliessen. Im Verlauf haben sich manche Vorortsiedlungen zu rechtsfreien Räumen entwickelt, in denen Gewalt ein probates Mittel ist, sich durchzusetzen. Wir bekommen jetzt die Quittung für das, was wir in den letzten Jahren versäumt haben.

Können Sie beschreiben, wie die Radikalisierung bei den Jugendlichen in den marokkanischen Bidonvilles abläuft?

Nach den Attentaten habe ich mit einem Journalisten, der aus Sidi Moumen stammt, viel Zeit dort verbracht. Ich habe mit den Familien und Freunden der Attentäter gesprochen. Sie erklärten es mir: Die Islamisten gehen langsam an die Kinder heran. Sie holen sie aus dem Müll heraus. Sagen ihnen, dass sie sauber sein sollen, und geben ihnen eine Unterkunft, wo sie sich waschen können. Und sie bekommen zu essen.

Das ist es, was jeder will.

Ja. Dann nehmen sie die Kinder mit in die Moschee, wo sie fünfmal am Tag beten und den Koran studieren. So sind sie erst einmal von ihren alten Freunden und ihrer Familie entfernt – und Teil der anderen Gemeinschaft. Sie verschaffen ihnen Arbeit. Und dann im letzten Schritt kommt die Radikalisierung. Die Islamisten zeigen ihnen Videos von Attentaten, die sie mit Verschwörungstheorien verbinden: von vermeintlichen Juden, angeblichen amerikanischen Imperialisten und dem armen Araber als Opfer. Dabei glorifizieren sie die Terroristen und sagen gleichzeitig: «Du bist auserwählt.» Von da an ist es einfach. Es braucht zwei Jahre, um eine menschliche Bombe zu erschaffen. Das ist nicht viel. Wenn ein Kind mit 14 Jahren angeworben wird, kann es mit 16 bereit sein, sich in die Luft zu sprengen.

Wie ist es dazu gekommen?

In den 1970er Jahren Geld aus den Golfstaaten anzunehmen, war ein Fehler. Es brachte zwar Universitäten und Krankenhäuser, aber auch den Wahhabismus ins Land, der nun Fuss gefasst hat. Trotzdem sind die Islamisten nicht die schlechten Söhne des Arabischen Frühlings. Sie sind letztlich das Erbe der Misswirtschaft der Diktatoren in den vergangenen Jahrzehnten.

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Wir wollen den Jugendlichen einen Raum geben, in dem sie sich entwickeln können. Wir wollen den islamistischen Terror, der seinen Ursprung in den Elendsquartieren hat, mit Kultur bekämpfen. Die religiöse Mafia benutzt die Religion, um Menschen von ihrer Sache zu überzeugen. Wir nehmen die Kultur, um ihnen zu zeigen, dass sie falsch liegen. Auch die Lebensumstände müssen sich ändern. Es geht nicht, dass jemand aus der Bourgeoisie einen Fahrer, eine Hausangestellte beschäftigt und mit 150 Euro im Monat entlohnt.

Das klingt vielleicht abstrakt, aber haben wir eine gemeinsame Aufgabe?

Ja – uns für den Frieden einzusetzen. Aber die Sprache des Terrorismus ist effizient. Nach den Anschlägen von Casablanca 2003 kamen praktisch keine Touristen mehr. Die Terroristen entziehen uns somit die Lebensgrundlage. Man kann nichts gegen einen Mann machen, der mit einem Sprengstoffgürtel sterben will. Das ist der Unterschied zum Krieg. Im Krieg will niemand sterben. Die Soldaten an der einen Front nicht und die an der anderen auch nicht. Terrorismus stellt das auf den Kopf. Die einzige Waffe, die wir gegen sie haben, ist die Kultur. Das Leben ist besser als der Tod.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Wir eröffnen im Laufe des Jahres weitere Zentren: in Tanger, Fez und Ouarzazate. Die Bidonvilles sind der Ort, an dem die Islamisten arbeiten. Wir stellen gerade ein und lernen die neuen Mitarbeiter in Sidi Moumen an.