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Reportagen

75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Erschienen in der Serie „10 nach 8“ auf Zeit Online am 28. Januar 2020 – Fotos: Michaela Maria Müller.

Hier ermordeten die Nazis 1,1 Millionen Menschen, nur 7.000 konnten gerettet werden. Ein Besuch in Auschwitz, am 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers

Am Tag der Gedenkfeier anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung ist vieles anders in der Stadt. Bereits kurz nach acht Uhr stockt auf der Ulica Legionów, die zum ehemaligen Stammlager von Auschwitz führt, der Verkehr. Die Straße ist gesperrt. In der Ferne kündigen Polizeisirenen die Ankunft einer Delegation an. Alle müssen warten, beinahe eine unfreiwillige Gedenkminute: Fußgänger*innen, Rad- und Autofahrer*innen und der Fahrer eines Lkws, der ein Polter Holz geladen hat, ebenfalls. Aus mehr als 50 Ländern haben sich Vertreter*innen angemeldet. Als die Kolonne mit Blaulicht eskortiert vorbeigefahren ist, rollt der Verkehr weiter.

In der Stadt führt am Vormittag ein junger Mann, der als Freiwilliger ein Jahr in Oświęcim verbringt, eine deutsche Schülergruppe durch das Jüdische Museum. Es ist im ehemaligen Haus der Familie Kornreich untergebracht. Dort wird das jüdische Leben vor dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert: Die Schenkungsurkunde eines Grundstücks bezeugt, dass es seit dem 16. Jahrhundert jüdisches Leben in der Stadt gegeben hat. Die ersten Familien stammten vermutlich aus Westeuropa und handelten mit Salz und Gewürzen. In den Vitrinen sind noch die bunten Etiketten und Likörflaschen der Spiritus-Raffinerie Haberfeld ausgestellt. Gegründet 1804, wie es auf einem Firmenschild nachzulesen ist. Auch alte Familien- und Klassenfotos sind zu sehen. Sowie Überlebende, die nach der Befreiung versuchten, in Oświęcim Fuß zu fassen. Die meisten hielten es nicht aus und wanderten nach Israel oder die Vereinigten Staaten aus. Jede dieser Aufnahmen erzählt ein unfassbares Schicksal, von Lola und Maurycy Bodner zum Beispiel, die 1946 den fünfjährigen Menachem adoptieren, der Josef Mengeles Versuche überlebte. Auf dem Foto haben die beiden das Kind in ihre Mitte genommen und lächeln in die Kamera.

Der Geruch von Kohle liegt über der Stadt

Das Jüdische Museum befindet sich im Zentrum von Oświęcim in der Nähe des Marktplatzes. „Es kommen viele Besucher*innen“, bemerkt eine Bewohnerin, „und immer mehr nun auch in die Stadt.“ Die Zahlen der Gedenkstätte bestätigen das. Im vergangenen Jahr kamen 2,3 Millionen Menschen, so viele wie noch nie.

Die gelben Shuttlebusse, die man aus dem Berliner Stadtverkehr kennt, bringen heute Teilnehmende nach Birkenau, wo am Nachmittag die zentrale Gedenkveranstaltung stattfindet. An einem normalen Tag pendeln die Busse alle zehn Minuten zwischen Auschwitz und dem Dorf Brzezinka, um Besuchergruppen hin- und herzutransportieren. An normalen Tagen ist auf den Straßen nicht viel Verkehr. Nur Anwohner*innen, die Shuttlebusse und ein paar Großraumtaxen sind da unterwegs, letztere um zu den etwas abgelegeneren Erinnerungsorten zu gelangen, wie dem Minoritenkloster in Harmęże etwa, um die Zeichnungen des Überlebenden Marian Kołodziej zu sehen.

Heute ist das anders. Der Geruch von Kohle liegt über der Stadt, wie überall im schlesischen Kohlerevier. Der Bus überquert eine Brücke, die über Gleise führt. Neben ihr, an der Maksymiliana Kolbego, befindet sich ein Kohlehandel. Dort türmen sich Steinkohlehaufen, die über Förderbänder transportiert und nach Bruchgrößen sortiert werden. Auf der einen Seite des Dorfrands von Brzezinka befindet sich die erste Judenrampe, am anderen das ehemalige Vernichtungslager. Von den Baracken, die sich hinter dem Tor rechts und links der Bahngleise erstreckten, zeugen heute noch die gemauerten Kamine, die aus der Wiese nach oben ragen.

Die Überlebende Irene Weiss, die als 13-Jährige im Lager inhaftiert war, erinnert sich, dass es zwei Auschwitz‘ gab: das bei Tageslicht und das der Nacht. Viele, die bei Tag ankamen, glaubten zunächst, sie seien in einem Arbeitslager und ahnten nicht, dass nach der Selektion an der Rampe der Tod folgte. Diejenigen, die in der Nacht ankamen, begriffen es sofort. Sie mussten in der Dunkelheit in Richtung der vermeintlichen Duschräume laufen. Aus den Kaminen der Krematorien schlugen meterhoch Rauch und Flammen. Irene Weiss erinnert sich, als sie in den Nächten gezwungen war, die nie kleiner werdenden Schuhberge im Effektenlager zu sortieren. Sie, ein Mädchen von dreizehn Jahren, hielt sich die Ohren zu, bis eine Gruppe verzweifelter Menschen vorbeigetrieben wurde, denn sie konnte die Schreie nicht aushalten. Am 26. Mai 1944, an dem Tag als sie ihre Familie verlor, wurden 10.000 Menschen ermordet.

„Schauen Sie nicht gleichgültig zu“

Für die Gedenkveranstaltung ist über dem Tor von Birkenau ein großes weißes Zelt errichtet worden, das gleichsam die alte Begrenzung des Lagers aufbricht. Es spannt sich darüber und ist hell erleuchtet. Wenig später haben dort Überlebende und Staatsgäste Platz genommen. Was die Überlebenden berichten, ist schwer zu ertragen und immer noch unfassbar. 

„Ich stehe heute hier“, sagt Bat-Sheva Dagan, „und ich weiß nicht, ob es wahr ist oder ein Traum, nach all den Leiden, die ich hier erfahren habe.“ Sie erinnere sich nicht mehr, sagt sie, was schlimmer war: das Tätowieren oder die Rasur ihrer Haare. Als ihre Hände den geschorenen Kopf berührt hätten und sie sich in einer Fensterscheibe gespiegelt gesehen habe, habe sie sich selbst nicht erkannt. Die Haare wuchsen wieder, aber die Erinnerung sei geblieben. Sie habe sich Rache gewünscht, dafür, dass die Menschen anstehen mussten, um in den Tod zu gehen. Eine Gaskammer in diesem Krematorium maß 234 Quadratmeter, jedes Mal wurden 1.600 Menschen ermordet. Bis der Tod eintrat, dauerte es 30 Minuten. Je näher man sich an den Schächten befand, in die vom Dach aus das Gift geschüttet wurde, umso schneller ging es. „Ich hoffe“, schließt Dagan und wendet sich an die Anwesenden, „Sie alle setzen sich dafür ein, dass so etwas nie wieder passiert, und halten die Erinnerung an diesen Ort aufrecht.“ 

Das elfte Gebot

Der Überlebende Marian Turski, heute Vorsitzender des Jüdischen Historischen Instituts Warschau, mahnt, dass Auschwitz nicht vom Himmel gefallen sei. Er versetzt die Zuhörer*innen in das Berlin der frühen Dreißigerjahre: „Auf einer Bank stand: ‚Juden dürfen nicht auf der Bank sitzen.‘ Nun ja, könnte man sagen, sie können ja noch woanders sitzen. Es gibt so viele Bänke. Dann hieß es, sie dürfen nicht in Gesangsvereinen Mitglied sein. Nun ja, dann gründen sie eben ihre eigenen. In Schaufenstern von Bäckereien hingen Schilder: ‚Wir verkaufen nur ab fünf Uhr Brot an Juden.‘ Nun ja, auch daran kann man sich gewöhnen. So wurde es normal, dass Menschen ausgeschlossen und ausgegrenzt wurden. So ist es passiert. Schritt für Schritt. Alle haben es akzeptiert, die Opfer, Täter*innen und Mitläufer*innen. Und plötzlich ging es ganz schnell.“ Turski erinnert an das „elfte Gebot“: „Du sollst nicht gleichgültig sein. Schauen Sie nicht gleichgültig zu, wenn Minderheiten diskriminiert werden.“

Auch der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist unter den Gästen. Er besucht, ebenso wie die Kanzlerin Angela Merkel vor zwei Monaten, zum ersten Mal die Gedenkstätte. Auf ihn, der bei den Gedenkveranstaltungen als Stellvertreter des Tätervolks auftritt, sind die Augen gerichtet, wie schon wenige Tage zuvor in Jad Vaschem. Er schreibt in das Gästebuch: „Auschwitz ist ein Ort des Grauens und ein Ort deutscher Schuld. Es waren Deutsche, die andere Menschen herabgewürdigt, gefoltert und gemordet haben. Wir wissen, was geschehen ist und müssen wissen, dass es wieder geschehen kann.“ 

Inzwischen sind es die dritte und vierte Generation, die das Gedenken weitertragen. Doch es ist absehbar, dass in Zeiten des Populismus von rechts in den kommenden Jahren viel um Erinnerung gerungen werden muss. Obwohl die Fakten klar sind, obwohl es inzwischen eine hochdifferenzierte Forschung zum Holocaust gibt.

 

 

 

 

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Reportagen

Widerstand wider Willen: Der Landrat Hans Schuirer und die WAA Wackersdorf

Erschienen in in der Serie „10 nach 8“ auf Zeit Online am 19. Mai 2019 – Fotos: Michaela Maria Müller.

Vor 30 Jahren war Schluss: Bürgerproteste führten zum Baustopp einer Aufbereitungsanlage für Atommüll in Wackersdorf. Hans Schuierer organisierte damals die Aktionen.

Ein unscheinbares Schild, auf dem „Franziskusmarterl“ steht, zeigt am Straßenrand in den Wald. Hans Schuierer setzt den Blinker und biegt ab. Während seiner Amtszeit als Landrat war er Mitte der Achtzigerjahre maßgeblich daran beteiligt, die Errichtung einer Wiederaufbereitungsanlage für atomaren Sondermüll in Wackersdorf zu verhindern. Nach vier Jahren Bauzeit wurde das Projekt am 31. Mai 1989 abgebrochen. Die Proteste der Atomkraftgegner und Anwohner waren erfolgreich.

Heute ist Hans Schuierer 88 Jahre alt. Im Taxöldener Forst, wo sich damals die Szenen des Widerstands abspielten, hat er als Kind schon Blaubeeren und Pilze gesammelt. Der Wald liegt ihm am Herzen. Wir fahren tiefer und tiefer hinein, die asphaltierte Straße wird zum Wirtschaftsweg. Am Rande einer Lichtung halten wir und steigen aus. Und ja, immer noch bedecken Blaubeersträucher den Boden, sie tragen Mitte April schon kleine Früchte. Das „Marterl“, wie die Einheimischen es kurz nennen, ist ein Erinnerungsort an den Widerstand, der von ganz unterschiedlichen Menschen aus der Bevölkerung getragen wurde: vom Pfarrer über den Landwirt, von der Hausfrau zur Museumsleiterin.

Mitte der Achtzigerjahre fand hier jeden Sonntagnachmittag eine ökumenische Andacht statt, zu der sich regelmäßig Hunderte Menschen einfanden. Künstlerinnen stifteten Werke, die sich auf der Lichtung im Halbkreis aneinanderreihen: ein meterhoher Männerkörper, geschnitzt aus einem Baumstamm, ein im Waldboden eingelassenes Mosaik auf dem „WAA nein“ zu lesen ist und eine weiß getünchte Kapelle, die an den Stifter des Ortes und die Menschen erinnert, die bei den Protesten ums Leben gekommen sind. Über allem thront ein Christus am Kreuz.

Inzwischen wirkt alles ein wenig in die Jahre gekommen. Und liegt das Marterl nicht etwas versteckt? „Wir mussten zwei Jahre warten, bis uns das Straßenbauamt erlaubt hat, überhaupt ein Schild am Straßenrand aufzustellen.“ Die Erinnerung an den Widerstand scheint mancherorts immer noch nicht erwünscht zu sein.

Als Schuierer sein Amt als Landrat in den Siebzigerjahren antrat, war der Landkreis Schwandorf alles andere als wohlhabend. Die Braunkohleförderung war eingestellt worden, das Stahlwerk Maxhütte-Haidhof stand vor dem Konkurs. Größere Industriebetriebe neu anzusiedeln gelang nicht. Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung waren ohne Arbeit, nirgends in der Bundesrepublik gab es eine höhere Arbeitslosigkeit.

Auch er sei anfangs für den Bau und die Atomkraft gewesen, wie viele in der SPD damals, gibt Schuierer zu. Und das Versprechen, 3.600 neue Arbeitsplätze in der Region zu schaffen, klang wie die Lösung aller Probleme. Die Vertreter der künftigen Betreibergesellschaft DWK schilderten die Zukunft in den schillerndsten Farben und betonten, dass es sich um eine sichere und saubere Technologie handele, die bei der Wiederaufbereitung der Brennelemente zum Einsatz käme. Schuierer habe ihnen geglaubt – bis ihm die Baupläne vorgelegt wurden.

Als er sie studierte, sei der gelernte Maurer und Bautechniker stutzig geworden: Es war darin ein 200 Meter hoher Kamin eingezeichnet. Als er nachfragte, habe der Vorstandsvorsitzende eingeräumt, dass dieser nötig sei, damit die radioaktiven Schadstoffe möglichst breit verteilt würden. „In dem Moment habe ich gemerkt, dass sie nicht mit der Wahrheit gearbeitet haben. Sie hatten immer von sauberen Arbeitsplätzen gesprochen und garantiert, dass es keine Umweltverschmutzung geben würde“, erinnert er sich. Man habe versucht, ihn umzustimmen. Vergebens. 

Wir verlassen das Franziskusmarterl, fahren zurück auf die Straße, vorbei an einem lang gestreckten, ziegelroten Gebäude mit grünem Dach, das wie ein Bunker aussieht. „Das sollte das Brennelemente-Eingangslager werden“, sagt Schuierer. „Es hat einen eigenen Gleisanschluss, ist gegen Flugzeugabstürze und Erdbeben gesichert. Die Mauerdecke ist 1,5 Meter dick.“

Wieder biegen wir von der Straße ab und stehen vor einer heruntergelassenen Schranke, die uns am Weiterfahren hindert. Im Gestrüpp ist ein Berg Pflastersteine aufgetürmt. „Hier stand das Tor“, erinnert sich Schuierer. Zehntausende Demonstranten und Polizeibeamte trafen dort aufeinander. „Die Polizei hat die Leute auf brutalste Weise nieder geprügelt.“ Nach einem Einsatz, an dem ein Sonderkommando aus Berlin beteiligt war, bat der Regensburger Polizeipräsident die Staatsanwaltschaft, Ermittlungen gegen Beamte aufzunehmen.

Je länger die Proteste dauerten, desto heftiger wurden sie. An Ostern 1986 demonstrierten 100.000 Menschen gegen die Anlage. Gewaltbereite Autonome mischten sich bald in den bürgerlichen Widerstand. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß wollte dem schnell ein Ende bereiten. Im bayerischen Staatshaushalt wurde der Posten für außerplanmäßige Polizeieinsätze im Jahr 1986 von 2,5 Millionen D-Mark auf mehr als 50 Millionen D-Mark aufgestockt. „Es gab aber auch eine Reihe von Polizeibeamten, die auf unserer Seite waren. Sie gründeten einen Verein und nannten ihn Kritische Polizeibeamte. Sie haben uns manchmal Hinweise gegeben, das war ganz wichtig für uns. Aber auch gegen sie wurde vorgegangen“, erzählt Schuierer.

Der Druck auf ihn wuchs. Er entschied sich, durch die Bundesrepublik zu fahren und um Unterstützung zu bitten. „Ich war zweimal in Berlin an der Technischen Universität, in Hamburg, Bremen, im ganzen Ruhrgebiet, runter bis nach Rheinland-Pfalz und habe gesagt: ‚Es hilft nichts, wenn ihr uns Sympathie bezeugt. Ihr müsst Busse organisieren und nach Wackersdorf kommen.'“ Und sie bekamen Unterstützung, ganz besonders aus der Stadt Salzburg. Doch als an einem Wochenende ein Konvoi mit 32 Bussen nach Wackersdorf unterwegs war, wurde der an der österreichisch-deutschen Grenze abgewiesen. Daraufhin wurde Strauß als Gast bei den Salzburger Festspielen ausgeladen.

Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 kamen immer mehr Menschen nach Wackersdorf und schlossen sich den Demonstrationen an. Es dauerte weitere drei Jahre, bis Ende Mai 1989 die Betreibergesellschaft DWK schließlich den Baustopp für das Großprojekt anordnete und einräumte, dass man gegen den Willen der Bevölkerung eine solche Anlage nicht errichten könne. Es war ein Sieg für die Bürgerbewegung und eine Niederlage für die bayerische Staatsregierung, insbesondere für Franz Josef Strauß, der alles an die Umsetzung des Projekts gesetzt hatte, der sogar eigens die Lex Schuierer erfand, um gegen den widerspenstigen Landrat vorgehen zu können. Jahrelang hatte er Schuierer zudem mit Disziplinarverfahren überzogen. Aber der hielt stand.

Am Steinberger See winken ihm ein paar Männer am Straßenrand zu und Schuierer hält an. Heute sind die Flöze des Braunkohletagebaus geflutet, ein großes Naherholungsgebiet ist entstanden. An den Stegen dümpeln unter der Woche Segelboote, Wasserskifahrer drehen an einer Übungsanlage ihre Runden. Urlauber können auf dem angrenzenden Campingplatz übernachten. Von Weitem sieht man schon die neueste Attraktion, eine riesige begehbare Kugel aus Holz, die gerade eröffnet wurde.

Viele der Anwohner sind heute der Ansicht, dass es eine gute Wendung genommen habe: Es seien viel mehr Arbeitsplätze entstanden, als der Bau einer Wiederaufbereitungsanlage gebracht hätte. Auf dem Gelände befindet sich heute ein Entwicklungszentrum des Autobauers BMW, und auch andere große Industriefirmen wie Caterpillar oder Hochtief haben dort Niederlassungen eröffnet.

Der Widerstand, der dies allerdings erst möglich gemacht hat, sei fast 30 Jahre lang ein Tabuthema gewesen, sagt Hans Schuierer. Das ändert sich gerade. Im vergangenen Jahr lief der Film Wackersdorf in den Kinos, und Schuierer wird immer öfter eingeladen, diskutiert mit Schülern, hält Vorträge. „Wackersdorf ist ein Muster- und Lehrbeispiel, was in einem Demokratie- und Rechtsstaat nicht passieren darf“, sagt er und fährt fort: „Aber es ist auch ein Musterbeispiel dafür, was in einer Demokratie möglich ist.“

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Porträts Reportagen

Sheyma und Ilyas

Eine Frau will schwanger werden. Drei Mal lässt sie sich künstlich befruchten, drei Mal klappt es nicht. Beim vierten Versuch wird sie schwanger. Aber der Embryo hat einen so schweren Defekt, dass das Kind nach der Geburt sterben wird. Die Frau entscheidet sich für ihr Kind. Für ein kurzes Leben vor dem Tod.

Ein kurzer einfacher Satz. Ein schrecklicher Satz, der alles verändert. „Mit dem Kopf ist etwas nicht in Ordnung“, erklärt die Frauenärztin beim ersten Ultraschall in der 12. Woche. „Wir brauchen eine zweite Meinung.“ Am nächsten Tag hat die schwangere Sheyma Nasser* einen Termin für eine feindiagnostische Untersuchung. Es ist der 12. August 2011.

„Den Tag werde ich nie vergessen“, erzählt sie. Wenn Sheyma spricht, in perfektem Deutsch, wählt sie ihre Worte entschieden, aber mit Bedacht. Manchmal ganz so, als ob sie nicht für sich selbst, sondern über eine fremde Person spräche. Sheyma ist Muslima, trägt ihr Haar unter dem Kopftuch, streng bis zur Stirn.

Die Untersuchung findet in einer Praxis für Pränataldiagnostik am Berliner Kurfürstendamm statt. Da kann Sheyma ihr Kind sehen, im Babyfernsehen, wie das unter werdenden Eltern so heißt. Bis gerade war es eine Routineuntersuchung, jetzt kann sie erkennen, was nicht in Ordnung ist: Ihrem Kind fehlen Schädeldecke und Teile des Großhirns. Es leidet an Anenzephalie, einer Fehlbildung von Kopf und Gehirn, die schon vor dem 26. Schwangerschaftstag entsteht.

Bei Säuglingen mit dieser Diagnose ist die Schädeldecke nicht geschlossen oder fehlt ganz, das Stammhirn und die Hirnanhangsdrüse sind unterentwickelt. Der Schädel endet unmittelbar über den Augenbrauen, die Stirn fehlt. Darum treten die Augen stark hervor, weshalb die Säuglinge auch „Froschkinder“ genannt werden. Meist geht die Anenzephalie auf einen Mangel an dem Vitamin Folsäure zurück; mitunter scheint sie aber auch spontan zu entstehen, man könnte sagen aus einer Laune der Natur heraus. Manche Kinder sterben bereits im Mutterleib, andere sind nach der Geburt einige Stunden lebensfähig, mit intensivmedizinischer Betreuung vielleicht länger. Schätzungen zufolge wird eines von tausend Kindern mit Anenzephalie geboren.

Nach der Diagnose informiert Sheyma ihre beste Freundin Tania und einen Teil der Familie. Die große Frage lautet: Soll sie das todgeweihte Kind auf die Welt bringen? Eine Woche dauert es, bis sie ihre Entscheidung getroffen hat.

Sie und ihr Mann wollten immer eine Familie gründen. Als es auf natürlichem Weg nicht klappte, entschieden sie sich, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen. Ein erster Versuch. Ein zweiter. Und dann noch ein dritter.

Nach jeder fehlgeschlagenen Befruchtung war die Enttäuschung groß. Doch die Einsamkeit danach machte Sheyma am meisten zu schaffen: „Man wartet vollgepumpt mit Hormonen vor dem Telefon, ob die künstliche Befruchtung erfolgreich war. Nach der negativen Nachricht ist man dann allein mit sich und seinem Körper, der eigentlich auf eine Schwangerschaft vorbereitet ist.“ Zwischen den Versuchen hatte sie sich jedes Mal viel Zeit gelassen. „Die habe ich einfach gebraucht, um die Erfahrungen zu verarbeiten“, sagt sie.

Aufgewachsen ist Sheyma in der Katzbachstraße in Kreuzberg, ihre Eltern kamen als Gastarbeiter aus Marokko nach Berlin. Nach der Schule hat sie Gelegenheitsjobs angenommen, mit Anfang 20 geheiratet, einen „Landsmann“ wie sie es ausdrückt, und eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht.

Beim vierten Versuch einer künstlichen Befruchtung, die sie und ihr Mann nun ohne die Unterstützung der Krankenkasse finanzieren müssen, gehen sie eine Ratenzahlungsvereinbarung mit dem Kinderwunschzentrum ein. Und dieses Mal wird sie schwanger.

Als sie am 12. August 2011 das Ausmaß der Fehlbildung erfährt, muss sie sich entscheiden. Eines hatte bereits vorher für sie festgestanden: Auch wenn das Kind behindert sein sollte, will sie es unbedingt zur Welt bringen. Nun ist das behinderte Kind todgeweiht. So wie sie darüber redet, macht sie diese schwere Frage weitgehend ohne ihren Mann mit sich allein aus. Sie nennt das eine Entscheidung zwischen sich und ihrem Kind. Schließlich entschließt sie sich, ihm ein kurzes Leben zu schenken. „Nach all den vergeblichen Versuchen, nach all dem Warten wollte ich einmal wissen, wie es ist, ein Kind zu bekommen. Auch wenn klar war, dass es bald wieder gehen wird“, erklärt Sheyma. Sie will die Zeit mit ihrem Kind haben. Und wenn sie noch so kurz ist.

Es ist ein Junge. Trotz der Diagnose versucht Sheyma, die Schwangerschaft auszukosten. Angst begleitet sie, viele Kinder mit Anenzephalie sterben bereits im Mutterleib. „Wenn ich länger keine Bewegung gespürt habe, habe ich so lange auf meinen Bauch geklopft, bis ich ein Zeichen von ihm bekam“, erzählt sie. Ihrem Mann fällt es schwer, mit der Situation umzugehen. Wenn sie abends auf der Couch ihren Bauch eincremt und mit ihrem Kind spricht, sagt er: „Lass doch endlich deinen Bauch in Ruhe.“ Je näher der Geburtstermin rückt, desto fremder werden sie einander.

Sheyma kommt in die Betreuung von Babett Ramsauer, der leitenden Oberärztin am Neuköllner Mutter-Kind-Zentrum. Gemeinsam planen sie den Ablauf der Geburt. Eine natürliche Entbindung kommt nicht infrage. Zu groß ist die Angst, dass auf dem Weg durch den Geburtskanal der Kopf verletzt werden könnte. Deshalb soll das Kind per Kaiserschnitt geholt werden. Auch wichtige Kleinigkeiten werden berücksichtigt: Damit Sheyma ihren Sohn nach der Geburt die ganze Zeit ohne Schmerzen anfassen kann, wird der intravenöse Zugang nicht am Handrücken, sondern etwas seitlich versetzt gelegt.
Dann, am 25. Januar 2012 um 10.16 Uhr, ist es so weit. Ilyas kommt zur Welt. Wie bei jedem Neugeborenen werden Datum und Uhrzeit der Geburt erfasst. Doch die Uhrzeit ist in diesem Fall wichtiger als bei anderen Geburten: Von 10.16 Uhr an bleiben Ilyas und Sheyma nur wenige Stunden. Kurz nach 21 Uhr wird er sterben.

Nach dem Kaiserschnitt hüllt eine Krankenschwester Ilyas in unzählige weiße Tücher und Decken, sodass der kleine Körper fast ganz darin verschwindet. Über den versehrten Kopf stülpt sie vorsichtig eine schlauchförmige Mullbinde. „Irgendwann ging die Krankenschwester nicht mehr aus dem Zimmer, um zu weinen, sondern weinte einfach mit“, sagt Sheyma.

Ilyas ist 42 Zentimeter groß und wiegt 1880 Gramm. Als er das Fieberthermometer eingeführt bekommt, murrt er. Die Krankenschwester versucht, ihn zu füttern, doch er kann nicht schlucken. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich gegessen hatte und er nicht“, erinnert sich Sheyma. Es ist etwa 13 Uhr. Ilyas fällt das Atmen schwer, sein Körper nimmt eine blaue Färbung an. Er bekommt eine Spritze, dann atmet er leichter.

Sheymas Freundin Tania begleitet sie die ganze Zeit über, macht Filmaufnahmen von dem Moment der Geburt bis zu Ilyas’ Tod. „Es war eine große Erfahrung für mich“, sagt sie, „auch zu erkennen, was mir selbst geschenkt wurde: zwei gesunde Kinder.“ Tania bewundert Sheyma, dass sie Ilyas die Chance gegeben hat, seine Mutter kennenzulernen. „Wenn auch nur für kurze Zeit“, fügt sie hinzu.

Genau genommen besteht Tanias Filmaufzeichnung nur aus einer Einstellung: Ilyas liegt in Sheymas Arm, sie sieht ihn an, weint dabei und streichelt ihn. Ihr Gesicht ist von Tränen und Medikamenten verquollen. Stille liegt im Raum. Gleichzeitig drängt die Zeit. Sie nehmen Ilyas einen Fußabdruck aus Gips ab, zur Erinnerung. Gegen 16 Uhr bittet Sheyma darum, ihm die Tücher und Kleider auszuziehen, damit sie ihn ganz nah bei sich haben könne. „Ich habe den Kopf gesehen und nicht gesehen. Er war für mich das schönste Kind auf der Welt.“

Draußen ist es mittlerweile dunkel. Etwa um 19.30 Uhr fällt Ilyas das Atmen wieder schwerer. „Seine Augen sind so glasig“, flüstert Sheyma. Er bekommt eine zweite Spritze. Gegen 21 Uhr stirbt er in den Armen seiner Mutter. „Er hat noch einmal gezittert, bevor er weg war“, sagt sie im Video, sie hält Ilyas von sich weg, als ob sie seinen Tod so besser begreifen könnte. Im Hintergrund ist ein Tablett mit Tee und Toast zu sehen. Im Zimmer stehen zwei Betten. Tania wird in einem davon übernachten.
Sheymas Abschied von Ilyas dauert dann sehr lange. Alle zwei bis drei Stunden klingelt sie nach den Krankenschwestern und Pflegern und lässt ihn sich aus dem Kreißsaal, wo er gekühlt wird, bringen. Fünf Tage lang.

Die Trauer um ein Neugeborenes unterscheidet sich sehr von der Trauer um einen erwachsenen Menschen. Besonders der körperliche Abschied fällt den Müttern, die ein Kind verloren haben, oft schwer. Manche Krankenhäuser und Bestatter bieten an, dass die Eltern ihr Kind für einige Tage mit nach Hause nehmen können. Die Fehlbildungen werden während des Trauerprozesses nicht wahrgenommen oder stehen jedenfalls nicht im Mittelpunkt. „Eltern verweilen bei dem, was an ihrem Kind schön und einzigartig ist, und bewahren das in ihrem Herzen“, schreibt die Therapeutin Hannah Lothrop in ihrem Buch „Gute Hoffnung, jähes Ende“.

Am Tag der Entlassung sieht man in dem Videofilm, wie Sheyma aus dem Bad kommt. Vor Schmerzen bewegt sie sich langsam und vorsichtig, legt sich auf das Bett und scherzt mit der filmenden Tania: „Willst Du meine Narbe sehen?“ Sie schiebt ihr Nachthemd hoch. Da beginnen beide zu lachen. „Hör auf! Das tut doch so weh“, ruft Sheyma und lacht weiter.

Zu Hause erwartet sie das Wochenbett – ohne Kind. Sheyma steht eine Hebamme zur Seite, die Erfahrung mit Trauerbegleitung hat und die weiß, wie schwer es ist, die enttäuschten Erwartungen auf ein gesundes Baby zu verarbeiten. Wie im Wochenbett mit einem gesunden Baby hat die Frau Anspruch auf die Betreuung bis zu acht Wochen nach der Geburt. Wie nach jeder glücklich verlaufenden Geburt muss sich der Körper wieder regenerieren. Rückbildungsgymnastik wird empfohlen, hinzu kommt das Einsetzen des Milchflusses. Milch, für die es gar kein Baby gibt.

Auch bei Beratungsstellen findet Sheyma vor und nach der Geburt Rückhalt, etwa bei Donum Vitae. Die Psychologin Anne Achtenhagen und die Allgemeinmedizinerin Jette Brüning bieten Hilfe für Betroffene an. Das Büro liegt im selben Haus am Kurfürstendamm wie die Praxis, in der Sheyma erfuhr, dass der schreckliche Verdacht auf eine schwere Fehlbildung richtig war. Achtenhagen sitzt im Garten unter einem Lindenbaum und erzählt von ihrer Arbeit. Von Frauen und Paaren, die gerade erfahren haben, dass ihr Kind nicht gesund zur Welt kommen wird. Sie sagt, was genau so auch die Ärztin Ramsauer sagt: „Was für manche Eltern das größte Unglück sein mag, kann anderen das größte Glück sein.“ Achtenhagen und ihre Kollegen helfen, den richtigen Weg für die werdende Mutter und den Partner zu finden. Doch mit dem zunehmenden Einsatz und den Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik sehen sich Eltern immer häufiger mit schweren Entscheidungen konfrontiert, denn die Möglichkeit zum Spätabbruch der Schwangerschaft bleibt immer bestehen. Etwa 3000 Frauen in Deutschland treiben jedes Jahr aus medizinischen Gründen ab. Meist sind ihre Kinder weniger krank, als es Ilyas war. Achtenhagen stellt Kontakte zu anderen betroffenen Eltern her. Und sie bietet sich als Gesprächspartnerin an. Diese psychosoziale Beratung könne eine Therapie aber nicht ersetzen, fügt sie hinzu.

Sheyma hat ihren Entschluss nie bereut. Die Zeit ihrer Schwangerschaft und die wenigen Stunden mit Ilyas sind für sie unvergesslich. Nach einem halben Jahr hat sie wieder begonnen, in ihrem Beruf als Erzieherin zu arbeiten. Das war zu früh, weiß sie heute. „Ich war dazu eigentlich noch nicht in der Lage. Die Arbeit mit Kindern ging mir noch zu nahe.“ Heute erfüllt sie ihre Arbeit in einer Kita im Wedding wieder. Und sie hat eine Entscheidung getroffen: Sie wird nicht noch einmal eine künstliche Befruchtung vornehmen lassen.

Ein paar Wochen nach Ilyas’ Tod sind Sheyma und ihr Mann nach Marokko geflogen, um ihn beizusetzen. Sein Grab liegt auf einem Berg mit Blick auf das Meer. Den Babystrampler, den Ilyas fast elf Stunden lang getragen hat, hat Sheyma in einer luftdichten Tüte aus Plastik verschlossen. Damit sie den Geruch ihres Sohnes nie vergisst.

*Die Namen von Sheyma Nasser und Tania wurden verändert.

Erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 10./11. August 2013

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Allgemein Reportagen

70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau

Millionen von Menschen aus aller Welt haben in den vergangenen 70 Jahren das ehemalige Konzentrationslager Dachau besucht. Die Bewohner der Kleinstadt hingegen mieden lange Zeit die Gedenkstätte vor der Haustür. Eine Dachauerin zieht Schlüsse.

Am 29. April 1945 befreiten Soldaten der US-Armee das Hauptlager des Konzentrationslagers Dachau. Zwei Wochen zuvor hatte Heinrich Himmler die „Totalevakuierung“ angeordnet. Auch in Dachau hatten die SS-Wachmannschaften begonnen, das Lager zu räumen und die Häftlinge auf Todesmärsche zu schicken. Wer in der Bevölkerung bis dahin noch nicht gewusst hatte, was im Osten der Stadt vor sich ging, sah es jetzt: Aus den Toren des Lagers kamen ausgemergelte Gestalten, die gezwungen wurden, zu marschieren. Viele von ihnen in den Tod, unfassbar sinnlos, wenige Tage vor Kriegsende.

Dachau ist meine Heimatstadt. An dem Bauernhof meiner Familie führte ihr Weg nicht vorbei. Aber meine Großmutter sah sie. „Arme Deife“, sagte sie über die halbtoten Häftlinge. Arme Teufel. Sie gab ihnen Milch. Auch ihr Mann, mein Großvater, war damals ein armer Teufel, an einem anderen Ort. Er kam vier Jahre später zurück, von der Arbeit in einem Kohlebergwerk in Polen, einem Kriegsgefangenenlager, wo er als ehemaliger Soldat der Wehrmacht inhaftiert war. Auch er ging zu Fuß, angewiesen auf die Menschen auf seinem Weg, um zu überleben. Als er endlich zu Hause ankam und in die Stube trat, erkannte ihn seine Frau nicht mehr.

Vor 70 Jahren hat der Krieg millionenfach Menschen entwurzelt und vertrieben. Flüchtlingsströme zogen über den Kontinent. Sie waren auf der Suche nach ihrer alten oder einer neuen Heimat. Europa war in Bewegung. Man kann und muss es sogar vergleichen: Mein Großvater teilte auf seinem Rückweg das gleiche Schicksal der Menschen aus Syrien und Afrika, die heute vor dem Wahnsinn der Kriege in ihrer Heimat auf der Flucht sind. Dass er Soldat war, hatte er sich nicht ausgesucht. Zum Desertieren, um das ihn meine Großmutter bat, hatte er keinen Mut gehabt.

Erst vor einiger Zeit habe ich begriffen, dass mein Vater fünf Jahre alt war, als er seinen Vater das erste Mal sah. Aber so ist das mit der Erinnerung. Je traumatischer das Erlebte, umso schwerer für die Betroffenen, darüber Auskunft zu geben: Teil einer Über- und Weiterlebensstrategie.

Ich verbrachte die Kindheit mit meinem Großvater auf dem Bauernhof. Umgangsformen waren ihm wichtig. Sie gaben ihm seinen Stolz zurück. Ich besuchte die örtliche Realschule. Meine Lehrer mochte ich. Besonders den Geschichtslehrer. Wir waren selten einer Meinung, respektierten uns aber. Manchmal diskutierten wir eine ganze Schulstunde: über Gleichberechtigung oder die CSU. Doch als wir in der 10. Klasse kurz vor den Abschlussprüfungen die Klarsichtfolien zum Nationalsozialismus abschrieben, machte er keinen Unterschied. Es machte keinen Unterschied. Wie in jeder Stunde warf der Overheadprojektor die Folien an die Wand: Weimarer Republik, Machtergreifung, Aufstieg und Fall des Regimes Adolf Hitlers, aufgeschrieben mit immer gleichen Stiftfarben: rot, grün, schwarz, nur manchmal blau. Wir übertrugen sie sorgfältig in unsere Hefte, bis der Unterricht endete.

Das ehemalige Konzentrationslager war indessen nur fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Wir haben es nie besucht. Keiner unserer Lehrer und Lehrerinnen hat es je als Bildungsauftrag angesehen, mit uns in die Gedenkstätte zu gehen. Vielleicht lag es zu nah für den ganztägigen Schulausflug, den der Lehrplan vorsah.

Dabei sahen wir täglich die Besucher am Bahnhof stehen, die sich in den Bus drängten. Eine Million Menschen pro Jahr. Sie kamen aus der ganzen Welt und wollten wissen, wie der Ort aussah, an dem das Unheil seinen Lauf genommen hatte. Aber in der Stadt wollte man nicht auf diesen Teil der Vergangenheit reduziert werden. „Was konnten die Stadt und ihre Menschen dafür, dass das erste Konzentrationslager der Nationalsozialisten hier errichtet wurde?“, fragten sie. Auf Linie war, wer schwieg. Das war 1990. So ist die Erinnerung auch, wenn sie einem nahe rückt: eigenwillig und egoistisch.

Meine Heimatstadt verhielt sich wie die Verwandten in Harald Welzers Buch „Opa ist kein Nazi“. Sie sitzen mit dem Großvater in einer Runde. Er berichtet von dem, was er im Krieg verbrochen hat. Als man die Familienmitglieder danach befragt, was am Tisch Gespräch war, vermag sich niemand mehr an die Schilderung seiner Verbrechen erinnern. In ihrer Erinnerung hat er es nie erzählt.

Vor einiger Zeit bat ich einen Flüchtling aus Somalia, sein Leben in einem Brief zu schildern. Er schrieb zwei Seiten, mehr ging nicht, sagte er: über seine Zeit als Kindersoldat, wie seine Kameraden nach einer Autopanne in der Sahara verdurstet und bei der Überfahrt im Mittelmeer ertrunken sind. Es sind nur zwei Seiten, aber vielleicht weiß ich über seine Flucht jetzt mehr als über die Kriegsjahre meines Großvaters.

Was kann Erinnerung, was kann sie nicht? Erinnerung tut weh. Erinnerung braucht Zeit. Wie man sich erinnert, muss jedem selbst überlassen bleiben, denn verordnen kann man sie nicht. Aber es muss immer Raum für sie geben. Erinnerung kann Dinge verhindern. Sie trennt Menschen und kann Menschen auch zusammenführen, über Grenzen, Religionen und Sprachen hinweg.

Sich erinnern ist schwer. In Dachau hat es Generationen gedauert, bis die Menschen dazu in der Lage waren. Ich war neunzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Gedenkstätte besuchte. Allein. Das musste der richtige Moment für mich und meine Erinnerung gewesen sein.

Heute, 2015, regiert in Dachau nicht mehr das Schweigen. Jetzt reden die Menschen über das Lager. Im November 2014 wurde das eiserne Tor gestohlen, in das der Satz „Arbeit macht frei“ geschmiedet war. Ein Kunstschlosser aus dem Landkreis hat eine Kopie angefertigt. Aber wichtiger war: Die Dachauer tauschten sich darüber aus, was zu tun sei, wogen das Für und Wider ab: Ein neues Tor? Den Eingang einfach leer lassen? Mit der Arbeit eines Künstlers auf den Diebstahl hinweisen? Das Gespräch ist, was zählt.

Neben dem Bauernhof meiner Familie steht die alte Dorfschule. Dort sind seit einiger Zeit Flüchtlinge aus Syrien untergebracht. Wahrscheinlich waren sie in der Hölle des Bürgerkriegs nur Opfer, nicht Täter. Eine dreiköpfige Familie aus Damaskus hat es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Nachmittag gegen halb fünf einen Spaziergang zu machen. Auf der Straße einmal zum Wald und zurück. Als ich an Ostern zu Besuch war, kamen sie zu uns in den Stall, die Tiere ansehen. Mit der Verständigung ist es noch schwer. Das Mädchen begann, die kleinen Kälber zu streicheln und vergaß einen Moment die Welt um sich herum, wie Kinder es eben tun.

http://blogs.faz.net/10vor8/2015/04/27/dachau-ist-ueberall-4420/

Erschienen im FAZ-Blog „10 vor 8“ am 27. April 2015

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Reportagen

Präsidentschaftswahl in Somaliland. Endlich anerkannt werden

Erschienen in der tageszeitung am 22. November 2017.

Kein Staat der Welt erkennt Somaliland an, aber es ist seit 1991 unabhängig. Jetzt fanden normale Wahlen statt. Im Rest Somalias wäre das undenkbar.

HARGEISA taz | Geschäftiges Treffen herrscht am Marktplatz von Borama. Einen Tag vor den Präsidentschaftswahl in Somaliland packen die Polizisten in dem Städtchen an der äthiopischen Grenze Matratzen und Decken auf Lkws und fahren an ihren Einsatzort. „Am Montag sind Wahlen. Vergessen Sie nicht, Ihre Karte mitzubringen“, schallt es aus Lautsprechern. Auf dem Weg in die Hauptstadt Hargeisa begegnet man immer wieder Fahrzeugkolonnen, die Urnen und Unterlagen zu den 1.642 Wahllokalen bringen.

Somaliland am Golf von Aden sieht sich als Musterdemokratie. Die drei Millionen Bewohner Somalilands sind stolz auf den Staat, den sie aufgebaut haben, seit das ehemalige Britisch-Somaliland sich 1991 unabhängig vom Rest Somalias erklärt hat. Aber bis heute wird Somaliland von keinem anderen Staat auf der Welt anerkannt. In acht Ländern gibt es zwar diplomatische Vertretungen, etwa in Großbritannien, den USA, Kenia und in Äthiopien, und acht Länder erkennen den somaliländischen Pass an. Doch völkerrechtlich gehört Somaliland immer noch zu Somalia.

Ganz im Gegensatz zu Somalia, wo es keine stabile Regierung gibt, herrscht in Somaliland seit Jahrzehnten Frieden. Es gibt keine Anschläge, immer mehr Menschen kehren aus der Diaspora zurück. Sie gründen Unternehmen, eröffnen Res­taurants, Cafés und Hotels, seit Kurzem gibt es sogar einen Essenslieferservice, bei dem man über eine App bestellt. Und zur Zukunft des Landes gehört auch ein funktionierendes demokratisches System. Der Slogan, der das Land über die letzten Wochen eines turbulenten Wahlkampfs zusammenhielt, lautet: „Nabad ku Codee“ – Frieden und Wahlen.

Drei Wochen dauerte der Wahlkampf. Die Parteien wechselten sich täglich mit Kundgebungen ab. Großflächige Wahlplakate wurden überall am Straßenrand aufgehängt, ganze Hausfassaden in Parteifarben gestrichen und Flaggen vor Nomadenhütten gehisst. Zum Auftakt debattierten die drei Präsidentschaftskandidaten live im Fernsehen.

Die Kulmiye-Partei des derzeitigen Präsidenten Ahmed Silanyo hat Muse Bihi Abdi ins Rennen geschickt, ausgebildeter Kampfpilot und danach Widerstandskämpfer in der Guerilla gegen die somalische Diktatur von Siad Barre in den späten 1980er-Jahren. Sein Herausforderer, Abdirahman Irro von der Waddani-Partei, die eher die Jugend anspricht, wirbt mit dem Slogan „Bedaluu!“ (Veränderung). Faysal Warabe von der UCID-Partei sorgt mit provokanten Aussagen für Aufsehen – etwa, dass äthiopische Flüchtlinge abgeschoben werden sollen. Dafür erhielt er den Spitznamen „Little Donald Trump“.

Erinnerung an den Krieg

Am Wahltag ist Road Number 1 in Hargeisa wie ausgestorben. Autos dürfen nur mit Sondergenehmigung der Wahlkommission und einem extra angefertigten rot-weißen Nummernschild fahren.

Am Wahllokal im Stadtteil Sheek Madar, gegenüber des Denkmals, das an die Bombardierung Hargeisas 1988 erinnert, warten die Menschen schon seit zwei Uhr früh. Eine halbe Stunde, bevor um sieben Uhr die Wahllokale öffnen, sind alle an ihren Platz in der Warteschlange zurückgekehrt. Manche haben nachts mit einem Stein, auf den sie ihren Namen notiert haben, ihren Platz markiert. Frauen verkaufen Obst, Kinder Samosas aus Plastikschüsseln.

Die Erinnerung an 1988, als Somalias Diktator Siad Barre Hargeisa in Schutt und Asche bomben ließ, ist noch sehr präsent. Nichts blieb mehr von der Stadt mehr übrig. „Manchmal kann ich es noch immer nicht glauben“, sagt Jama Musse Jama und blickt aus einem Restaurant auf das Denkmal und das Wahllokal daneben. „Alles war weg – und nun werden wieder Häuser gebaut, Straßen angelegt.“

Jama organisiert seit zehn Jahren eine Buchmesse in Hargeisa, die internationales Publikum anzieht. Jedes Jahr gibt es ein afrikanisches Gastland. Doch Somaliland kämpft immer noch um sein Image. Es ist nicht Somalia, doch noch zu wenige wissen davon. Auch in Somalia wurden im Frühjahr Präsidentschaftswahlen abgehalten, wo aber nur 328 Wahlmänner und –frauen stimmberechtigt waren. Gewählt wurde in einem Hangar des Flughafens in Mogadischu unter den höchsten Sicherheitsvorkehrungen.

„Wir wollen endlich anerkannt werden“, sagt Sagal, eine Frau Anfang dreißig, die in der Schlange für die Frauen ansteht. „Es ist Zeit. Wir haben bewiesen, dass wir es auch allein schaffen, aber es wäre alles leichter.“

Jeder Wähler musste sich registrieren lassen. Mit internationaler Hilfe wurde zum ersten Mal ein Iris-Scan-Verfahren eingesetzt, das verhindern sollte, dass Menschen mehrfach ihre Stimmen abgeben, wie noch bei den Kommunalwahlen 2012. Nach dem Iris-Scan erhielten sie ihre Wahlkarte.

Am Dienstag, eine Woche nach der Wahl, wird das Endergebnis bekanntgegeben: 55,2 Prozent für Kulmiye, 40,8 Prozent für Waddani und 4,2 Prozent für UCID. Es hat lange gedauert, da die Oppositionspartei Waddani viele Einsprüche geltend gemacht hat.

Doch wie auch schon im Wahlkampf zeigen sich die Kandidaten nach der Wahl gemeinsam in der Öffentlichkeit. Sie wollen signalisieren, dass das Land bereit ist für die Unabhängigkeit. Die ehemalige First Lady Edna Adan Ismail hat sich vor den Wahlen noch einmal zu Wort gemeldet: „Wir sind keine ‚Region‘, wir sind nicht Somalia. Wir wollen endlich ein anerkanntes eigenes Land sein.“

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Präsidentschaftswahl in Somaliland. Der Wahlkampf der Frauen

Erschienen in der Serie „10 nach 8“ auf Zeit Online am 22. November 2017.

Bei den Wahlen in Somaliland ging es vor allem um den Ausbau der Demokratie. Parteipolitische Differenzen traten in den Hintergrund. Davon könnte Europa etwas lernen.

Um Punkt 18 Uhr wird am 13. November das Wahllokal Nr. 316-2 in der Schule Sheek Madar in der Hauptstadt Hargeisa geschlossen. Die Bürger von Somaliland haben gerade zum dritten Mal in der kurzen Geschichte des Landes, das 1991 einseitig seine Unabhängigkeit von Somalia erklärt hat, einen neuen Präsidenten gewählt. Ahmed Silanyo, der seit 2010 im Amt ist, war nicht mehr angetreten, drei Kandidaten haben sich um seine Nachfolge beworben.

Zwei Polizisten und eine Polizistin stehen vor dem Klassenzimmer. Drinnen werden Schulbänke gerückt. Die Wahlvorsteherin zählt in einem blauen Schnellhefter nach, wie viele der eingetragenen Wähler ihre Stimme abgegeben haben. 459 Wähler von 540, notiert sie in ihren Unterlagen.

Zwei Drittel der Wähler waren hier weiblich, schätzt die Wahlvorsteherin, und auch der Wahlkampf wurde vor allem von Frauen getragen. Auf den Kundgebungen erschienen sie zahlreich, gekleidet in den Farben der Parteien, deren Zahl die Verfassung Somalilands aus Stabilitätsgründen auf drei beschränkt: Die Anhängerinnen der Kulmiye-Partei ließen sich gelb-grüne Kleider schneidern, die Unterstützerinnen von Waddani kamen in Orange, die Wählerinnen von Ucid in Dunkelgrün. Die Basecaps, die eigentlich für die Männer gemacht worden waren, trugen sie einfach auf ihren Hidschabs. Bei den Autokorsos setzten sie sich auf die heruntergekurbelten Fenster und ließen sich, mit lautstarken Gesängen ihren Kandidaten unterstützend, durch die Stadt kutschieren.

Harte Arbeit um Anerkennung

Die Frauen in Somaliland haben verstanden, dass Wahlen eine der Stellschrauben sind, mit denen sie mehr Mitsprache in der Gesellschaft erreichen können. An den Clanstrukturen, die seit Jahrhunderten vorsehen, dass der Mann das Oberhaupt ist, lässt sich sobald nichts ändern. Im Islam, wie er in Somaliland praktiziert wird, dürfen Frauen keine wesentliche Rolle spielen. Aber der politische Prozess, der seit der Unabhängigkeit die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne, zwischen patriarchalen Stämmen und nationalstaatlich organisierter demokratischer Partizipation halbwegs erfolgreich bewältigt, erlaubt ihnen doch, etwas zu bewirken.

In Somaliland haben vor allem drei Gruppen das Sagen: Die Clanältesten regeln seit jeher als informelle oberste Autorität Konflikte in ihrer Gemeinschaft und zwischen den Stämmen. Dann gibt es die Somaliländer, die im Ausland an Geld und materielle Ressourcen gekommen sind. Sie kehren zunehmend aus der Diaspora zurück und sind nun vor allem am wirtschaftlichen Vorankommen des Landes interessiert. Und schließlich sind da die Scheichs als religiöse Führer. Sie haben über die Wahl geteilte Ansichten. Für die Hardliner ist die Wahl grundsätzlich haram (verboten, mit Tabu belegt). Weniger strenge Scheichs akzeptieren die Demokratie, solange der Staat unter strenger Berücksichtigung der Scharia geführt wird.

„Ich habe zum dritten Mal gewählt“, erzählt Maryam, eine Frau Ende vierzig. „Einmal für die Unabhängigkeit von Somalia, bei den letzten Kommunalwahlen und nun bei diesen Präsidentschaftswahlen. Wir arbeiten hart an der Anerkennung. Mit ihr wird sich endlich etwas ändern“, hofft sie.

Rund drei Millionen Menschen leben in Somaliland, am Horn von Afrika. Es ist völkerrechtlich immer noch kein anerkannter Staat. Die meisten Staaten, und auch die meisten NGOs, erkennen nur die Regierung Somalias als Verhandlungspartner an, und nach Somalia fließen fast alle Entwicklungshilfegelder. Trotzdem schaffen die Somaliländer Schritt für Schritt Realitäten, die ihnen zunächst einmal Respekt einbringen. Während der Bürgerkrieg in Somalia kein Ende nimmt, herrscht in Somaliland Frieden. In acht Ländern hat Somaliland bereits diplomatische Vertretungen eröffnet, und acht Länder, unter ihnen Großbritannien, Belgien, Kenia und das Nachbarland Äthiopien, erkennen den somaliländischen Pass als offizielles Dokument an. Somaliland wirbt in der Welt um die Anerkennung als eigenständiger Staat, und die Bürger wissen, dass freie und faire Wahlen sie diesem Ziel näher bringen.

Dazu gehört auch, dass der Wettstreit der Positionen offen ausgetragen und medial inszeniert wird. Zum ersten Mal fand in Afrika eine Präsidentschaftsdebatte nach amerikanischem Vorbild statt, die live im Fernsehen und auf Facebook übertragen wurde. Die drei Kandidaten traten gegeneinander an. Muse Bihi Abdi, der wie der derzeitige Präsident Silanyo der Kulmiye-Partei angehört, und seine Herausforderer Abdirahman Irro (Waddani) und Faysal Warabe (Ucid) debattierten über die Zukunft ihres Landes: 45 Minuten über Außenpolitik, 45 Minuten über Innenpolitik, 45 Minuten zu wirtschaftlichen und sozialen Fragen. Muse Bihi Abdi versprach Frieden, Stabilität und wirtschaftliches Fortkommen, Abdirahman Irro machte sich für die Interessen von Handwerkern stark und warb mit dem Slogan „Bedaluu!“ (Veränderung), Faysal Warabe, der auch „Little Donald Trump“ genannt wird, provozierte mit Aussagen zur Einwanderungspolitik, etwa dass äthiopische Flüchtlinge, die als billige Arbeitskräfte in der Gastronomie arbeiten, abgeschoben werden sollten.

Dazu gehört aber auch, dass Gemeinsamkeit demonstriert wird: Trotz aller Auseinandersetzung zeigten sich die Kandidaten immer wieder zu dritt in der Öffentlichkeit. „Nabad ku Codee“ – Frieden und Wahlen – ist der Slogan, dem sich alle verpflichtet erklären.

Im Wahllokal Sheek Madar-2 beginnt nun die Auszählung der Stimmen. Die Vertreter der drei Parteien nehmen vor der Urne Platz. Neben ihnen drei unabhängige Wahlbeobachter einer somaliländischen Organisation und zwei Beobachter des internationalen Teams. Transparenz ist wichtig im demokratischen Prozess des jungen Landes: Die Regierung selbst hat 600 Wahlbeobachter geschult, 60 internationale Wahlbeobachter werden von einem Team des University College London (UCL) koordiniert.

Anerkennung der Unabhängigkeit

Ebenfalls mit internationaler Unterstützung wurde zum ersten Mal ein Irisscanverfahren eingesetzt, um eine mehrfache Stimmabgabe auszuschließen. 800.000 Wähler ließen sich registrieren. Sie bekamen nach dem Irisscan eine sogenannte Voter Card, eine Plastikkarte in der Größe einer Scheckkarte, ausgehändigt und wurden vor der Wahl an sie erinnert: „Am Montag sind Wahlen. Vergessen Sie nicht, Ihre Karte mitzubringen“, schallte es aus Lautsprechern, die mit Autos durch die Straßen fuhren. Am Wahltag selbst sind die Straßen wie ausgestorben. Nur wer eine Sondergenehmigung oder ein extra angefertigtes rot-weißes Nummernschild der National Electoral Commission (NEC) am Auto montiert hat, darf unterwegs sein.

Nach Mitternacht ist die Auszählung im Wahllokal Sheek Madar-2 beendet, und es ist klar, dass hier mit deutlichem Abstand die Kulmiye-Partei mit ihrem Kandidaten Muse Bihi Abdi gewonnen hat. Die Ergebnisse fürs ganze Land stehen erst nach einer Woche fest, weil Einsprüche der Oppositionspartei Waddani zunächst vor der National Electoral Commission geklärt werden mussten. Letztlich war jedoch der gemeinsame Wunsch, das Land demokratisch weiterzuentwickeln, stärker als parteipolitische Differenzen.

Neuer Präsident ist Muse Bihi Abdi. Er wird das Land in den nächsten vier Jahren führen, vielleicht in die internationale Anerkennung der Unabhängigkeit von Somalia. Somaliland gilt vielen auf dem afrikanischen Kontinent als Vorbild, und vielleicht lässt sich auch in Europa etwas von ihm lernen.

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Somalinimo in Hargeisa

Es ist halb neun Uhr morgens in Hargeisa. Vor dem Saal des Guled Hotels ist der Andrang groß. Besucher stehen Schlange an der Sicherheitskontrolle und warten auf den Einlass. Es ist Buchmesse in der Hauptstadt von Somaliland.

Auch im Saal herrscht bereits reger Betrieb. Dieser ist mit etwa dreihundert weinrot gepolsterten und gold eingefassten Sesseln bestuhlt. Sie geben dem sonst nüchternen Raum fast eine feierliche Atmosphäre.

Die ersten Besucher schlendern an den Auslagen entlang, schmökern in Büchern oder sind in Gespräche vertieft. Andere gönnen sich vor der ersten Veranstaltung einen Kaffee oder einen somalischen Tee, der auch Chaa genannt wird. Bezahlt wird in zwei Währungen: amerikanische Dollar oder in somaliländische Shilling. Der Hotelbesitzer geht derweil durch das Publikum und begrüßt jeden Gast mit Handschlag.

Eine Buchmesse ist nicht das erste, was man hier erwarten würde. Doch gerade sie ist in den letzten zehn Jahren zum Aushängeschild für Somaliland geworden. Der Staat am Horn von Afrika hat sich vor 25 Jahren von Somalia unabhängig erklärt, doch bislang hat ihn noch kein anderes Land anerkannt.

Wie gut es dort läuft, wissen die wenigsten. Die Somaliländer, wie sie sich nennen, sind stolz auf das, was sie fast ohne internationale Hilfe geschafft haben. Die Buchmesse gehört dazu.

Sprache und Identität

Die erste Veranstaltung an diesem Morgen ist eine Diskussion über Sprache und Identität. Auf dem Podium sitzen Gäste aus fünf verschiedenen Ländern: Kenia, Äthiopien, Dschibuti, Somaliland und England.

Zaynab Sharci ist Verlegerin und lebt in London. Ein Schwerpunkt ihres Programms liegt auf Büchern für den Spracherwerb somalischstämmiger Kinder in der Diaspora: CDs mit traditionellen Kinderliedern, Bilderbücher oder einfache Grammatiklehrbücher.

Der Titel ihres Bestsellers stammt von ihrem Sohn, berichtet sie. Es heißt „Daadah“, was auf Somali „Folge mir“ bedeutet. Warum der Spracherwerb eine so wichtige Rolle spielt, erläutert ihr Nachbar auf dem Podium, der englische Linguist Martin Orwin. Er unterrichtet Somali und Amharrisch an der Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS): „Viele meiner Schüler sprechen ihre Muttersprache nicht fließend und schämen sich deshalb. Manche werden sogar von den Mitschülern gehänselt. Doch die Sprache öffnet ihnen ein Stück weit die Tür zu ihrer Identität.“

Ins Leben gerufen wurde die Buchmesse von Ayan Mahamoud und Jama Musse Jama. Sie lebt in London, er in Hargeisa. Große Worte über ihr Engagement, das Kontinente und Kulturen verbindet, machen sie nicht.

„Letztlich geht uns darum, die richtigen Leute zu vernetzen“, sagt Mahamoud. Eigentlich sei sie Eventmanagerin, gibt sie zur Auskunft. Doch dass dies eine bescheidene Beschreibung ist, weiß man auch in England. Unlängst wurde sie für ihre Arbeit mit einem Verdienstorden des Königshauses, dem Order of British Empire, ausgezeichnet.

Wie beim Wiederaufbau des Landes

Die Veranstaltung ist jetzt zu Ende. Die Teilnehmer verlassen unter Applaus die Bühne, gleichzeitig klingelt Mahamouds Telefon. Sie bespricht etwas mit dem Anrufer und bugsiert winkend die Gruppe für eine Erfrischung in den Garten.

Dort stehen viele kleine Pavillons, in denen die Kellner bereits für das Mittagessen die Tische decken. Nebenan wird gerade alles für ein Fernsehinterview aufgebaut. Die ehemalige First Lady und Gründerin eines Krankenhauses, Edna Adan gibt spontan ein Interview. Als der Kameramann seinen Kollegen nicht erreichen kann, springt die englische Schriftstellerin Nadifa Mohamed ein und stellt die Fragen. Ein wenig ist es bei der Buchmesse wie beim Wiederaufbau des Landes. Jeder packt mit an.

Das amerikanische Nachrichtenmagazin „Huffington Post“ bezeichnete die 79-Jährige unlängst als die „muslimische Mutter Teresa“. Eines ist sicher: Für alle Somaliländer ist sie ein Vorbild. Egal wo sie erscheint, suchen die Menschen die Nähe zu Adan. Sie hat 2002 ein Krankenhaus in Hargeisa gegründet, das Edna Adan Hospital.

Auf der Geburtenstation wurden dort inzwischen knapp 18.000 Kinder geboren. Außerdem bildet man Hebammen, Krankenschwestern und medizinisches Fachpersonal aus, und es gibt sogar eine eigene Apotheke. Adan nutzt ihre internationalen Kontakte, um das Land nach vorne zu bringen. Die Wand in ihrem Büro erzählt davon. Sie ist voll mit Erinnerungsfotos: Adan als junge Frau während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester in London, als Frau des ersten Präsidenten Somalilands und während ihrer Reisen als Außenministerin.

„Ich war eine der ersten Mädchen, die hier zur Schule gehen durfte“, erinnert sie sich. Für viele ist dies noch immer nicht selbstverständlich. Wenn es um die Rechte der Frau geht, kommt Adans unnachgiebige Seite zum Vorschein. Männer und Frauen sind gleichberechtigt, das steht nicht zur Debatte für sie.

Kurz vor dem Mittagsgebet kehrt langsam Ruhe im Saal ein. Manche Gäste ziehen sich in einen der Pavillons zurück, wo das Mittagessen serviert wird: gekochtes oder gebratenes Fleisch mit Reis und Salat, danach frische Melone oder ein Glas Kamelmilch. Für die ausländischen Gäste eine Mutprobe. Man einigt sich darauf, dass die Milch nach geräuchertem Fleisch schmeckt.

Gemeinsame Erfahrung des Traumas

Das Gastland der Buchmesse ist in diesem Jahr Ghana. Aus der Hauptstadt Accra sind die Schriftstellerin Amma Darko, der Architekt Joe Addo und die Journalistin Esther Armah angereist. Sie wird später über etwas sprechen, was sie mit vielen Somaliländern teilt: die Erfahrung mit einem Trauma. Als der Bürgerkrieg ausbrach, ordnete der Diktator Siad Barre an, die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Das Bombardement dauerte Monate. Fast 250.000 Menschen verloren ihr Leben.

In Somaliland geht die Sonne früh unter, das ganze Jahr über gegen 18 Uhr. Doch dann erwacht die Stadt ein zweites Mal. Die Läden und Restaurants sind hell erleuchtet, die Menschen unterwegs. Sie haben die Stadt wieder aufgebaut. Im Guled Hotel decken freiwillige Helfer die Büchertische mit Tüchern zu. Bis zum nächsten Morgen.

Erschienen auf Qantara.de

 

 

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Zum Sondergipfel in Malta. Die Währung muss Bildung heißen

Erschienen in der Serie „10 nach 8“ bei Zeit Online am 13. November 2015.

Europa muss endlich erkennen, was Afrika wirklich braucht. Einmal mehr aber wird nur versucht, den Kontinent zu kaufen, anstatt in die Zukunft der Frauen zu investieren.

17 Seiten umfasst der Aktionsplan, den 60 europäische und afrikanische Staats- und Regierungschefs gerade auf einem Sondergipfel in Malta verfasst haben. Was sich in diesem Plan allerdings spiegelt, ist das Resultat eines europäischen Monologs. Durchgesetzt haben sich diejenigen, die auf Kontrolle und Abwehr setzen.

Dabei wären gerade zwei andere Einsichten wichtig gewesen: Afrika braucht Europa für seine Zukunft weniger, als Europa glaubt. Und Afrika braucht seine Frauen. Wer in sie investiert, investiert in Afrikas Zukunft.

Die 1,8 Milliarden Euro des Treuhandfonds, die EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach Malta mitgebracht hatte, könnten viel bewirken. Doch das Ergebnis des Gipfels erscheint in einem anderen Licht: Der Kontinent sollte wieder einmal gekauft werden. Eine zentrale Forderung Europas war, dass die afrikanischen Staaten illegal nach Europa eingereiste Flüchtlinge wieder zurücknehmen. Wie das gehen soll und wie viel der Mittel davon für die geplanten Abschiebungen eingesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist: So löst Geld keine Probleme.

In Europa ist man sich derweil noch nicht einmal einig darüber, welche Staaten als sichere Herkunftsländer gelten und welche nicht. Seit 1999 versuchen die Länder, sich auf eine gemeinsame Liste zu verständigen. Ach ja, nur 12 der 28 EU-Mitgliedsstaaten führen überhaupt eine. Dass jede anders aussieht, versteht sich von selbst. Ghana etwa ist so ein Fall: Für Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Malta ist es ein sicheres Herkunftsland; alle anderen definieren Ghana als unsicher. Großbritannien und Luxemburg machen zudem einen Unterschied bei den Geschlechtern: Für Männer sei Ghana ein sicheres Herkunftsland, nicht aber für Frauen. Es ist Großbritannien, das bei der Feststellung „sicherer/unsicherer Herkunftsstaat“ häufiger als die anderen EU-Länder nach Geschlechtern unterscheidet: In England können nur Frauen aus Gambia, Ghana, Liberia, Malawi, Mauritius und Sierra Leone Asyl beantragen. Die Gründe hierfür sind divers; dazu zählt unter anderen die Gefahr, als Mädchen und Jugendliche an den Genitalien verstümmelt zu werden. Festzuhalten bleibt: Wer nun wen wohin zurückschickt, dürfte in Zukunft für einige Irritationen sorgen.

Derzeit stammen nur 20 Prozent der Menschen, die in Europa Asyl beantragen, vom afrikanischen Kontinent. Und davon ist wiederum nur ein Viertel weiblich. Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zeigt etwa: Die Massenabwanderung aus der Diktatur in Eritrea hält unvermindert an. Im vergangenen Jahr waren nur 20 Prozent der eritreischen Staatsbürger, die Deutschland erreichten, Frauen. Auch aus vielen Regionen Somalias fliehen noch immer Menschen. Aber nur 27 Prozent derjenigen, die in Deutschland ankommen, sind Frauen.

Die Zahlen zeigen: Afrikas Frauen sind zumeist Binnenflüchtlinge. Die allerwenigsten kommen nach Europa. Sie leben in Camps wie im kenianischen Dadaab oder im äthiopischen Dolo Ado. Manche von ihnen seit über 20 Jahren. Andere sind sogar schon dort geboren. Den ältesten Töchtern obliegt oft die Aufgabe, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern, Zeit für einen Schulbesuch bleibt kaum. Schulbesuche sind ohnehin nur möglich, wenn Geld vorhanden ist. Das ist manchmal der Fall, meistens aber nicht. Dabei könnten diese Mädchen es sein, die die Basis für einen Mittelstand bilden. Vielleicht nicht in dieser Generation, aber in der nächsten. „If you teach a girl, you teach a nation„, heißt es. Das gilt genauso für die Mädchen in den Slums von Nairobi oder in Townships von Johannesburg.

Nach einem Schulabschluss folgt dann idealerweise eine berufliche Qualifizierung als Fachkraft. Oder sogar ein Studium. In diesem Punkt ist Europa wirklich gefragt. Wenn Europa Afrika etwas zu geben hat, dann ist es Bildung. Das war auch eine der zentralen Forderungen der afrikanischen Staatschefs in Malta: der bessere Zugang zu Austauschprogrammen und Stipendien für Studenten. Auf dem Sondergipfel wurde eine Verdoppelung der Plätze des Erasmus+-Programms für Forscher und Studenten beschlossen. Das ist eine gute Sache.

Und Europa sollte gut zuhören. In Somaliland am Horn von Afrika etwa zeichnet sich eine bedenkliche Entwicklung ab: Um seine Grenzen gegen ein Eindringen der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab zu sichern, reißt der Posten des Verteidigungshaushaltes das größte Loch in das ohnehin schmale Budget. Für Bildung bleibt nur wenig übrig. Die privaten Schulen, die dort eröffnen, werden vom Ölstaat Kuweit finanziert werden. Dass im Lehrplan nicht vorgesehen ist, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass Mädchen später gleichberechtigte Partner neben ihrem Ehemann sind, kann man sich leicht ausrechnen.

Der Präsident des europäischen Rates, Donald Tusk, erklärte zudem, dass nun vereinbart wurde, gemeinsam in Niger ein Investigationsteam gegen Menschenhandel einzusetzen. Ein Pilotprojekt. Das ist ein wichtiger Schritt. Allein im Nachbarstaat Nigeria sind über zwei Millionen Menschen vor der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram auf der Flucht. Viele von ihnen stranden in Agadez, dem nigrischen Drehkreuz für Flüchtlinge und Schleuser. Dort blüht auch die Prostitution mit jungen Frauen. Sie sind Menschenhändlern gefolgt, die ihnen versprochen haben, dass ihnen als Gegenzug für die Arbeit als Dienstmädchen in einem europäischen Haushalt ein Schulbesuch finanziert werde. Keine von ihnen kommt je dort an. Aber der Wunsch nach einer besseren Zukunft und Bildung hat sie aufbrechen lassen.

Europa überschätzt seine Rolle in Afrika. Es sollte lernen, auf Augenhöhe zu diskutieren. Es geht darum, mit den richtigen Menschen den Dialog zu suchen und Netzwerke zu bilden: mit Aktivisten, Intellektuellen und Künstlern. Sie wissen am ehesten, was der Kontinent kann, wie man Korruption bekämpft, die manche Staatsapparate zersetzt und letztlich die Menschen schwächt.

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Ein Leuchtturm für Afrika? Somalilands stille Erfolgsgeschichte

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 2. September 2015

Geht es um die Entwicklungsfähigkeit Afrikas, sind negative Beispiele schnell bei der Hand. Ein Land, das kaum jemand kennt, leistet derweil Beachtliches beim zivilgesellschaftlichen Aufbau.

«Das Land ist wie eine weisse Leinwand. Vielleicht vergleichbar mit der postkolonialen Phase in den 1960er Jahren», sagt Joe Addo, ein ghanesischer Architekt, der in Los Angeles das Architecture and Design Museum mitbegründet hat. «In Ghana arbeitet jeder in seiner Nische, hier ist alles offen.» Joe Addo ist nach Somaliland am Horn von Afrika gekommen, um mit jungen einheimischen Architekten über Stadt- und Raumentwicklung zu diskutieren.

Es ist nicht zu übersehen: In der Hauptstadt Hargeisa herrscht Aufbruchsstimmung. An jeder Ecke gibt es Baustellen. Es entstehen neue Bürogebäude und Wohnhäuser mit ausladenden Dachterrassen und Balkonen. Der öffentliche Nahverkehr ist gut organisiert. Es fahren Busse durch die Stadt, die auf ein Handzeichen halten und Fahrgäste mitnehmen. Die Busse sind alt, aber ihr Bezahlsystem ist moderner als anderswo. Das Ticket wird mit einer Micropayment-App auf dem Smartphone in Dollar bezahlt, das Restgeld gibt der Busbegleiter in somaliländischen Shilling heraus. Diese Innovationen bringt die Diaspora. Sie hat das Land nach Ausbruch des Bürgerkriegs verlassen und ist heute in der ganzen Welt verteilt. Und da Kommunikation das A und O ist, telefoniert man in Somaliland so billig wie sonst wohl kaum irgendwo: Ein Guthaben von zwei Dollar reicht aus für eine Woche Telefonate im Inland sowie zwei Ferngespräche in die USA und nach Deutschland.

Die Geburtsstunde der somaliländischen Nation datieren die Einwohner auf das Jahr 1884, als das Gebiet zum britischen Protektorat wurde. 1960 wurde Britisch-Somaliland in die Unabhängigkeit entlassen – um fünf Tage später mit Italienisch-Somalia im Süden zum Staat Somalia vereint zu werden.

In den 1980er Jahren regte sich im heutigen Somaliland zunehmend Widerstand gegen die Benachteiligung der Region durch das Regime Siad Barres in Mogadiscio. Der Diktator schickte kurzerhand Regierungssoldaten und liess Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder am Stadtrand von Hargeisa erschiessen. 1988 befahl er, die Stadt mit Luftangriffen dem Erdboden gleichzumachen. Nur wenige hielten es noch aus, die meisten flohen oder starben.

Ein Vierteljahrhundert später kehren die Menschen langsam zurück. Wegen der Heimkunft der Diaspora gibt es im Augenblick viel in der Gesellschaft zu verhandeln: Wie viel Einfluss hat die Religion? Wie viel die Clans? Welche Rechte haben Frauen? Gerade sorgten junge unverheiratete Männer für Aufsehen. Da eine Hochzeit und die Ausstattung der Braut nach lokaler Tradition noch immer eine kostspielige Angelegenheit sind, die so manche Heirat verhindern, posierten sie mit Plakaten, auf denen zu lesen war: «Still I am single» – Ich bin noch immer Single.

Ein so ungewöhnliches wie wichtiges Forum für die Diskussion über solche gesellschaftspolitischen Fragen ist die Buchmesse – die Hargeisa International Book Fair, die im August bereits zum achten Mal stattfand. Autoren, Wissenschafter, Architekten, Filmemacher und Fotografen aus der ganzen Welt reisen an. Wer zum ersten Mal teilnimmt, zeigt sich besonders beeindruckt. Wie etwa der nigerianische Dichter Niyi Osundare , der als Professor für Literaturwissenschaft in New Orleans wirkt: «Sie haben die Bedeutung von Geschichte, Kultur und Literatur für eine Nation verinnerlicht und setzen diese Werte für ihr Ziel ein, endlich anerkannt zu werden.»

Denn Somaliland hat ein Problem: Offiziell existiert das Land gar nicht. Dass es einen Unterschied zwischen Somalia im Süden und Somaliland im Norden gibt , ist nur wenigen bekannt. 1991 hat Somaliland seine Unabhängigkeit von Somalia erklärt. Zunächst liess die Regierung alle Waffen einsammeln, die der Bürgerkrieg im Land zurückgelassen hatte. Dann schloss man die Grenzen zu Somalia und kontrolliert sie seitdem streng. «Die Sicherheit steht an erster Stelle, dann kommt die Entwicklung der Infrastruktur», sagt Suleiman Jama Dirie, Staatssekretär im Finanzministerium. 250 Millionen Dollar betrug der Staatshaushalt im vergangenen Jahr. Das ist nicht viel für ein Land mit geschätzten drei Millionen Einwohnern.

Die internationale Staatengemeinschaft hat Somaliland bis heute nicht anerkannt, obwohl die junge Nation seitdem unter Beweis stellt, dass es möglich ist, mit knappen Mitteln und wenig Hilfe von aussen ein Staatswesen führen. Die besten diplomatischen Beziehungen pflege man einstweilen zu den Nachbarn Äthiopien und Djibouti sowie zur ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien, erklärt der Industrieminister Shucayb Maxamed Muuse. Wie auch er sind die meisten Angestellten in den Ministerien aus dem Ausland zurückgekehrt. Konflikte bleiben da aber nicht aus. Die Einheimischen werfen den Rückkehrern vor, mit kolonialen Einstellungen zurückzukommen und das, was seit der Staatsgründung bereits gewachsen ist, nicht zu respektieren.

Das Land ist noch jung. Doch was die Menschen bereits seit Jahrhunderten verbindet, ist ihre Kultur, die das Fundament der Nation bildet. Viele Geschichten und Gedichte, die als Neuerscheinungen auf der Buchmesse vorgestellt werden, sind den Lesern bereits bekannt. Sie wurden seit Generationen mündlich überliefert, so wie etwa der Stoff von Cilmi Boodharis «Caashaqisii», einer Liebesgeschichte aus der Hafenstadt Berbera.

Die sechstägige Buchmesse ist das grösste Ereignis des Jahres. Ihre Organisatoren, Ayaan Mahamoud und Jama Musse Jama, bleiben lieber im Hintergrund, sagen, dass sie lediglich eine Plattform schaffen wollen, um die richtigen Menschen zu vernetzen. Doch die Schwerpunkte der letzten Jahre scheinen aufs Engste mit der Entwicklung des Landes verbunden. Sie lauteten bisher etwa Freiheit, Zensur, Staatsbürgerschaft oder kollektives Gedächtnis. Das diesjährige Motto heisst «Räume».

An einer Seite des Saales im Guleed Hotel, in dem die Buchmesse stattfindet, stellt die englische Dokumentarfotografin Alison Baskerville Bilder von der Bergung der Toten aus den Massengräbern am Stadtrand von Hargeisa aus. Baskerville hat festgehalten, wie die menschlichen Überreste in Pappkartons verstaut wurden. An den Büchertischen wird indessen gelesen und gekauft.

Dann hebt im Saal plötzlich ein Raunen an, und ein paar Sekunden später bricht das Publikum in Jubel aus. Ein zerbrechlich wirkender alter Mann wird nach vorne geführt: Hadraawi. Seine Gedichte kennt jeder in Somalia und Somaliland. Sie handeln vom Erbe des nomadischen Lebens, von Krieg und dem Wunsch nach Frieden. Für die Verbreitung zweier regimekritischer Gedichte sass Hadraawi von 1973 bis 1978 im Gefängnis. Noch immer setzt sich der heute 72-Jährige für den Frieden ein: Im Sommer 2003 organisierte er einen Friedensmarsch durch die beiden Länder, der zu einer besseren Verständigung beitragen sollte.

Auf dieser Buchmesse spricht der Dichter infolge einer Krankheit nicht, dafür aber Edna Adan Ismail, die inoffizielle First Lady Somalilands. Die 78-Jährige war die erste Aussenministerin, gründete in Hargeisa ein Krankenhaus und eine Universität. Sie spricht über Frauenrechte, und was sie zu sagen hat, macht deutlich, dass Frauen in Somaliland einstweilen alles andere als gleichberechtigt sind. «Eine Ehe ist eine Partnerschaft und keine Eigentumsverfügung», sagt sie zum Beispiel, oder «Warum sehe ich immer Frauen, die sich in diese Khomeiny-Zelte kleiden?». Besonders die Zahl der Vergewaltigungen habe in den letzten Jahren drastisch zugenommen, weiss Adan aus ihrer Arbeit zu berichten.

«Jeder Mensch braucht Platz», sagt Edna Adan Ismail dann und kommt damit auch auf den thematischen Schwerpunkt der Buchmesse zurück. «Emotionalen, kulturellen, politischen oder persönlichen Raum. Wir müssen ihn dem anderen zugestehen. Nur so kann sich der Einzelne und unserer Land weiterentwickeln.»