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Durch Mitteleuropa mit dem Zug – die Rail Baltica

Meine Reise beginnt an einem Vormittag Ende Januar 2025. Von Berlin-Gesundbrunnen nehme ich den EuroCity nach Warschau. Ich bereise die Rail Baltica. Ihr Ausbau ist ein Infrastrukturprojekt, das Polen, Litauen, Lettland und Estland per Bahn verbindet. Um das Baltikum an das europäische Bahnnetz anzubinden, werden 870 Kilometer Schienen neu verlegt. Dort wird derzeit noch auf russischer Breitspur gefahren. Seit Anfang des Jahres haben die Länder zunächst einen gemeinsamen Fahrplan.

Von Berlin aus liegen mehr als 3000 Bahnkilometer vor mir, einmal Tallinn und zurück. Noch ist die Reise etwas umständlich, was mich nicht abhält: Ich habe Tickets über Teilstrecken bei unterschiedlichen Eisenbahngesellschaften gelöst. Sie bringen mich über Vilnius nach Riga bis Tallinn an die Ostsee.

Von Berlin nach Warschau

Auf dem Triebwagen der polnischen Bahngesellschaft PKP steht in blauer Schrift »Baltic Express«. An der Oder rollt der Zug langsam über den Fluss und seine Auen. In dieser Jahreszeit sind der Boden und die blattlosen Bäume mit ein wenig Schnee bezuckert.

Der Amtsantritt der Regierung Trump II liegt einige Tage zurück. Die Frau des Präsidenten trug einen Hut in Wagenradgröße, der für Aufsehen sorgt. In den sozialen Medien machen noch immer Memes davon die Runde. Aber nicht nur der Hut lässt Böses ahnen. Auf den Plattformen des US-amerikanischen Internetkonzerns Meta sind plötzlich Inhalte, die mit den Hashtags »democrats« und »abortion« versehen sind, nicht mehr auffindbar. Die Nutzer und Nutzerinnen bekommen einen Eindruck, wie Sprache und Information dieser verordneten Vorstellung von Realität untergeordnet werden sollen.

In Zbąszynek, zwischen Frankfurt und Poznań, kommt der Zug außerplanmäßig zum Halten. Informationen werden von Fahrgästen vom Polnischen ins Deutsche und Englische übersetzt und wandern durch die Waggons: Die Strecke bis Poznań ist ohne Strom. Eine Weiterfahrt bis auf Weiteres nicht möglich.

Wir werden nach draußen in Busse gebeten. Am Bahnhofsvorplatz bilden sich lange Schlangen zum Einstieg. Ob die Zahl der Busse für die Wartenden reicht, ist zunächst unklar. Gepäck wird eilig im Busbauch verstaut, Kinderwägen zusammengeklappt, Babys auf den Arm genommen. Alle möchten die Reise fortsetzen, so schnell es geht.

Ich lese während des Wartens über die Geschichte von Zbąszynek. Nach Abschluss des Versailler Vertrags verlief hier die neue Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Polen. Zbąszynek (Neu-Bentschen) und Zbąszyń (Bentschen) waren Grenzbahnhöfe.

Ende Oktober 1938 strandeten 17 000 polnische Juden und Jüdinnen aus dem Deutschen Reich hier, die bei der von Heinrich Himmler und dem Auswärtigen Amt angeordneten sogenannten Polenaktion deportiert werden sollten. Das Land Polen verweigerte jedoch die Einreise. Unter menschenunwürdigen Bedingungen mussten dort Tausende einen Winter lang ausharren. Die Einwohner und Einwohnerinnen von Zbąszyń und jüdische Hilfsorganisationen in Warschau versorgten die Menschen.

Unter ihnen befand sich die Familie Grünspan aus Hannover. Ihr Sohn Herschel war bereits 1936 als Minderjähriger allein nach Paris zu einem Onkel geflüchtet. Dort erreichte ihn am 3. November 1938 eine Karte seiner Schwester Berta, die ihm die desolate Lage in Zbąszyń schilderte. Der siebzehnjährige Grünspan besorgte sich daraufhin einen Revolver, begab sich in die deutsche Botschaft und verübte ein Attentat auf einen Mitarbeiter, der kurze Zeit später an den Folgen verstarb. Die nationalsozialistische Regierung nahm das Attentat als Vorwand für die Novemberpogrome. Die Familie Grünspan wurde im Laufe der Verfolgung auseinandergerissen, Herschels Spur verliert sich 1942. 

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Erschienen im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Nr. 913, Juni 2025

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Trennlinien. Die Bildungsklassengesellschaft der achtziger Jahre

Die Schwestern verließen die Stadt 1981, im Jahr meiner Einschulung. Über hundert Jahre hatten sie Mädchen aus der Gegend unterrichtet. In Bayern galt ab 1802 die Schulpflicht. Die Klassenstärke von etwa siebzig Schülerinnen und Schülern war beachtlich, die pädagogischen Fähigkeiten der Schwestern und ausgedienter oder invalider Militärs waren aus heutiger Sicht sicherlich begrenzt. Nach sechs, später sieben Jahren war es außerdem verpflichtend, im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst noch für drei Jahre die Feiertagsschule zu besuchen, um die sogenannte Christenlehre des Katechismus zu studieren.

Erst ein halbes Jahrhundert nach der Ankunft der Schwestern 1854 waren Trinkwasserleitungen gelegt und elektrisches Licht auf zwei Fluren angebracht worden. Wirklich willkommen hatte man sie nie geheißen, Arbeit ging vor Bildung. Bildung stahl nur die Zeit und verstellte den Blick auf das, was man für wichtig hielt.

Im angrenzenden Kindergarten hatte ich von den letzten drei Schwestern noch eine kennengelernt. Sie war unsere Erzieherin. Wir sprachen sie mit »Schwester Dulcedia« an. Sie trug einen schwarzen Habit und einen Schleier, alles aus einer schier unendlichen Menge von Stoff, sowie eine weiße, eckige Haube auf dem Kopf, die die Stirn streng einfasste.

Grundschule

Durch die Mitte des taubenblauen Schulgebäudes lief eine Symmetrieachse, die die Eingangstür des dreigeschossigen Hauptgebäudes in zwei Hälften teilte. Rechts und links wurde es von niedrigeren, zweigeschossigen Nebengebäuden flankiert, die ihm beisprangen wie zwei gebückte Lakaien. Achtfach unterteilte Kastenfenster nahmen der Symmetrie die Strenge. Auf jedem Gebäudeteil schob sich ein Mansarddach wie ein breitkrempiger Hut weit nach vorn. Mauervorsprünge, die sich wie Geschenkbänder um das ganze Ensemble schlangen, schienen es zusammenzuhalten.

Ich zähle auf dem alten Klassenfoto durch. Neun von uns wechselten am Ende der Zeit aufs Gymnasium, elf auf die Hauptschule, zwei auf die Sonderschule. Während für uns der Unterschied zwischen Hauptschule oder Gymnasium noch keine große Rolle zu spielen schien, war der zwischen Haupt- und Sonderschule schon damals eklatant. Hauptschule war okay, ein sicheres Ticket, das den Jungen den Eintritt in einen Handwerksberuf, den Mädchen eine Ausbildung zur Arzthelferin oder im Einzelhandel garantierte. Sonderschule jedoch war ein Makel, etwas mit dem gedroht wurde, wenn man mit schlechten Noten nach Hause kam. Bei dem Kompositum »Sonderschule« lag die Bedeutung von »Sonder« nämlich nicht darauf, dass jemand besonders war. Es ging um ab-sondern, um Isolation, um Ausschließen. Vor was konnte man als Zehnjährige mehr Angst haben?

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Erschienen im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Nr. 866, Juli 2021

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Die Lager Schlesiens – Topografien

Der erste Bahnhof, an dem der Zug hinter der deutsch-polnischen Grenze Station macht, ist Rzepin. Fahrgäste aus Berlin steigen um und warten am Bahnsteig auf den Schnellzug nach Oppeln. Der Bahnhof hat erst seit wenigen Jahren ein Containerterminal, heute gut bestückt und beladen mit Waren aus China, die immer häufiger über die Schiene nach Europa transportiert werden.

Ich verfolge mit dem Smartphone unseren Weg und sehe, wie sich der blaue Punkt weiter Richtung Osten bewegt. Wir fahren an der Oder entlang und überqueren sie immer wieder. Vor Beginn der Reise habe ich Schlesien oft auf Karten heran- und herausgezoomt, zwischen Satelliten- und Topografiekarten wechselnd, habe alte Flözkarten studiert, die aus der Zeit stammen, als die Bergbauregion noch inmitten des Deutschen Reiches lag, als in Kattowitz die Synagoge noch neben dem Gymnasium stand und sich im Norden die Ferdinandgrube anschloss, deren Flöze Jakob, Karoline, Xaver oder Veronika Blücher hießen. Sie wurden mit blauen und roten Linien markiert, die sich auf den Karten wie Venen und Arterien durch einen Körper zogen.

Die Nationalsozialisten brachten die Lager nach Schlesien. Während des Zweiten Weltkriegs lag Schlesien im Wehrkreis VIII, wo es sieben sogenannte STALAGs und OFLAGs gab, deutsche Stamm- und Offizierslager für europäische Kriegsgefangene. In unzähligen Außenlagern der Konzentrationslager mussten Häftlinge Zwangsarbeit leisten, etwa in der Zementfabrik von Golleschau, für die Reichsbahn in Gleiwitz, für das Kraftwerk in Neu-Dachs. Allen voran aber Auschwitz.

Die Infrastruktur der Lager blieb nach Kriegsende bestehen. Jetzt wurden Deutsche oder solche, die man dafür hielt, dort interniert und warteten auf ihre Umsiedlung. Sie waren in den Lagern von Eintrachthütte, Myslowitz und Lamsdorf untergebracht. Viele sind an Hunger, Folter und Krankheiten gestorben.

Auch ehemalige Wehrmachtssoldaten waren jetzt in Gefangenschaft. Einer von ihnen war mein Großvater, Melder bei der Infanterie. Er wurde lange nicht einberufen, da er als Landwirt den Status u.k. (unabkömmlich) hatte. Dann wurde er 1944 als Kraftfahrer ausgebildet und an die Front versetzt. Im April 1945 wurde er von russischen Soldaten gefangengenommen und blieb bis März 1949 Kriegsgefangener in einem schlesischen Steinkohlebergwerk, als Bergarbeiter.

Kriegs- und Gewalterfahrungen beeinflussen Familien über Generationen, und es soll nicht darum gehen, das Leid der Opfer gegen das der Täter aufzurechnen. Aber vieles hat sich in unserer Familie verändert, einer Täterfamilie, wenn man so will. Dazu gehört etwa die spätere Haltung meines Großvaters zum Wehrdienst: Als mein Vater und seine zwei Brüder in den 1960er Jahren eingezogen werden sollten, setzte sich mein Großvater dafür ein, dass seine Söhne zurückgestellt würden, Militär- und Männlichkeitsideale hin oder her. Ob dem stattgegeben würde, darüber befand eine Kommission. Ein Mitglied dieser Kommission war jedoch der Bruder meines Großvaters, der durchaus der Meinung war, dass dessen drei Söhne den Wehrdienst leisten könnten und der elterliche Bauernhof die Dauer ihrer Abwesenheit überstehen würde. Meinem Großvater ging es aber nicht um die fehlenden Arbeitskräfte auf dem Hof, sondern den Dienst an der Waffe, von dem er nicht wollte, dass seine Söhne ihn verrichten. Zwischen den Brüdern gab es Streit. Schließlich wurde der älteste Sohn zurückgestellt, die beiden anderen mussten den Wehrdienst leisten.

Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Juni 1949 schrieb mein Großvater seine Erinnerungen auf. Ich kenne sie erst seit ein paar Jahren. Es sind bruchstückhafte drei Seiten, die sich zusammen mit der Autobiografie des Journalisten Harri Czepuck zu einem genaueren Ganzen fügen, denn er und mein Großvater hielten sich zur gleichen Zeit an denselben Orten auf, wie ich durch Zufall bei einer Recherche erfahre. Dass sie sich näher kannten, ist hingegen unwahrscheinlich, zum einen wegen der großen Anzahl der Gefangenen, aber auch wegen des Altersunterschieds: Czepuck war zum Zeitpunkt der Gefangennahme erst achtzehn Jahre alt, mein Großvater bereits fünfunddreißig.1

Mein Bruder und ich sind mit meinem Großvater aufgewachsen. Wir haben viele Winterabende kartenspielend am Küchentisch verbracht, bis meine Eltern auf dem Hof mit der Arbeit fertig waren. Den Krieg und die Gefangenschaft in Schlesien hat er dabei nie erwähnt. Es hat aber Zeiten in seinem Leben gegeben, in denen er darüber gesprochen hat. An den Namenstagen seiner vier Kinder etwa, die wie Geburtstage begangen wurden. Zu dieser Gelegenheit durften sie länger aufbleiben, und manchmal erzählte er dann davon. Nur was, daran erinnert sich niemand mehr.

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Erschienen im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Nr. 850, März 2020

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Durchs Moor, durch Dachau


Ich komme nach Hause. Neben dem Ofen taut das Brot. Ich nehme den Laib, presse ihn an das Schneidemesser der Brotmaschine. Die Maschine ächzt, dann streikt sie. Es gelingt nicht, vom halbaufgetauten Brotblock eine Scheibe abzuschneiden. Ich lege den Laib zurück neben den Ofen. Bald wird das Haus abgerissen. Ich gehe auf den Speicher.

Es riecht nach frischgewaschener Wäsche. Sie hängt an aneinander geknoteten Plastikschnüren und Sisalgarnen, die durch den Raum gespannt sind. Es ist eine Kochwäsche Euterlumpen. Zerschlissene, in Rechtecke zerrissene Handtücher, die sich auf den Wäscheleinen reihen. Morgens und abends werden sie beim Melken zum Saubermachen der Kuheuter gebraucht.

Im Dachgiebel haben sich die Wespen Nester gebaut, unheimliche graue Ovale, die sie mit ihrem Sekret auf die Ziegel und die Dachbalken geklebt haben. Aber die Wespen sind verstummt, die Nester verlassen.

Ich finde in einer Schublade eine kaputte Taschenuhr, eine Handvoll Faschingsorden, in Manteltaschen vergessene Münzen. Der Speicher war immer schon voll von Dingen, die im Alltag keinen Platz haben.

Ich streiche über das dunkle Holz der Vitrine. Ihre Türen sind aus graviertem Glas, die Enden der Seitenteile zu schlanken Säulen gedrechselt. Sie gehörte einem Mann, der vor den Nazis flüchten musste, sagte mir die Großmutter. Wenn ihre Auskunft stimmt, steht sie seit fast achtzig Jahren hier. Im Archiv finde ich eine Liste der jüdischen Bewohner Dachaus. Dreizehn Namen sind auf der Seite notiert.

An erster Stelle steht der Viehhändler Samson Gutmann. Er zieht erst nach München, dann nach Dachau. Mietet ein Haus in unserer Nachbarschaft, in der Freisinger Straße. Der Viehhändler aus Dachau und mein Urgroßvater Michael Müller, der Bauer aus dem angrenzenden Dorf – kannten sie sich?

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Erschienen im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Nr. 826, März 2018

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Vor Lampedusa

»Detailreich und empathisch erzählt Michaela Maria Müller vom Schicksal der Flüchtlinge auf Lampedusa.« Elke Heinemann in der FAZ

»Mit diesem Essay gelingt es Müller, dem Todeskampf vor den Küsten Europas ein Gesicht zu geben. Durch die Namen, die auf den gefundenen Habseligkeiten vermerkt sind oder durch diesen einen schwarzen Flüchtling mit den Armbändern. Ihre Erzählung schafft es, eine sehr persönliche Beobachterperspektive entstehen zu lassen – und vielleicht trägt sie auch dazu bei, uns EuropäerInnen etwas beim Verstehen zu helfen.« Dominik Leitner, Literaturblog „neonwilderness“

Erschienen im Frohmann Verlag (2015) bestellbar u.a. im Ecobookstore.