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Interview mit Jila Mossaed über Identität und Sprache

Jila Mossaed ist die erste Exilautorin überhaupt, die in die schwedische Nobel-Akademie aufgenommen wurde. Mit der Dichterin Jila Mossaed, 1948 in Teheran geboren, wird zum ersten Mal eine Exilautorin in die Akademie aufgenommen. Ein Gespräch über Herkunft, Zweisprachigkeit und Neuanfänge.

taz am wochenende: Frau Mossaed, am 20. Dezember werden Sie bei einem Festakt als Mitglied der Schwedischen Akademie aufgenommen. War es eine große Überraschung, als Sie erfuhren, dass Sie als neues Mitglied vorgeschlagen wurden?

Jila Mossaed: Ja, das war es. Ich hatte mir tatsächlich nie ausgemalt, dass ich eines Tages auf einem dieser Stühle sitzen werde. Ich kam mit 38 Jahren nach Schweden und begann erst dann, in dieser Sprache zu schrei­ben. Es ist ein unglaublicher Triumph. Ich bat mir trotzdem eine Woche Bedenkzeit aus, weil ich wusste, dass sich dadurch mein Leben sehr ändern würde. Ich lebe in Göteborg und muss von nun an einmal die Woche nach Stockholm zu den Sitzungen. Es sind viele Aufgaben damit verbunden, unter anderem viel Lesearbeit. Aber ich stimmte zu. Weil ich eine Exilautorin bin, weil ich eine Frau bin, weil ich aus dem Nahen Osten komme.

Es werden noch zwei weitere Mitglieder neu aufgenommen: Eric Runesson, ein Richter am Obersten Gerichtshof, und Mats Malm, ein Autor und Übersetzer. Was werden Ihre Aufgaben sein?

Wir hatten erst ein Treffen, bei dem uns das Haus gezeigt wurde. Mit der Arbeit beginnen wir noch. In einem oder zwei Monaten werde ich mehr wissen. Es gibt auch eine Reihe von Arbeitsgruppen, die weitere Literaturpreise vergeben.


Im November wurde bekannt gegeben, dass ein externes Komitee aus Literaturwissenschaftler*innen und Autor*innen 2019 und 2020 über den Nobelpreis entscheiden wird. Kennen Sie die Hintergründe dieser Entscheidung?

Ich wurde bei meinem ersten Besuch ebenfalls gefragt, ob ich Teil des Komitees sein möchte, aber ich will die Akademie erst kennenlernen. Nach den Vorkommnissen übten die Medien und die Gesellschaft einen großen Druck auf die Akademie aus, sich zu verändern. Es hat somit eine gute Seite, denn wir brauchen neue Stimmen. Großartige junge Autor*innen und Kritiker*innen kommen nun neu hinzu.

In den vergangenen Jahren sind Sie mit den wichtigsten Literaturpreisen Schwedens ausgezeichnet worden. Ihr Werk umfasst inzwischen über zwanzig Bücher und Theaterstücke. Es wurde in viele Sprachen übersetzt. Bis Mitte vierzig schrieben Sie auf Persisch, seit Anfang der 1990er Jahre auch auf Schwedisch. Können Sie den Prozess beschreiben, wie es war, die Sprache zu wechseln?

Es war ein langer Weg. Ich habe zur Sprache meiner Kindheit eine andere Verbindung, das ist normal. Wenn ich auf Schwedisch schreibe, ist es, als ob ich in einen Pool ein­tauche; wenn ich auf Persisch schreibe, ist es, als ob ich in einem Ozean schwimme. Aber es war am Anfang nicht nur die Sprache …

Was noch?

In den ersten Jahren sah ich jeden Morgen einen Riesen an meinem Bett, der sich vor mir aufbaute. Dieser Riese war die schwedische ­Sprache, die Kultur, das Klima, die Natur. Alles, was anders war. Ich habe begonnen, mit ihm zu sprechen.

Warum haben Sie sich entschieden, sechs Jahre nach Ihrer Ankunft die Sprache zu wechseln?

Ich hatte immer das Gefühl, meine Situation für die zukünftigen Generationen bezeugen zu müssen. Ich war Ende dreißig, als ich mit meinen beiden Kindern nach Schweden kam. Und ich bin nicht freiwillig gekommen. Ich hatte kein Geld, keine Arbeit, keine Zukunft und keine Sprache. So bin ich eine Stimme für Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, um die Welt wandern und versuchen, ein Dach über dem Kopf zu finden. Ich schreibe auf Schwedisch, um gehört zu werden. Wir müssen Teil des Gedächtnisses werden. Und ich glaube, das ist mir ein Stück weit gelungen.

Wie ist es, in zwei Sprachen zu arbeiten?

Es macht meine Sprache reicher. Ich wusste alles über die Geschichte und die Mythologie Irans. Dann habe ich angefangen, mich mit schwedischer Geschichte, Literatur und Mythologie zu beschäftigen. Heute kann ich beides kombinieren. Ich verbinde die opulente, verspielte Sprache meiner alten Heimat mit der klaren, nüchternen Sprache meiner neuen Heimat.

Die Literaturkritikerin Hanna Nordenhök vergleicht Sie mit der Dichterin Nelly Sachs. Sie sagt: „Es ist interessant, wie die Exilpoetiken beider Autorinnen so exakt zwischen grenzenloser Verwundbarkeit und unbeugsamer Unbändigkeit anderseits balancieren.“ In den ersten Jahren haben Sie viel Zeit in der Natur verbracht und schreiben auch in Ihren Gedichten darüber.

Ich bin ein Kind des Asphalts, ich bin in Teheran geboren. Bis ich nach Schweden kam, hatte ich noch nie Wald vor meinem Fenster gesehen. Ich begann, mit den Bäumen zu sprechen. Ich erzählte ihnen, wie es war, das Salz der iranischen Wüste zurückzulassen. Ich hatte bald den Eindruck, die Natur wäre offener und freundlicher. Sie umarmte mich, anders als der Rest meiner neuen Welt. Es war gut, in die Natur zu gehen. Ich habe viel von ihr gelernt. Ich sammelte keine Pilze, ich suchte nach Antworten im Leben.

Welche literarischen Vorbilder haben Sie in Schweden gefunden?

Eine Menge, etwa Edith Södergran, Harry Martinson oder Pär Lagerkvist. Nehmen wir Lagerkvist. Ich habe eine dunkle, melancholische Seite wie er. Und ich lache gern. Lagerkvist bringt mich zum Lachen.

Welchen Rat würden Sie jungen Autor*innen mit zwei oder mehr Sprachen und Identitäten geben?

Als ich nach Schweden kam, dachte ich viel über mich nach. Zuallererst definierte ich mich als Dichterin. Die Literatur gehört der Welt und ist Teil der Welt. Wenn ich Gedichte schreibe, spielt meine Herkunft keine Rolle, etwa, dass ich aus dem Nahen Osten und aus dem Iran komme, Frau oder Muslima bin. Ich bin ein Mensch, und die ganze Welt ist mir wichtig. Als Mensch schreibe ich über das, was mich glücklich oder traurig macht. Ich nenne mich gern Dichterin im Exil. Es trifft es, denn das bin ich immer gewesen. Im Iran genauso wie in Schweden.

Am Göteborger Theater wird gerade das Stück „Upprorets poet“ von Ihnen gespielt.

Ja, über die Dichterin Forugh Farrokhzad. Ich halte sie für die bedeutendste zeitgenössische Dichterin Irans. Sie starb 1967 mit nur 32 Jahren bei einem Autounfall. Sie war eine starke und talentierte Frau. Die gesamte, männlich dominierte Literaturszene Teherans hatte sich gegen sie gestellt, doch sie hat sich nicht beirren lassen. Das Stück hatte im November Premiere und wird in sechs anderen Theatern als Gastspiel aufgeführt.

Wissen Sie bereits, wie die Aufnahmezeremonie am 20. Dezember ablaufen wird?

Jeder von uns hat eine zehnminütige Rede vorbereitet, um sich vorzustellen.

Die Sitze sind von 1 bis 18 nummeriert. Sie übernehmen die Nummer 15.

Ja, und das bedeutet mir viel. Es ist der Sitz, den die Autorin Kerstin Ekman vorher innehatte. Als Chomeini 1989 die Fatwa gegen Salman Rushdie aussprach, forderte sie von der Akademie, sich für ihn einzusetzen. Das passierte nicht, und Ekman legte, obwohl es damals noch gar nicht möglich war, ihr Amt nieder. Ich werde sagen, wie stolz ich bin, Kerstin Ekmans Sitz zu übernehmen.

Erschienen in der taz am Wochenende, 15./16. Dezember 2018

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Interviews

Interview mit Ben Ralwence über Dadaab

Dadaab im Norden Kenias ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Im April drohte die kenianische Regierung erneut damit, das Lager zu schließen und die Bewohner in ihre Heimatländer abzuschieben. Der Autor und ­Menschenrechtsexperte Ben Rawlence hat die Geschichte des Lagers recherchiert.

Das kenianische Flüchtlingslager Dadaab ist etwa so groß wie Nürnberg. Derzeit leben dort rund 400.000 Menschen, überwiegend ­somalische Bürgerkriegsflüchtlinge. Warum haben Sie sich entschieden, ein Buch über Dadaab zu schreiben?
Weil die Menschen, die dort leben, vom Rest der Welt fast vergessen sind – was ein Skandal ist. Und weil ich neugierig war. Es ist unglaublich, wie diese Wüstenstadt, die es auf keiner Landkarte gibt, funktioniert: Es gibt dort eine Fußballliga, Kinos, Wahlen, Märkte, Schulen, Krankenhäuser.

Kenias Regierung droht immer wieder, das Flüchtlingslager zu schließen. Geht das überhaupt?
Es wäre ein unvorstellbar schwieriges Unterfangen. Wie wollen Sie eine Stadt dieser Größe auflösen? Dazu braucht man das Militär und Tausende Fahrzeuge und Planierraupen. Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Aber ich kann mir vorstellen, dass die kenianischen Behörden den Menschen dort das Leben noch schwerer machen werden.

Wie denn?
Sie könnten zum Beispiel in Dadaab das Wasser abstellen. Das wäre ein schreckliches Verbrechen, aber sie könnten das machen. Außerdem haben die Hilfsorganisationen aufgrund der Drohungen der Regierung keine Planungssicherheit mehr. Und wenn sie nicht planen können, müssen sie irgendwann ­aufgeben.

Wie ist derzeit die Situation in Dadaab?
Viele Menschen werden gehen. Es gibt kein Essen mehr. Seit einem Jahr bekommen die Bewohner 30 Prozent weniger Nahrungsmittel zugeteilt, weil das Welternährungsprogramm nicht genug Geld hat. Es ist schon jetzt eine schreckliche Situation.

Was steckt dieses Mal hinter der Ankündigung, das Lager schließen zu wollen?
Für mich steht das in Zusammenhang mit dem Humanitären Weltgipfel, der im Mai in Istanbul stattfand, und mit dem EU-Türkei-Abkommen. Kenia hat gesehen, dass die Türkei drei Milliarden Euro zugesichert bekommen hat, um Flüchtlinge zu versorgen. Die Regierung feilscht um Geld.

Sie haben in Ihrem neuen Buch „Stadt der Verlorenen“ neun Bewohner des Lagers porträtiert. Sind Sie noch in Kontakt mit ihnen und ihren Familien?
Ja, mit allen.

Wie reagieren die Bewohner auf die Bedrohung ihres Zuhauses?
Sie haben Angst. Der kenianische Staat stellt eine Bedrohung für sie dar. Um die Räumung vorzubereiten, wurde die Dienststelle für Flüchtlingsangelegenheiten im Lager geschlossen. Das heißt, die Menschen können keine Reiseerlaubnis mehr beantragen. Die benötigen sie aber, um eine Universität zu besuchen oder sich in einem Krankenhaus in Nairobi behandeln zu lassen. Wer eine Operation benötigt, ist also gefangen. Im Krankenhaus von Dadaab sterben Menschen, weil sie nicht verlegt werden dürfen.

Warum hat Kenia diese Menschen nie als Chance betrachtet?
Diese Frage könnten Sie auch der Europäischen Union stellen: Warum sieht sie Flüchtlinge nicht als Menschen, Wirtschaftsfaktor, Steuerzahler? Europa braucht 50 Millionen Einwanderer bis zum Jahr 2050, um den Lebensstandard halten zu können. Ich verstehe nicht, warum weder Kenia noch die EU ­diese Menschen als Chance begreifen. Das wäre die rationale Betrachtungsweise. Aber die politische Debatte wird nicht rational, sondern emotional geführt. Man diskutiert darüber, wer wir sind, für was wir uns halten und wer die anderen sind. Das vermischt sich mit der Angst vor Terrorismus, die alles vergiftet. Wir sind als Gesellschaft verloren, wenn wir uns dieser Angst hingeben.

In zahlreichen EU-Staaten ist derzeit nicht von mehr Hilfe für Flüchtlinge, sondern von Obergrenzen die Rede.
Es geht bei der Flüchtlingskrise nicht um Zahlen. Wir können das bewältigen, wenn wir es wollen. Es handelt sich vielmehr um eine Identitätskrise Europas, weil wir nicht in der Lage sind, Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Meine Sorge wächst, weil wir uns immer stärker mit einer Nation identifizieren anstatt mit einem Staat. Wir müssen uns für den Staat entscheiden, nicht für die Nation. Und dann im nächsten Schritt für die Gemeinschaft der Staaten: die Europäische Union. Wenn wir hingegen den Weg weiterverfolgen, den wir jetzt eingeschlagen haben, gehen wir in eine dunkle Richtung.

Die Menschenrechte von Flüchtlingen werden immer stärker eingeschränkt. Das beweist auch das EU-Türkei-Abkommen …
Manche Menschen sagen, dass die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 tot ist. Vielleicht stimmt das, weil wir seit Jahren hinnehmen, dass die Menschenrechte immer mehr eingeschränkt wurden. Das Lager von Dadaab und die Lebensbedingungen, die dort seit 25 Jahren herrschen, sind an sich schon ein Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention: Man setzt die Menschen an einem Ort fest, sie können nicht weg, sie können nicht arbeiten und man gibt ihnen nicht genug zu essen. Doch die reichen Länder verhalten sich nicht viel besser, wie wir jetzt in Europa überrascht feststellen konnten. Die Entschuldigung der Entwicklungsländer lautet: Wir sind arm, wir können uns keine Menschenrechte leisten. Aber Europa kann das nicht sagen.

Sie verweisen in Ihrem Buch auf einen somalischen Begriff, der in Dadaab entstanden ist: „Buufis“ bedeutet gleichzeitig Hoffnung und Verzweiflung. Weiß man, wie hoch die Selbstmordrate ist?
Sie ist sehr hoch und das ist ein großes Problem. Viele Schülerinnen und Schüler, die kein Stipendium für Kanada bekommen, nehmen sich das Leben. Denn nur die besten zehn Prozent eines Abschlussjahrgangs der Sekundarschule bekommen ein Stipendium. Wenn eines dieser klugen Kinder es nicht schafft, sehen sie oft keine andere Lösung. Ihr ganzes Leben war darauf ausgerichtet, sie hatten nichts anderes vor Augen, es war ihr größter Traum.

Gleichzeitig ist es überraschend, was diese Menschen leisten …
Ja, sie leisten eine Menge. Die Gemeinschaft ist sehr stark. Auch wer es geschafft hat, das Lager zu verlassen und sich im Ausland ein neues Leben aufzubauen, vermisst diese Gemeinschaft. Ich habe vor einigen Jahren in Nordschweden vier junge Männer getroffen, die aus Dadaab stammen. Sie träumten ­davon, das Lager wieder zu besuchen.

Sie schreiben, die Bewohner des Lagers würden Sympathisanten der islamistischen Terrormiliz Al-Shabaab ablehnen.
Ja, sie wollen nichts mit Al-Shabaab zu tun haben. Trotzdem wirft ihnen die kenianische Regierung immer wieder vor, sie seien für den Terrorismus im Land verantwortlich.

Sollte man weiter korrupten Regierungen Geld geben oder es lieber direkt den NGOs zukommen lassen, damit es auch dort landet, wo es gebraucht wird?
Das Problem ist: Die Regierungen sind der Türöffner. Nur mit ihnen kann man Zugang zu den Flüchtlingen bekommen. Doch manche dieser Regierungen sind auch der Grund, warum Menschen fliehen. Sie sind Kriminelle – und gleichzeitig kommt man nicht an ihnen vorbei. Wenn sie mehr Geld bekommen, ­haben sie noch mehr Mittel, um ihre Bevölkerung zu unter­drücken. Eigentlich vergrößert man die Not damit nur. Doch es gibt keine Alternative. Es ist verrückt.

Ben Rawlence
Ben Rawlence, geboren 1974, ­arbeitete als Menschenrechts­beobachter unter anderem für „Human Rights Watch“. Als ­Journalist verfasst er regelmäßig Beiträge für die BBC, „The Guardian“ und die „London Review of Books“. Ben Rawlence lebt mit seiner Familie in Wales. Sein Buch „Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt“ ist 2016 im Hanser Verlag erschienen.

Erschienen im Amnesty Journal, August 2016

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Interviews

Interview mit Nicolas Hénin über Terrorismus

In seinem Buch „Der IS und die Fehler des Westens“ (Orell Füssli Verlag, 2016) geht der französische Journalist Nicolas Hénin davon aus, dass die Islamisten militärisch nicht zu besiegen sind. Der 40-Jährige ist überzeugt, dass es andere Wege gibt, ihren Einfluss einzuschränken.

Sie arbeiten als Journalist schon seit vielen Jahren in Syrien und im Irak und sprechen Arabisch. Dann gerieten Sie im Juni 2013 in Geiselhaft, aus der Sie am 20. April 2014 befreit wurden. Hat die Erfahrung Ihren Blick auf die Länder verändert?

Nicolas Hénin: Nein, nicht wirklich. Der Vorfall hatte wenig mit der Region und ihren Menschen zu tun. Die Terroristen des Islamischen Staates (IS) sind eine Gruppe von vielleicht 2000 Kämpfern, die überwiegend aus dem Westen kommen. Meine Bewacher unterhielten sich auf Englisch oder Französisch über amerikanische TV-Serien.

Wahrscheinlich wird es nach Paris und Brüssel weitere Anschläge in Europa geben. Wir sind es nicht gewohnt, mit Terrorismus zu leben. Wie sollte man ihm begegnen?

Wir kennen Terrorismus nicht mehr, genauso wie wir Krieg nicht mehr kennen. Für unsere Eltern und Großeltern war beides Teil des Lebens. Ja, Terror ist traumatisierend. Wir wollen uns nicht einmal vorstellen, damit zu leben. Aber die Vergangenheit hat gezeigt: Gesellschaften können das bis zu einem bestimmten Punkt aushalten. Terrorismus ist nichts anderes als politische Gewalt. Es hat sie immer gegeben. In Frankreich hatten wir schon in den 1990er Jahren Bombenanschläge von Islamisten. Als Folge der Invasion im Irak gab es Anschläge in Spanien und England. In Deutschland war es der Terror der RAF-Fraktion in den 1970er Jahren. Ich würde sagen, wir sind belastbarer, als wir denken. Wir können auch damit leben.

Was ist das Ziel der Anschläge?

Das Ziel von Terrorismus ist nicht, zu töten, sondern Gesellschaften zu destabilisieren. Ein Mörder will töten, ein Terrorist will mit seinen Taten erreichen, dass Menschen sich irrational verhalten. Das ist sein Interesse, das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten.

Was können wir tun, um mit der Angst besser umzugehen?

Zunächst tun unsere Staaten alles, um weitere Anschläge zu verhindern. Aber wir müssen an unserer Widerstandfähigkeit arbeiten. Das bedeutet primär anzuerkennen, dass wir in einer Zeit mit Kriegen leben. Trotzdem befinden wir uns in einer relativ sicheren Region. Das Risiko, von einem Anschlag betroffen zu sein, ist viel niedriger als anderswo. Wir müssen uns immer wieder die Verhältnismäßigkeit vor Augen halten. Das heißt nicht, dass wir das Risiko vergessen oder um Opfer nicht trauern sollen.

Wie finanziert sich der IS?

In erster Linie aus der Plünderung eroberter Gebiete, dann aus erpressten Lösegeldern. Aber ich denke nicht, dass sie viel Unterstützung aus den Golfstaaten bekommen, höchstens von einigen privaten Geldgebern.

Sie schreiben in Ihrem Buch, es sei wichtig, die Herzen der Menschen zu gewinnen, und plädieren für einen empathischen Ansatz anstatt militärischer Interventionen. Wie soll das funktionieren? Ist es dafür nicht zu spät?

Ich mache einen Unterschied zwischen normalem Krieg und dem, was ich den irregulären Krieg nenne, den Krieg ohne Waffen. Man muss die Bevölkerung auf der anderen Seite auf seine ziehen. Die allermeisten Menschen wünschen sich, ein normales Leben in Frieden zu führen. Die Menschen vor Ort werden letztlich über die Zukunft entscheiden. Sie sind sozusagen das Gravitationszentrum. Je weniger der Westen Kriegshandlungen anheizt oder selbst ausführt, umso mehr gewinnt er die Bevölkerung.

Überschätzen wir den Einfluss des IS in der Region? Sie schreiben, er werde niemals in der Lage sein, Bagdad oder Erbil einzunehmen.

Der IS könnte sicherlich den kurdischen Peschmerga im Norden des Irak empfindliche Verluste beibringen, aber es ist widersinnig zu behaupten, dass er Erbil in seine Gewalt bringen könnte. Es handelt sich um eine Gruppe sunnitischer Aufständischer, die nur Regionen kontrollieren kann, in denen sie auf örtliche Unterstützung zurückgreifen kann. Auch in Bagdad wäre das für den IS schwer, weil viele Sunniten die Stadt verlassen haben. Dort beherrschen schiitische Milizen das Geschehen. Die schlechte Nachricht ist, dass seit der Entmachtung der irakischen Armee, die in erster Linie aus Sunniten bestand, ein Machtvakuum herrscht. Insofern ist der Einfluss des IS nicht zu unterschätzen, weil er sich der Sunniten annimmt.

Wie geht es den Menschen in Syrien und im Irak heute?

Das Problem der dortigen Zivilbevölkerung ist: Sie haben keine Hoffnung. Sie glauben, dass der Rest der Welt sie und ihr Leiden ignoriert. Der Westen will nur die Terroristen ausgerottet wissen, aber über ihre Sicherheit macht sich niemand Gedanken. Sie sehen eine Unverhältnismäßigkeit und rechnen in Zahlen: Im November starben in Paris bei den Terroranschlägen 140 Menschen, im März am Brüsseler Flughafen 35 Menschen. Das ist tragisch. Aber im Irak gab es seit der US-Invasion 2003 hunderttausende Opfer, genauso wie in Syrien seit Beginn der Revolution.

Und wie geht es Ihnen heute?

Ich befasse mich nicht mehr viel mit meiner Geiselhaft. Ich bin Journalist und Experte für den Nahen Osten. So will ich auch wahrgenommen werden.

Sie haben seit Ihrer Freilassung nicht nur ein Buch über den Islamischen Staat geschrieben, sondern auch ein Kinderbuch über einen Igel mit dem Titel „Schafft es Papa Igel, nach Hause zu kommen“?

Ja, ich habe es mit dem Fotografen Pierre Torres geschrieben, der mit mir entführt wurde. Ich erzählte ihm irgendwann, dass der Igel einer meiner Lieblingstiere sei. Und er sagte darauf: „Igel sind großartige Tiere. Sie finden immer wieder den Weg nach Hause, egal wo man sie aussetzt.“ Das hat mir gefallen.

Erschienen in der Wiener Zeitung vom 31. Mai 2016

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Interview Mahi Binebine über Aktivismus und Kultur

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12. April 2016

Mahi Binebine sprach in seinen Romanen früh die Missstände in seiner Heimat Marokko an, aber eines Tages genügte ihm das Schreiben nicht mehr. Er erzählt vom Einsatz für benachteiligte Jugendliche.

Sie sind erfolgreicher Künstler und Aktivist. Ist das schwer zu vereinbaren?

Ich hasse es, Aktivist zu sein (lacht). Ich komme nicht zum Arbeiten. Alle zwei Jahre schreibe ich einen Roman, dazu mache ich zehn oder zwanzig Ausstellungen pro Jahr. Es gibt Parallelen, aber auch einen grossen Unterschied zwischen den beiden Rollen. Ich setze mich in meiner Kunst zwar mit Migration oder den Ursachen von Terrorismus auseinander, doch jetzt kann ich zum ersten Mal wirklich Menschen helfen.

In Ihren Büchern behandeln Sie gesellschaftspolitisch relevante Themen, lange bevor sie die Öffentlichkeit erreichen. In «Kannibalen» beschrieben Sie 2003 das Schicksal von Migranten, die die Überfahrt mit dem Boot von Marokko nach Spanien riskieren. In «Die Engel von Sidi Moumen» setzten Sie sich 2008 mit der Radikalisierung benachteiligter Jugendlicher auseinander.

Ja. Ich habe trotzdem das Gefühl, hinterher zu sein. Nach den Attentaten von Casablanca im Jahr 2003 war das ganze Land in Schockstarre. Niemand in Marokko hatte bis dato mit Terrorismus gerechnet. Wir dachten, wir leben in einer gesunden Gesellschaft. Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass ich Sidi Moumen nie vorher gesehen hatte. Es grenzt an eine Autobahn und liegt hinter einer grossen Mauer. Man sah nichts davon. Nichts. Eine versteckte Stadt mit 300 000 Einwohnern. Das sind viele Menschen, nicht wahr? Aber es ist ein Slum. In der Mitte liegt ein riesiger Müllhaufen. Ich habe mein Land nicht wiedererkannt. Das Bild, welches ich nie vergessen werde: Die Kinder spielen auf der Müllhalde Fussball. Als ich sie sah, dachte ich, sie werden die Helden meines nächsten Romans.

Das Buch wurde von dem marokkanischen Regisseur Nabil Ayouch verfilmt.

Wir arbeiteten mit jungen Laienschauspielern aus Sidi Moumen. Für die Zeit der Dreharbeiten brachten wir sie in einem Appartement in Casablanca unter. Sie bekamen gutes Essen, Kleider und konnten duschen. Als das Ende der Dreharbeiten näher kam, fragte mich Nabil: «Was machen wir jetzt mit den Kindern?» Ich sagte: «Keine Ahnung.» Wir sprachen viel und beschlossen dann, etwas für die Kinder und Jugendlichen zu tun.

Was haben Sie unternommen?

Ich setzte mich mit Malerkollegen aus der ganzen Welt in Verbindung und bat sie, ein Werk für eine Versteigerung zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich zum Teil um recht bekannte Künstler. Wir erhielten fast hundert Bilder und nahmen damit eine Menge Geld ein. Dann trafen wir uns mit dem Bürgermeister von Sidi Moumen. Wir baten ihn um ein Grundstück. Nach einer Stunde Gespräch überliess er uns viel mehr als das: Er gab uns das bereits bestehende Kulturzentrum mit über 2000 Quadratmetern Fläche, für das es aber keine Gelder gab. Wir konnten mit unserer Arbeit beginnen. Mittlerweile ist auch die langfristige Finanzierung gesichert.

Was bieten Sie dort an?

Pro Woche bieten wir derzeit 85 Kursstunden an: Theater für unterschiedliche Altersstufen, Ballett, Hip-Hop, Klavierunterricht, Fotokurse oder Business-Englisch für Erwachsene. In unserem Zentrum in Sidi Moumen sind 400 Kinder und Jugendliche registriert, aber es kommen doppelt so viele und nehmen die Angebote wahr.

Wenn Sie etwa an die Lebenssituation der Menschen in den Vororten von Paris denken und sie mit Casablanca vergleichen, gibt es da Gemeinsamkeiten?

Die Regierungen haben ähnliche Fehler gemacht. Länder wie Frankreich oder Italien haben in den 1950er und 1960er Jahren sozialen Wohnungsbau am Stadtrand gefördert. Sie haben nicht daran gedacht, dass sie damit die Menschen dort ausschliessen. Im Verlauf haben sich manche Vorortsiedlungen zu rechtsfreien Räumen entwickelt, in denen Gewalt ein probates Mittel ist, sich durchzusetzen. Wir bekommen jetzt die Quittung für das, was wir in den letzten Jahren versäumt haben.

Können Sie beschreiben, wie die Radikalisierung bei den Jugendlichen in den marokkanischen Bidonvilles abläuft?

Nach den Attentaten habe ich mit einem Journalisten, der aus Sidi Moumen stammt, viel Zeit dort verbracht. Ich habe mit den Familien und Freunden der Attentäter gesprochen. Sie erklärten es mir: Die Islamisten gehen langsam an die Kinder heran. Sie holen sie aus dem Müll heraus. Sagen ihnen, dass sie sauber sein sollen, und geben ihnen eine Unterkunft, wo sie sich waschen können. Und sie bekommen zu essen.

Das ist es, was jeder will.

Ja. Dann nehmen sie die Kinder mit in die Moschee, wo sie fünfmal am Tag beten und den Koran studieren. So sind sie erst einmal von ihren alten Freunden und ihrer Familie entfernt – und Teil der anderen Gemeinschaft. Sie verschaffen ihnen Arbeit. Und dann im letzten Schritt kommt die Radikalisierung. Die Islamisten zeigen ihnen Videos von Attentaten, die sie mit Verschwörungstheorien verbinden: von vermeintlichen Juden, angeblichen amerikanischen Imperialisten und dem armen Araber als Opfer. Dabei glorifizieren sie die Terroristen und sagen gleichzeitig: «Du bist auserwählt.» Von da an ist es einfach. Es braucht zwei Jahre, um eine menschliche Bombe zu erschaffen. Das ist nicht viel. Wenn ein Kind mit 14 Jahren angeworben wird, kann es mit 16 bereit sein, sich in die Luft zu sprengen.

Wie ist es dazu gekommen?

In den 1970er Jahren Geld aus den Golfstaaten anzunehmen, war ein Fehler. Es brachte zwar Universitäten und Krankenhäuser, aber auch den Wahhabismus ins Land, der nun Fuss gefasst hat. Trotzdem sind die Islamisten nicht die schlechten Söhne des Arabischen Frühlings. Sie sind letztlich das Erbe der Misswirtschaft der Diktatoren in den vergangenen Jahrzehnten.

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Wir wollen den Jugendlichen einen Raum geben, in dem sie sich entwickeln können. Wir wollen den islamistischen Terror, der seinen Ursprung in den Elendsquartieren hat, mit Kultur bekämpfen. Die religiöse Mafia benutzt die Religion, um Menschen von ihrer Sache zu überzeugen. Wir nehmen die Kultur, um ihnen zu zeigen, dass sie falsch liegen. Auch die Lebensumstände müssen sich ändern. Es geht nicht, dass jemand aus der Bourgeoisie einen Fahrer, eine Hausangestellte beschäftigt und mit 150 Euro im Monat entlohnt.

Das klingt vielleicht abstrakt, aber haben wir eine gemeinsame Aufgabe?

Ja – uns für den Frieden einzusetzen. Aber die Sprache des Terrorismus ist effizient. Nach den Anschlägen von Casablanca 2003 kamen praktisch keine Touristen mehr. Die Terroristen entziehen uns somit die Lebensgrundlage. Man kann nichts gegen einen Mann machen, der mit einem Sprengstoffgürtel sterben will. Das ist der Unterschied zum Krieg. Im Krieg will niemand sterben. Die Soldaten an der einen Front nicht und die an der anderen auch nicht. Terrorismus stellt das auf den Kopf. Die einzige Waffe, die wir gegen sie haben, ist die Kultur. Das Leben ist besser als der Tod.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Wir eröffnen im Laufe des Jahres weitere Zentren: in Tanger, Fez und Ouarzazate. Die Bidonvilles sind der Ort, an dem die Islamisten arbeiten. Wir stellen gerade ein und lernen die neuen Mitarbeiter in Sidi Moumen an.