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Durch Mitteleuropa mit dem Zug – die Rail Baltica

Meine Reise beginnt an einem Vormittag Ende Januar 2025. Von Berlin-Gesundbrunnen nehme ich den EuroCity nach Warschau. Ich bereise die Rail Baltica. Ihr Ausbau ist ein Infrastrukturprojekt, das Polen, Litauen, Lettland und Estland per Bahn verbindet. Um das Baltikum an das europäische Bahnnetz anzubinden, werden 870 Kilometer Schienen neu verlegt. Dort wird derzeit noch auf russischer Breitspur gefahren. Seit Anfang des Jahres haben die Länder zunächst einen gemeinsamen Fahrplan.

Von Berlin aus liegen mehr als 3000 Bahnkilometer vor mir, einmal Tallinn und zurück. Noch ist die Reise etwas umständlich, was mich nicht abhält: Ich habe Tickets über Teilstrecken bei unterschiedlichen Eisenbahngesellschaften gelöst. Sie bringen mich über Vilnius nach Riga bis Tallinn an die Ostsee.

Von Berlin nach Warschau

Auf dem Triebwagen der polnischen Bahngesellschaft PKP steht in blauer Schrift »Baltic Express«. An der Oder rollt der Zug langsam über den Fluss und seine Auen. In dieser Jahreszeit sind der Boden und die blattlosen Bäume mit ein wenig Schnee bezuckert.

Der Amtsantritt der Regierung Trump II liegt einige Tage zurück. Die Frau des Präsidenten trug einen Hut in Wagenradgröße, der für Aufsehen sorgt. In den sozialen Medien machen noch immer Memes davon die Runde. Aber nicht nur der Hut lässt Böses ahnen. Auf den Plattformen des US-amerikanischen Internetkonzerns Meta sind plötzlich Inhalte, die mit den Hashtags »democrats« und »abortion« versehen sind, nicht mehr auffindbar. Die Nutzer und Nutzerinnen bekommen einen Eindruck, wie Sprache und Information dieser verordneten Vorstellung von Realität untergeordnet werden sollen.

In Zbąszynek, zwischen Frankfurt und Poznań, kommt der Zug außerplanmäßig zum Halten. Informationen werden von Fahrgästen vom Polnischen ins Deutsche und Englische übersetzt und wandern durch die Waggons: Die Strecke bis Poznań ist ohne Strom. Eine Weiterfahrt bis auf Weiteres nicht möglich.

Wir werden nach draußen in Busse gebeten. Am Bahnhofsvorplatz bilden sich lange Schlangen zum Einstieg. Ob die Zahl der Busse für die Wartenden reicht, ist zunächst unklar. Gepäck wird eilig im Busbauch verstaut, Kinderwägen zusammengeklappt, Babys auf den Arm genommen. Alle möchten die Reise fortsetzen, so schnell es geht.

Ich lese während des Wartens über die Geschichte von Zbąszynek. Nach Abschluss des Versailler Vertrags verlief hier die neue Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Polen. Zbąszynek (Neu-Bentschen) und Zbąszyń (Bentschen) waren Grenzbahnhöfe.

Ende Oktober 1938 strandeten 17 000 polnische Juden und Jüdinnen aus dem Deutschen Reich hier, die bei der von Heinrich Himmler und dem Auswärtigen Amt angeordneten sogenannten Polenaktion deportiert werden sollten. Das Land Polen verweigerte jedoch die Einreise. Unter menschenunwürdigen Bedingungen mussten dort Tausende einen Winter lang ausharren. Die Einwohner und Einwohnerinnen von Zbąszyń und jüdische Hilfsorganisationen in Warschau versorgten die Menschen.

Unter ihnen befand sich die Familie Grünspan aus Hannover. Ihr Sohn Herschel war bereits 1936 als Minderjähriger allein nach Paris zu einem Onkel geflüchtet. Dort erreichte ihn am 3. November 1938 eine Karte seiner Schwester Berta, die ihm die desolate Lage in Zbąszyń schilderte. Der siebzehnjährige Grünspan besorgte sich daraufhin einen Revolver, begab sich in die deutsche Botschaft und verübte ein Attentat auf einen Mitarbeiter, der kurze Zeit später an den Folgen verstarb. Die nationalsozialistische Regierung nahm das Attentat als Vorwand für die Novemberpogrome. Die Familie Grünspan wurde im Laufe der Verfolgung auseinandergerissen, Herschels Spur verliert sich 1942. 

Zum Weiterlesen hier.

Erschienen im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Nr. 913, Juni 2025

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Klinsmann. Ein Briefroman

Klinsi war meine erste Liebe, 1987 auf dem Dorf. Rick Astley und Bono brauchten gar nicht erst auszupacken. An Klinsi mochte ich alles: den schüchternen Blick, die bäckerblonden Haare, das Golf-Cabriolet, in dem ich gern mitgenommen worden wäre, seine Bescheidenheit, die ich in seinem Lächeln vermutete und natürlich sein Stürmertum auf dem Platz. Dabei war ich Fan des FC Bayern und er Spieler beim VfB Stuttgart.

Als Mädchen Fußballfan zu sein, führte in die Vereinzelung. Es war der Sport der Jungs und andere Mädchen interessierten sich nicht dafür. Ich begann, Klinsi Briefe zu schreiben. Mir hörte ja sonst niemand zu. Mein Leben begann sich zu ordnen.

Eine Liebeserklärung an das Außenseitertum und die Entdeckung, wie alte Lieben noch leuchten.

«Fluffig erzählt mit sanftem Pathos und wohltuender Selbstironie.« Tim Jürgens in 11 Freunde

«Müllers Buch umweht eine rührende Einsamkeit, gerade auch weil es sehr geradeheraus und offenherzig erzählt ist. Wenn es ein Spielstil wäre, dann hätte ihn vermutlich Mirko Slomka entworfen.« Frédéric Valin im Neuen Deutschland

«Müller zeigt, dass ein Idol in der Zeit des Erwachsenwerdens (und danach) ein Halt ist. Das reale Leben ist manchmal hart, das Leben im Traum mit dem eigenen Held ist die meiste Zeit leicht. Das tut einfach gut.« Katharina Hölter (@zwei.gutebuecher)

Interview bei Lettrétalks zu Fanliebe, Fußballzitate und die Schriftstellerin Aphra Behn.

Im Webshop von V&Q.

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Zonen der Zeit

Cover: Oda Ruthe

»Wenn eine Feuerwehrfrau auf einen Archivar trifft, kann es wie in diesem Roman passieren, dass die Eiszeit Feuer fängt und namenlose Inseln die Zeit anhalten.« Annett Gröschner

»In Michaela Maria Müllers Text findet sich Gegenwart und Historie, Geschichte und Naturgeschichte, Privates und Gesellschaftliches kunstvoll zu einem Gobelin verknüpft, einem Zeitteppich, der zugleich das Handlungsfeld der Figuren ist.« Jan Kuhlbrodt

»Alles ist jetzt.“ Der Zufall führt Regie, als Jan und Enni sich treffen, Entscheidungen sind es, die sie auf neue Lebensbahnen führen. Zonen der Zeit ist eine sensible Mediation über die Zeit und eine große Ermutigung, sein eigenes Jetzt im Leben zu finden.« Katrin Lange

»Michaela Maria Müller kommt diesen zwei Menschen ohne zu viele Worte sehr nahe – gerade ihre ruhige, unaufdringliche Art, die Figuren zu durchleuchten, ohne sie je bloßzustellen, hat etwas Berührendes, das sich schwer greifen lässt und umso länger nachwirkt.« Birgit Fuss im Rolling Stone 7/2024

»Ein stiller Roman, der in der Feinheit ganz viel zu erzählen hat.« Hauke Harder auf Leseschatz

»Frei von Komik nimmt sie beide in ihren Unzulänglichkeiten und Qualitäten ernst, kontrastiert sie in ihrer Unterschiedlichkeit und lässt vor allem Jan an der Direktheit Ennis wachsen.« Robin Passon in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Innere Aktenfreigabe am 13. November 2024

»Ein zartes, ungewöhnliches Buch mit eigenwilligen Figuren, die einen nicht mehr loslassen!« Anne Hahn

»In den wenigen Stunden habe ich Michaela Maria Müllers Schreiben, wie schon in Mitterndorf, der ebenfalls im Quintus Verlag erschienene Roman, sehr genossen und möchte sie hier gerne auch anderen ans Herz legen.« Kaśka Bryla

»Ganz feine Geschichte über zwei besondere Menschen, die einander ganz behutsam nahe kommen. Und denen die Autorin auch ganz behutsam dabei folgt. Lange nicht sowas Aufmerksames gelesen.« Lara Fritzsche

»Eine leise, melancholische Findung« Katarina Rafailović

»Ganz unaufgeregt und doch tiefgehend erzählt sie von Jan und Enni, die eigentlich unterschiedlicher weder vom Charakter noch von ihren Lebensumständen nicht sein könnten. Und doch begegnen sie sich immer wieder, kommen sich näher, bauen eine Verbindung zueinander auf, die stärker wird als sich beider Leben ändert, sie jeweils einen Neuanfang wagen.« Anke Schmeier

»Es ist ein sehr feiner, kluger Roman. Ohne Schnörkel, Pathos oder Kitsch« Marco Lombardi

»Ein Roman über Nähe und Verletzlichkeit, aber vor allem auch darüber, wie man sein Leben mit der Vergangenheit im Gepäck im Hier und Jetzt neu ausrichten kann.« Barbara Pfeiffer, Kulturbowle

»Mich hat die Sprache gefangen genommen: Sehr fein, sehr behutsam, ein Text, der viel andeutet, ohne es auserzählen zu müssen.« Manuela Hahn

»Stunden, Jahre, Jahrzehnte spielen in dem Roman an eine wichtige Rolle. Und bei Enni, der einen von zwei Erzählstimmen, verlangt der Arbeitstag höchste Aufmerksamkeit gar im Sekunden- oder Minutentakt. Sie ist in einer süddeutschen Kleinstadt Gruppenführerin bei der Freiwilligen Feuerwehr und nimmt Notrufe in der Leitstelle entgegen. Jan, der andere Erzähler, der im Wechsel mit ihr an der Reihe ist, arbeitet als Zeithistoriker beim Auswärtigen Amt. Er sichtet Akten, um eine jährliche Auswahl der interessantesten Dokumente zusammenzustellen. (…) Die Autorin bringt die Stimmen in Balance und dem Roman die Chance nachzuklingen.« Cornelia Geißler in der Berliner Zeitung Berlin als große Schwester am 7. August 2024

»In seiner Essenz schließt Zonen der Zeit von Michaela Maria Müller an Cees Nootebooms Allerseelen an, und zwar in vielerlei Hinsicht. Auch in Zonen der Zeit geht es um das Ende des Kalten Krieges, um das Ende der Geschichte wie es Francis Fukuyama 1992 ausrief. Nootebooms Figuren laufen durch das noch von der Teilung gezeichnete Berlin, und Müllers Jan lässt die Auflösung, den Abzug, den Niedergang der Sowjetunion Revue passieren. Enni als Name erinnert an Elik, und Enni van der Bilt deutet auf einen niederländischen Hintergrund, zudem noch in Zonen der Zeit über die Farbe Orange spekuliert wird, was wiederum auf Eliks Nachnamen Oranje hindeutet. In beiden Romanen versuchen zwei vorsichtige Menschen einen gemeinsamen Weg zu finden, und beide Romane thematisieren explizit Walter Benjamins Geschichtsphilosophie:

Der Engel blickte einfach durch mich hindurch, auf etwas anderes, das größer war als ich. Ich ließ ihn durch mich hindurchschauen. Den Mittelpunkt seines Körpers bildete ein Schlüssel, als ob es das Herz wäre, nur auf der Höhe des Brustbeins. Um diesen Schlüssel herum war die Zeichnung orange schattiert. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass die Schattierung die Form eines Hauses hatte. »Nach Paul Klee, 1920«, stand darunter.
»Was macht ein Engel an der Tür von deinem Kiosk?«, wollte ich wissen.

Jan wie Nootebooms Arthur Daane sind Archivare. Sie wollen etwas von der Geschichte aufbewahren, für die Nachwelt erhalten und verlieren den Überblick dabei. Sie verlieren sich und ihre Gefühle aus den Augen, sich und ihre Maßstäbe, ihre Interessen, ihre Intuition und Inspiration.

Wir schauen und machen [das Leid] gleichzeitig unsichtbar. Und trotzdem muß es irgendwo bleiben. Es sickert in deinen geheimen Archivschrank ein, schleicht sich in den Keller deines Computers. Was glaubst du, [Arthur], wohin deine Bilder gehen? Du machst sie doch nicht für den luftleeren Raum? Und auch du willst, daß es möglichst gut aussieht, schließlich bist du Fachmann. Die Ästhetik des Grauens. Und wir dürfen nicht darüber sprechen, alles, was man sagt, ist ein Klischee.
Cees Nooteboom aus: „Allerseelen“«

Alexander Carmele auf Kommunikatives Lesen

Im Webshop des Quintus Verlags.

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Mitterndorf

Cover: Oda Ruthe

April 1986. Die siebzehnjährige Resa arbeitet bei ihrem Vater auf dem Fischerhof, einem der letzten verbliebenen Bauernhöfe in der Gegend. Sie will den Hof nicht übernehmen, hat jedoch keine Ahnung, wie sie das ihrem Vater beibringen soll. Seit Kurzem haben sie einen neuen Nachbarn, Lothar Görlich, der mit Oskar Wolf im Austragshaus gegenüber lebt und mit einer einzigen Kuh eine Rinderzucht mit Uckermärkern aufbauen will, einer Rasse, die in der DDR für die Fleischproduktion gezüchtet wurde. Resa interessiert sich sehr dafür, doch im Dorf stoßen allein die Pläne auf Ablehnung. Als es im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl zum Super-GAU kommt und der Fallout auch der Landwirtschaft in Deutschland schweren Schaden zuzufügen droht, setzt sich die Erkenntnis durch, dass neue Zeiten anbrechen. Anhand alter Dokumente erfährt Resa endlich mehr über die Vergangenheit des Hofes und ihre Familie und der schweigsame Vater beginnt, sich den Fragen seiner Tochter zu stellen.

»Müllers Schreibstil ist ebenso geerdet wie das Milieu, das sie beschreibt. Sie zeichnet ihre Bauern mit viel Sympathie, aber ohne jene Überhöhung, die Au­to­r:in­nen an den Tag legen, wenn sie vom großstädtischen Schreibtisch aus aufs Landleben blicken.« Nina Apin in der taz.die tageszeitung

»Gekonnt und kenntnisreich beschreibt sie den unaufhaltsamen Verfall traditioneller Strukturen. Die Bauern müssen sich nach dem bösen Motto ‚wachsen oder weichen‘ ausrichten, um noch eine Zukunftsperspektive zu haben, die ersten Discounter siedeln sich an. Die türkischen Arbeiter in ihren Werkswohnungen werden konsequent ausgegrenzt. DDR-Flüchtling Lothar wird misstrauisch beäugt. So ist es die Konzentration auf das Wesentliche, auf die Romancharaktere, die ‚Mitterndorf‘ so lesenswert machen. Regt doch die Müllersche Sprache Verstand und Fantasie gleichermaßen an.« Dorothea Friedrich in der Süddeutschen Zeitung

«Eine Geschichte, die sich langsam entfaltet und voller kluger Wucht seine Leser mit nach Bayern und in die DDR der 1980er-Jahre nimmt. Den Charakteren Theresa, Resa genannt, und Vater Georg folgt man auf dem Fischerhof und in die Geschichte. Und es fühlt sich fast wie eine Zeitreise an.« Katharina Meusener in Top Agrar

Michaela Maria Müller: Mitterndorf, 216 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-96982-040-7; €22,00 (D)/ €22,60 (A), auch als E-Book erhältlich. Erschienen im Quintus Verlag.

Vergangene Termine:

Lesekreis „Lesbar“ in der Stadtbücherei Dachau am 22. April, 19.30 Uhr, Max-Mannheimer Platz 3, Dachau.

Im Stadtsalon Safari in Wittenberge am 29. April 2022, 19.30 Uhr.

In der script Buchhandlung in Kooperation mit dem Thalia Kino am 30. Mai 2022, Rudolf-Breitscheid-Str. 50, 14482 Potsdam, 19 Uhr. Moderation: Kerstin Seefeldt.

In der Buchhandlung Subtext am 23. Juni 2022, Sparkassenplatz 4, 85221 Dachau, 19.30 Uhr. 

Buchpremiere am 25. März 2022, 19 Uhr im REH Geyersbach, Kopenhagener Str. 17, 10437 Berlin. Moderation: Arno Orzessek.

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Trennlinien. Die Bildungsklassengesellschaft der achtziger Jahre

Die Schwestern verließen die Stadt 1981, im Jahr meiner Einschulung. Über hundert Jahre hatten sie Mädchen aus der Gegend unterrichtet. In Bayern galt ab 1802 die Schulpflicht. Die Klassenstärke von etwa siebzig Schülerinnen und Schülern war beachtlich, die pädagogischen Fähigkeiten der Schwestern und ausgedienter oder invalider Militärs waren aus heutiger Sicht sicherlich begrenzt. Nach sechs, später sieben Jahren war es außerdem verpflichtend, im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst noch für drei Jahre die Feiertagsschule zu besuchen, um die sogenannte Christenlehre des Katechismus zu studieren.

Erst ein halbes Jahrhundert nach der Ankunft der Schwestern 1854 waren Trinkwasserleitungen gelegt und elektrisches Licht auf zwei Fluren angebracht worden. Wirklich willkommen hatte man sie nie geheißen, Arbeit ging vor Bildung. Bildung stahl nur die Zeit und verstellte den Blick auf das, was man für wichtig hielt.

Im angrenzenden Kindergarten hatte ich von den letzten drei Schwestern noch eine kennengelernt. Sie war unsere Erzieherin. Wir sprachen sie mit »Schwester Dulcedia« an. Sie trug einen schwarzen Habit und einen Schleier, alles aus einer schier unendlichen Menge von Stoff, sowie eine weiße, eckige Haube auf dem Kopf, die die Stirn streng einfasste.

Grundschule

Durch die Mitte des taubenblauen Schulgebäudes lief eine Symmetrieachse, die die Eingangstür des dreigeschossigen Hauptgebäudes in zwei Hälften teilte. Rechts und links wurde es von niedrigeren, zweigeschossigen Nebengebäuden flankiert, die ihm beisprangen wie zwei gebückte Lakaien. Achtfach unterteilte Kastenfenster nahmen der Symmetrie die Strenge. Auf jedem Gebäudeteil schob sich ein Mansarddach wie ein breitkrempiger Hut weit nach vorn. Mauervorsprünge, die sich wie Geschenkbänder um das ganze Ensemble schlangen, schienen es zusammenzuhalten.

Ich zähle auf dem alten Klassenfoto durch. Neun von uns wechselten am Ende der Zeit aufs Gymnasium, elf auf die Hauptschule, zwei auf die Sonderschule. Während für uns der Unterschied zwischen Hauptschule oder Gymnasium noch keine große Rolle zu spielen schien, war der zwischen Haupt- und Sonderschule schon damals eklatant. Hauptschule war okay, ein sicheres Ticket, das den Jungen den Eintritt in einen Handwerksberuf, den Mädchen eine Ausbildung zur Arzthelferin oder im Einzelhandel garantierte. Sonderschule jedoch war ein Makel, etwas mit dem gedroht wurde, wenn man mit schlechten Noten nach Hause kam. Bei dem Kompositum »Sonderschule« lag die Bedeutung von »Sonder« nämlich nicht darauf, dass jemand besonders war. Es ging um ab-sondern, um Isolation, um Ausschließen. Vor was konnte man als Zehnjährige mehr Angst haben?

Zum Weiterlesen hier.

Erschienen im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Nr. 866, Juli 2021

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Kochen mit Zukunft. Rezepte für ein gutes Klima

Die Lebensmittelproduktion macht derzeit weltweit ein Drittel aller Treibhausgase aus. Der Fleischkonsum hat sich seit 1960er-Jahren weltweit vervierfacht. 83% der Landwirtschaftsfläche wird für den Anbau von Futter und Weideflächen gebraucht, das sind 26% der ganzen Erde. Für ein Kilogramm Steak muss ein Tier 25 Kilogramm Futter und Getreide fressen und 15.000 Liter Wasser trinken. Es könnten 3,5 Milliarden Menschen mehr ernährt werden, wenn wir das für die Tiere erzeugte Futter einfach selbst essen könnten. 

Eines machen all diese Zahlen deutlich: Die Ressourcen der Erde sind endlich. Wir müssen heute etwas an unserem Konsum ändern. Machen wir es nicht, sind die Folgen unumkehrbar. Wie reisen wir, wie legen wir unsere täglichen Wege zurück, was kaufen wir und was essen wir? 

Wir haben für „Kochen mit Zukunft“ von Kantinenbetreiber*innen, Food-Aktivist*innen, Historiker*innen, Bio-Koch*innen oder Familienköch*innen aus der ganzen Welt fast 40 Rezepte und 30 Statements bekommen. Sie stellen Rezepte vor und erklären ihren Ansatz für Klimafreundlichkeit und Nachhaltigkeit. Es hat sich eine Vielstimmigkeit eingestellt, mit der wir nicht gerechnet haben, die aber wichtig ist. Denn am Ende sitzen alle an einem Tisch! Vielen Dank an dieser Stelle den Beiträger*innen dafür, dass ihr euer Wissen geteilt und das Kochbuch möglich gemacht habt.

Mit Beiträgen von Rezepte und Statements von Agnes Schütte / Ökowein Schütte, Alaa und Maria / Kreuzberger Himmel, Anil Kumar / Jacobs University, Ann-Kathrin Wohlrab /Dingsdums Dumplings, Anna Jones / Guardian , Caro, Imelda, Mirko und Roni / Vegetiv, Christian Heymann / WildesGut, Dorothea Wunderling, Gloria Liebherr / Glory Box. Spicy Soulfood, Gosha Nagashima / Studio Gosha, Hendrik Haase, Isabel Geigenberger, Kathi und Käthe / Fairverpackt Babelsberg, Linn Kaldinski / Über den Tellerrand, Lisa Shoemaker, Manuel Klarmann / Eaternity, Mark Bittman / How to Cook Everything; How to Cook Everything Vegetarian, Nikola Richter, Nourhouda Ali Banfas, Ottmar Pohl-Hoffbauer / Bonvivant, Patrick Wodni / Kantine Zukunft, Raphael Fellmer, Enya Vogel + Hannah Löscher / SIRPLUS, Sophia Hoffmann / Zero Waste Kitchen, Truong Ngu, Ursula Holsten, Ursula Klement, Verena Schlegel / Mensaleitung der Ludwig-Thoma-Realschule in München, Wekas Gaba / Learning German by Cooking.

Michaela Maria Müller im Gespräch mit Joachim Scholl in der Sendung Lesart auf Deutschlandradio Kultur

Besprechung auf FM4

Besprechung im Wolfgang Magazin

Tipp im Spezial „Nachhaltig Leben“ im Bücher Magazin 3/2020

Bestellbar im Shop von mikrotext.

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Die Lager Schlesiens – Topografien

Der erste Bahnhof, an dem der Zug hinter der deutsch-polnischen Grenze Station macht, ist Rzepin. Fahrgäste aus Berlin steigen um und warten am Bahnsteig auf den Schnellzug nach Oppeln. Der Bahnhof hat erst seit wenigen Jahren ein Containerterminal, heute gut bestückt und beladen mit Waren aus China, die immer häufiger über die Schiene nach Europa transportiert werden.

Ich verfolge mit dem Smartphone unseren Weg und sehe, wie sich der blaue Punkt weiter Richtung Osten bewegt. Wir fahren an der Oder entlang und überqueren sie immer wieder. Vor Beginn der Reise habe ich Schlesien oft auf Karten heran- und herausgezoomt, zwischen Satelliten- und Topografiekarten wechselnd, habe alte Flözkarten studiert, die aus der Zeit stammen, als die Bergbauregion noch inmitten des Deutschen Reiches lag, als in Kattowitz die Synagoge noch neben dem Gymnasium stand und sich im Norden die Ferdinandgrube anschloss, deren Flöze Jakob, Karoline, Xaver oder Veronika Blücher hießen. Sie wurden mit blauen und roten Linien markiert, die sich auf den Karten wie Venen und Arterien durch einen Körper zogen.

Die Nationalsozialisten brachten die Lager nach Schlesien. Während des Zweiten Weltkriegs lag Schlesien im Wehrkreis VIII, wo es sieben sogenannte STALAGs und OFLAGs gab, deutsche Stamm- und Offizierslager für europäische Kriegsgefangene. In unzähligen Außenlagern der Konzentrationslager mussten Häftlinge Zwangsarbeit leisten, etwa in der Zementfabrik von Golleschau, für die Reichsbahn in Gleiwitz, für das Kraftwerk in Neu-Dachs. Allen voran aber Auschwitz.

Die Infrastruktur der Lager blieb nach Kriegsende bestehen. Jetzt wurden Deutsche oder solche, die man dafür hielt, dort interniert und warteten auf ihre Umsiedlung. Sie waren in den Lagern von Eintrachthütte, Myslowitz und Lamsdorf untergebracht. Viele sind an Hunger, Folter und Krankheiten gestorben.

Auch ehemalige Wehrmachtssoldaten waren jetzt in Gefangenschaft. Einer von ihnen war mein Großvater, Melder bei der Infanterie. Er wurde lange nicht einberufen, da er als Landwirt den Status u.k. (unabkömmlich) hatte. Dann wurde er 1944 als Kraftfahrer ausgebildet und an die Front versetzt. Im April 1945 wurde er von russischen Soldaten gefangengenommen und blieb bis März 1949 Kriegsgefangener in einem schlesischen Steinkohlebergwerk, als Bergarbeiter.

Kriegs- und Gewalterfahrungen beeinflussen Familien über Generationen, und es soll nicht darum gehen, das Leid der Opfer gegen das der Täter aufzurechnen. Aber vieles hat sich in unserer Familie verändert, einer Täterfamilie, wenn man so will. Dazu gehört etwa die spätere Haltung meines Großvaters zum Wehrdienst: Als mein Vater und seine zwei Brüder in den 1960er Jahren eingezogen werden sollten, setzte sich mein Großvater dafür ein, dass seine Söhne zurückgestellt würden, Militär- und Männlichkeitsideale hin oder her. Ob dem stattgegeben würde, darüber befand eine Kommission. Ein Mitglied dieser Kommission war jedoch der Bruder meines Großvaters, der durchaus der Meinung war, dass dessen drei Söhne den Wehrdienst leisten könnten und der elterliche Bauernhof die Dauer ihrer Abwesenheit überstehen würde. Meinem Großvater ging es aber nicht um die fehlenden Arbeitskräfte auf dem Hof, sondern den Dienst an der Waffe, von dem er nicht wollte, dass seine Söhne ihn verrichten. Zwischen den Brüdern gab es Streit. Schließlich wurde der älteste Sohn zurückgestellt, die beiden anderen mussten den Wehrdienst leisten.

Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Juni 1949 schrieb mein Großvater seine Erinnerungen auf. Ich kenne sie erst seit ein paar Jahren. Es sind bruchstückhafte drei Seiten, die sich zusammen mit der Autobiografie des Journalisten Harri Czepuck zu einem genaueren Ganzen fügen, denn er und mein Großvater hielten sich zur gleichen Zeit an denselben Orten auf, wie ich durch Zufall bei einer Recherche erfahre. Dass sie sich näher kannten, ist hingegen unwahrscheinlich, zum einen wegen der großen Anzahl der Gefangenen, aber auch wegen des Altersunterschieds: Czepuck war zum Zeitpunkt der Gefangennahme erst achtzehn Jahre alt, mein Großvater bereits fünfunddreißig.1

Mein Bruder und ich sind mit meinem Großvater aufgewachsen. Wir haben viele Winterabende kartenspielend am Küchentisch verbracht, bis meine Eltern auf dem Hof mit der Arbeit fertig waren. Den Krieg und die Gefangenschaft in Schlesien hat er dabei nie erwähnt. Es hat aber Zeiten in seinem Leben gegeben, in denen er darüber gesprochen hat. An den Namenstagen seiner vier Kinder etwa, die wie Geburtstage begangen wurden. Zu dieser Gelegenheit durften sie länger aufbleiben, und manchmal erzählte er dann davon. Nur was, daran erinnert sich niemand mehr.

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Erschienen im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Nr. 850, März 2020

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Essais

Durchs Moor, durch Dachau


Ich komme nach Hause. Neben dem Ofen taut das Brot. Ich nehme den Laib, presse ihn an das Schneidemesser der Brotmaschine. Die Maschine ächzt, dann streikt sie. Es gelingt nicht, vom halbaufgetauten Brotblock eine Scheibe abzuschneiden. Ich lege den Laib zurück neben den Ofen. Bald wird das Haus abgerissen. Ich gehe auf den Speicher.

Es riecht nach frischgewaschener Wäsche. Sie hängt an aneinander geknoteten Plastikschnüren und Sisalgarnen, die durch den Raum gespannt sind. Es ist eine Kochwäsche Euterlumpen. Zerschlissene, in Rechtecke zerrissene Handtücher, die sich auf den Wäscheleinen reihen. Morgens und abends werden sie beim Melken zum Saubermachen der Kuheuter gebraucht.

Im Dachgiebel haben sich die Wespen Nester gebaut, unheimliche graue Ovale, die sie mit ihrem Sekret auf die Ziegel und die Dachbalken geklebt haben. Aber die Wespen sind verstummt, die Nester verlassen.

Ich finde in einer Schublade eine kaputte Taschenuhr, eine Handvoll Faschingsorden, in Manteltaschen vergessene Münzen. Der Speicher war immer schon voll von Dingen, die im Alltag keinen Platz haben.

Ich streiche über das dunkle Holz der Vitrine. Ihre Türen sind aus graviertem Glas, die Enden der Seitenteile zu schlanken Säulen gedrechselt. Sie gehörte einem Mann, der vor den Nazis flüchten musste, sagte mir die Großmutter. Wenn ihre Auskunft stimmt, steht sie seit fast achtzig Jahren hier. Im Archiv finde ich eine Liste der jüdischen Bewohner Dachaus. Dreizehn Namen sind auf der Seite notiert.

An erster Stelle steht der Viehhändler Samson Gutmann. Er zieht erst nach München, dann nach Dachau. Mietet ein Haus in unserer Nachbarschaft, in der Freisinger Straße. Der Viehhändler aus Dachau und mein Urgroßvater Michael Müller, der Bauer aus dem angrenzenden Dorf – kannten sie sich?

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Erschienen im Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Nr. 826, März 2018

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Reportagen

75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Erschienen in der Serie „10 nach 8“ auf Zeit Online am 28. Januar 2020 – Fotos: Michaela Maria Müller.

Hier ermordeten die Nazis 1,1 Millionen Menschen, nur 7.000 konnten gerettet werden. Ein Besuch in Auschwitz, am 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers

Am Tag der Gedenkfeier anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung ist vieles anders in der Stadt. Bereits kurz nach acht Uhr stockt auf der Ulica Legionów, die zum ehemaligen Stammlager von Auschwitz führt, der Verkehr. Die Straße ist gesperrt. In der Ferne kündigen Polizeisirenen die Ankunft einer Delegation an. Alle müssen warten, beinahe eine unfreiwillige Gedenkminute: Fußgänger*innen, Rad- und Autofahrer*innen und der Fahrer eines Lkws, der ein Polter Holz geladen hat, ebenfalls. Aus mehr als 50 Ländern haben sich Vertreter*innen angemeldet. Als die Kolonne mit Blaulicht eskortiert vorbeigefahren ist, rollt der Verkehr weiter.

In der Stadt führt am Vormittag ein junger Mann, der als Freiwilliger ein Jahr in Oświęcim verbringt, eine deutsche Schülergruppe durch das Jüdische Museum. Es ist im ehemaligen Haus der Familie Kornreich untergebracht. Dort wird das jüdische Leben vor dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert: Die Schenkungsurkunde eines Grundstücks bezeugt, dass es seit dem 16. Jahrhundert jüdisches Leben in der Stadt gegeben hat. Die ersten Familien stammten vermutlich aus Westeuropa und handelten mit Salz und Gewürzen. In den Vitrinen sind noch die bunten Etiketten und Likörflaschen der Spiritus-Raffinerie Haberfeld ausgestellt. Gegründet 1804, wie es auf einem Firmenschild nachzulesen ist. Auch alte Familien- und Klassenfotos sind zu sehen. Sowie Überlebende, die nach der Befreiung versuchten, in Oświęcim Fuß zu fassen. Die meisten hielten es nicht aus und wanderten nach Israel oder die Vereinigten Staaten aus. Jede dieser Aufnahmen erzählt ein unfassbares Schicksal, von Lola und Maurycy Bodner zum Beispiel, die 1946 den fünfjährigen Menachem adoptieren, der Josef Mengeles Versuche überlebte. Auf dem Foto haben die beiden das Kind in ihre Mitte genommen und lächeln in die Kamera.

Der Geruch von Kohle liegt über der Stadt

Das Jüdische Museum befindet sich im Zentrum von Oświęcim in der Nähe des Marktplatzes. „Es kommen viele Besucher*innen“, bemerkt eine Bewohnerin, „und immer mehr nun auch in die Stadt.“ Die Zahlen der Gedenkstätte bestätigen das. Im vergangenen Jahr kamen 2,3 Millionen Menschen, so viele wie noch nie.

Die gelben Shuttlebusse, die man aus dem Berliner Stadtverkehr kennt, bringen heute Teilnehmende nach Birkenau, wo am Nachmittag die zentrale Gedenkveranstaltung stattfindet. An einem normalen Tag pendeln die Busse alle zehn Minuten zwischen Auschwitz und dem Dorf Brzezinka, um Besuchergruppen hin- und herzutransportieren. An normalen Tagen ist auf den Straßen nicht viel Verkehr. Nur Anwohner*innen, die Shuttlebusse und ein paar Großraumtaxen sind da unterwegs, letztere um zu den etwas abgelegeneren Erinnerungsorten zu gelangen, wie dem Minoritenkloster in Harmęże etwa, um die Zeichnungen des Überlebenden Marian Kołodziej zu sehen.

Heute ist das anders. Der Geruch von Kohle liegt über der Stadt, wie überall im schlesischen Kohlerevier. Der Bus überquert eine Brücke, die über Gleise führt. Neben ihr, an der Maksymiliana Kolbego, befindet sich ein Kohlehandel. Dort türmen sich Steinkohlehaufen, die über Förderbänder transportiert und nach Bruchgrößen sortiert werden. Auf der einen Seite des Dorfrands von Brzezinka befindet sich die erste Judenrampe, am anderen das ehemalige Vernichtungslager. Von den Baracken, die sich hinter dem Tor rechts und links der Bahngleise erstreckten, zeugen heute noch die gemauerten Kamine, die aus der Wiese nach oben ragen.

Die Überlebende Irene Weiss, die als 13-Jährige im Lager inhaftiert war, erinnert sich, dass es zwei Auschwitz‘ gab: das bei Tageslicht und das der Nacht. Viele, die bei Tag ankamen, glaubten zunächst, sie seien in einem Arbeitslager und ahnten nicht, dass nach der Selektion an der Rampe der Tod folgte. Diejenigen, die in der Nacht ankamen, begriffen es sofort. Sie mussten in der Dunkelheit in Richtung der vermeintlichen Duschräume laufen. Aus den Kaminen der Krematorien schlugen meterhoch Rauch und Flammen. Irene Weiss erinnert sich, als sie in den Nächten gezwungen war, die nie kleiner werdenden Schuhberge im Effektenlager zu sortieren. Sie, ein Mädchen von dreizehn Jahren, hielt sich die Ohren zu, bis eine Gruppe verzweifelter Menschen vorbeigetrieben wurde, denn sie konnte die Schreie nicht aushalten. Am 26. Mai 1944, an dem Tag als sie ihre Familie verlor, wurden 10.000 Menschen ermordet.

„Schauen Sie nicht gleichgültig zu“

Für die Gedenkveranstaltung ist über dem Tor von Birkenau ein großes weißes Zelt errichtet worden, das gleichsam die alte Begrenzung des Lagers aufbricht. Es spannt sich darüber und ist hell erleuchtet. Wenig später haben dort Überlebende und Staatsgäste Platz genommen. Was die Überlebenden berichten, ist schwer zu ertragen und immer noch unfassbar. 

„Ich stehe heute hier“, sagt Bat-Sheva Dagan, „und ich weiß nicht, ob es wahr ist oder ein Traum, nach all den Leiden, die ich hier erfahren habe.“ Sie erinnere sich nicht mehr, sagt sie, was schlimmer war: das Tätowieren oder die Rasur ihrer Haare. Als ihre Hände den geschorenen Kopf berührt hätten und sie sich in einer Fensterscheibe gespiegelt gesehen habe, habe sie sich selbst nicht erkannt. Die Haare wuchsen wieder, aber die Erinnerung sei geblieben. Sie habe sich Rache gewünscht, dafür, dass die Menschen anstehen mussten, um in den Tod zu gehen. Eine Gaskammer in diesem Krematorium maß 234 Quadratmeter, jedes Mal wurden 1.600 Menschen ermordet. Bis der Tod eintrat, dauerte es 30 Minuten. Je näher man sich an den Schächten befand, in die vom Dach aus das Gift geschüttet wurde, umso schneller ging es. „Ich hoffe“, schließt Dagan und wendet sich an die Anwesenden, „Sie alle setzen sich dafür ein, dass so etwas nie wieder passiert, und halten die Erinnerung an diesen Ort aufrecht.“ 

Das elfte Gebot

Der Überlebende Marian Turski, heute Vorsitzender des Jüdischen Historischen Instituts Warschau, mahnt, dass Auschwitz nicht vom Himmel gefallen sei. Er versetzt die Zuhörer*innen in das Berlin der frühen Dreißigerjahre: „Auf einer Bank stand: ‚Juden dürfen nicht auf der Bank sitzen.‘ Nun ja, könnte man sagen, sie können ja noch woanders sitzen. Es gibt so viele Bänke. Dann hieß es, sie dürfen nicht in Gesangsvereinen Mitglied sein. Nun ja, dann gründen sie eben ihre eigenen. In Schaufenstern von Bäckereien hingen Schilder: ‚Wir verkaufen nur ab fünf Uhr Brot an Juden.‘ Nun ja, auch daran kann man sich gewöhnen. So wurde es normal, dass Menschen ausgeschlossen und ausgegrenzt wurden. So ist es passiert. Schritt für Schritt. Alle haben es akzeptiert, die Opfer, Täter*innen und Mitläufer*innen. Und plötzlich ging es ganz schnell.“ Turski erinnert an das „elfte Gebot“: „Du sollst nicht gleichgültig sein. Schauen Sie nicht gleichgültig zu, wenn Minderheiten diskriminiert werden.“

Auch der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist unter den Gästen. Er besucht, ebenso wie die Kanzlerin Angela Merkel vor zwei Monaten, zum ersten Mal die Gedenkstätte. Auf ihn, der bei den Gedenkveranstaltungen als Stellvertreter des Tätervolks auftritt, sind die Augen gerichtet, wie schon wenige Tage zuvor in Jad Vaschem. Er schreibt in das Gästebuch: „Auschwitz ist ein Ort des Grauens und ein Ort deutscher Schuld. Es waren Deutsche, die andere Menschen herabgewürdigt, gefoltert und gemordet haben. Wir wissen, was geschehen ist und müssen wissen, dass es wieder geschehen kann.“ 

Inzwischen sind es die dritte und vierte Generation, die das Gedenken weitertragen. Doch es ist absehbar, dass in Zeiten des Populismus von rechts in den kommenden Jahren viel um Erinnerung gerungen werden muss. Obwohl die Fakten klar sind, obwohl es inzwischen eine hochdifferenzierte Forschung zum Holocaust gibt.