Reportagen

Widerstand wider Willen: Der Landrat Hans Schuirer und die WAA Wackersdorf

Erschienen in in der Serie “10 nach 8” auf Zeit Online am 19. Mai 2019 – Fotos: Michaela Maria Müller.

Vor 30 Jahren war Schluss: Bürgerproteste führten zum Baustopp einer Aufbereitungsanlage für Atommüll in Wackersdorf. Hans Schuierer organisierte damals die Aktionen.

Ein unscheinbares Schild, auf dem “Franziskusmarterl” steht, zeigt am Straßenrand in den Wald. Hans Schuierer setzt den Blinker und biegt ab. Während seiner Amtszeit als Landrat war er Mitte der Achtzigerjahre maßgeblich daran beteiligt, die Errichtung einer Wiederaufbereitungsanlage für atomaren Sondermüll in Wackersdorf zu verhindern. Nach vier Jahren Bauzeit wurde das Projekt am 31. Mai 1989 abgebrochen. Die Proteste der Atomkraftgegner und Anwohner waren erfolgreich.

Heute ist Hans Schuierer 88 Jahre alt. Im Taxöldener Forst, wo sich damals die Szenen des Widerstands abspielten, hat er als Kind schon Blaubeeren und Pilze gesammelt. Der Wald liegt ihm am Herzen. Wir fahren tiefer und tiefer hinein, die asphaltierte Straße wird zum Wirtschaftsweg. Am Rande einer Lichtung halten wir und steigen aus. Und ja, immer noch bedecken Blaubeersträucher den Boden, sie tragen Mitte April schon kleine Früchte. Das “Marterl”, wie die Einheimischen es kurz nennen, ist ein Erinnerungsort an den Widerstand, der von ganz unterschiedlichen Menschen aus der Bevölkerung getragen wurde: vom Pfarrer über den Landwirt, von der Hausfrau zur Museumsleiterin.

Mitte der Achtzigerjahre fand hier jeden Sonntagnachmittag eine ökumenische Andacht statt, zu der sich regelmäßig Hunderte Menschen einfanden. Künstlerinnen stifteten Werke, die sich auf der Lichtung im Halbkreis aneinanderreihen: ein meterhoher Männerkörper, geschnitzt aus einem Baumstamm, ein im Waldboden eingelassenes Mosaik auf dem “WAA nein” zu lesen ist und eine weiß getünchte Kapelle, die an den Stifter des Ortes und die Menschen erinnert, die bei den Protesten ums Leben gekommen sind. Über allem thront ein Christus am Kreuz.

Inzwischen wirkt alles ein wenig in die Jahre gekommen. Und liegt das Marterl nicht etwas versteckt? “Wir mussten zwei Jahre warten, bis uns das Straßenbauamt erlaubt hat, überhaupt ein Schild am Straßenrand aufzustellen.” Die Erinnerung an den Widerstand scheint mancherorts immer noch nicht erwünscht zu sein.

Als Schuierer sein Amt als Landrat in den Siebzigerjahren antrat, war der Landkreis Schwandorf alles andere als wohlhabend. Die Braunkohleförderung war eingestellt worden, das Stahlwerk Maxhütte-Haidhof stand vor dem Konkurs. Größere Industriebetriebe neu anzusiedeln gelang nicht. Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung waren ohne Arbeit, nirgends in der Bundesrepublik gab es eine höhere Arbeitslosigkeit.

Auch er sei anfangs für den Bau und die Atomkraft gewesen, wie viele in der SPD damals, gibt Schuierer zu. Und das Versprechen, 3.600 neue Arbeitsplätze in der Region zu schaffen, klang wie die Lösung aller Probleme. Die Vertreter der künftigen Betreibergesellschaft DWK schilderten die Zukunft in den schillerndsten Farben und betonten, dass es sich um eine sichere und saubere Technologie handele, die bei der Wiederaufbereitung der Brennelemente zum Einsatz käme. Schuierer habe ihnen geglaubt – bis ihm die Baupläne vorgelegt wurden.

Als er sie studierte, sei der gelernte Maurer und Bautechniker stutzig geworden: Es war darin ein 200 Meter hoher Kamin eingezeichnet. Als er nachfragte, habe der Vorstandsvorsitzende eingeräumt, dass dieser nötig sei, damit die radioaktiven Schadstoffe möglichst breit verteilt würden. “In dem Moment habe ich gemerkt, dass sie nicht mit der Wahrheit gearbeitet haben. Sie hatten immer von sauberen Arbeitsplätzen gesprochen und garantiert, dass es keine Umweltverschmutzung geben würde”, erinnert er sich. Man habe versucht, ihn umzustimmen. Vergebens. 

Wir verlassen das Franziskusmarterl, fahren zurück auf die Straße, vorbei an einem lang gestreckten, ziegelroten Gebäude mit grünem Dach, das wie ein Bunker aussieht. “Das sollte das Brennelemente-Eingangslager werden”, sagt Schuierer. “Es hat einen eigenen Gleisanschluss, ist gegen Flugzeugabstürze und Erdbeben gesichert. Die Mauerdecke ist 1,5 Meter dick.”

Wieder biegen wir von der Straße ab und stehen vor einer heruntergelassenen Schranke, die uns am Weiterfahren hindert. Im Gestrüpp ist ein Berg Pflastersteine aufgetürmt. “Hier stand das Tor”, erinnert sich Schuierer. Zehntausende Demonstranten und Polizeibeamte trafen dort aufeinander. “Die Polizei hat die Leute auf brutalste Weise nieder geprügelt.” Nach einem Einsatz, an dem ein Sonderkommando aus Berlin beteiligt war, bat der Regensburger Polizeipräsident die Staatsanwaltschaft, Ermittlungen gegen Beamte aufzunehmen.

Je länger die Proteste dauerten, desto heftiger wurden sie. An Ostern 1986 demonstrierten 100.000 Menschen gegen die Anlage. Gewaltbereite Autonome mischten sich bald in den bürgerlichen Widerstand. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß wollte dem schnell ein Ende bereiten. Im bayerischen Staatshaushalt wurde der Posten für außerplanmäßige Polizeieinsätze im Jahr 1986 von 2,5 Millionen D-Mark auf mehr als 50 Millionen D-Mark aufgestockt. “Es gab aber auch eine Reihe von Polizeibeamten, die auf unserer Seite waren. Sie gründeten einen Verein und nannten ihn Kritische Polizeibeamte. Sie haben uns manchmal Hinweise gegeben, das war ganz wichtig für uns. Aber auch gegen sie wurde vorgegangen”, erzählt Schuierer.

Der Druck auf ihn wuchs. Er entschied sich, durch die Bundesrepublik zu fahren und um Unterstützung zu bitten. “Ich war zweimal in Berlin an der Technischen Universität, in Hamburg, Bremen, im ganzen Ruhrgebiet, runter bis nach Rheinland-Pfalz und habe gesagt: ‘Es hilft nichts, wenn ihr uns Sympathie bezeugt. Ihr müsst Busse organisieren und nach Wackersdorf kommen.'” Und sie bekamen Unterstützung, ganz besonders aus der Stadt Salzburg. Doch als an einem Wochenende ein Konvoi mit 32 Bussen nach Wackersdorf unterwegs war, wurde der an der österreichisch-deutschen Grenze abgewiesen. Daraufhin wurde Strauß als Gast bei den Salzburger Festspielen ausgeladen.

Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 kamen immer mehr Menschen nach Wackersdorf und schlossen sich den Demonstrationen an. Es dauerte weitere drei Jahre, bis Ende Mai 1989 die Betreibergesellschaft DWK schließlich den Baustopp für das Großprojekt anordnete und einräumte, dass man gegen den Willen der Bevölkerung eine solche Anlage nicht errichten könne. Es war ein Sieg für die Bürgerbewegung und eine Niederlage für die bayerische Staatsregierung, insbesondere für Franz Josef Strauß, der alles an die Umsetzung des Projekts gesetzt hatte, der sogar eigens die Lex Schuierer erfand, um gegen den widerspenstigen Landrat vorgehen zu können. Jahrelang hatte er Schuierer zudem mit Disziplinarverfahren überzogen. Aber der hielt stand.

Am Steinberger See winken ihm ein paar Männer am Straßenrand zu und Schuierer hält an. Heute sind die Flöze des Braunkohletagebaus geflutet, ein großes Naherholungsgebiet ist entstanden. An den Stegen dümpeln unter der Woche Segelboote, Wasserskifahrer drehen an einer Übungsanlage ihre Runden. Urlauber können auf dem angrenzenden Campingplatz übernachten. Von Weitem sieht man schon die neueste Attraktion, eine riesige begehbare Kugel aus Holz, die gerade eröffnet wurde.

Viele der Anwohner sind heute der Ansicht, dass es eine gute Wendung genommen habe: Es seien viel mehr Arbeitsplätze entstanden, als der Bau einer Wiederaufbereitungsanlage gebracht hätte. Auf dem Gelände befindet sich heute ein Entwicklungszentrum des Autobauers BMW, und auch andere große Industriefirmen wie Caterpillar oder Hochtief haben dort Niederlassungen eröffnet.

Der Widerstand, der dies allerdings erst möglich gemacht hat, sei fast 30 Jahre lang ein Tabuthema gewesen, sagt Hans Schuierer. Das ändert sich gerade. Im vergangenen Jahr lief der Film Wackersdorf in den Kinos, und Schuierer wird immer öfter eingeladen, diskutiert mit Schülern, hält Vorträge. “Wackersdorf ist ein Muster- und Lehrbeispiel, was in einem Demokratie- und Rechtsstaat nicht passieren darf”, sagt er und fährt fort: “Aber es ist auch ein Musterbeispiel dafür, was in einer Demokratie möglich ist.”