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Reportagen

Widerstand wider Willen: Der Landrat Hans Schuirer und die WAA Wackersdorf

Erschienen in in der Serie „10 nach 8“ auf Zeit Online am 19. Mai 2019 – Fotos: Michaela Maria Müller.

Vor 30 Jahren war Schluss: Bürgerproteste führten zum Baustopp einer Aufbereitungsanlage für Atommüll in Wackersdorf. Hans Schuierer organisierte damals die Aktionen.

Ein unscheinbares Schild, auf dem „Franziskusmarterl“ steht, zeigt am Straßenrand in den Wald. Hans Schuierer setzt den Blinker und biegt ab. Während seiner Amtszeit als Landrat war er Mitte der Achtzigerjahre maßgeblich daran beteiligt, die Errichtung einer Wiederaufbereitungsanlage für atomaren Sondermüll in Wackersdorf zu verhindern. Nach vier Jahren Bauzeit wurde das Projekt am 31. Mai 1989 abgebrochen. Die Proteste der Atomkraftgegner und Anwohner waren erfolgreich.

Heute ist Hans Schuierer 88 Jahre alt. Im Taxöldener Forst, wo sich damals die Szenen des Widerstands abspielten, hat er als Kind schon Blaubeeren und Pilze gesammelt. Der Wald liegt ihm am Herzen. Wir fahren tiefer und tiefer hinein, die asphaltierte Straße wird zum Wirtschaftsweg. Am Rande einer Lichtung halten wir und steigen aus. Und ja, immer noch bedecken Blaubeersträucher den Boden, sie tragen Mitte April schon kleine Früchte. Das „Marterl“, wie die Einheimischen es kurz nennen, ist ein Erinnerungsort an den Widerstand, der von ganz unterschiedlichen Menschen aus der Bevölkerung getragen wurde: vom Pfarrer über den Landwirt, von der Hausfrau zur Museumsleiterin.

Mitte der Achtzigerjahre fand hier jeden Sonntagnachmittag eine ökumenische Andacht statt, zu der sich regelmäßig Hunderte Menschen einfanden. Künstlerinnen stifteten Werke, die sich auf der Lichtung im Halbkreis aneinanderreihen: ein meterhoher Männerkörper, geschnitzt aus einem Baumstamm, ein im Waldboden eingelassenes Mosaik auf dem „WAA nein“ zu lesen ist und eine weiß getünchte Kapelle, die an den Stifter des Ortes und die Menschen erinnert, die bei den Protesten ums Leben gekommen sind. Über allem thront ein Christus am Kreuz.

Inzwischen wirkt alles ein wenig in die Jahre gekommen. Und liegt das Marterl nicht etwas versteckt? „Wir mussten zwei Jahre warten, bis uns das Straßenbauamt erlaubt hat, überhaupt ein Schild am Straßenrand aufzustellen.“ Die Erinnerung an den Widerstand scheint mancherorts immer noch nicht erwünscht zu sein.

Als Schuierer sein Amt als Landrat in den Siebzigerjahren antrat, war der Landkreis Schwandorf alles andere als wohlhabend. Die Braunkohleförderung war eingestellt worden, das Stahlwerk Maxhütte-Haidhof stand vor dem Konkurs. Größere Industriebetriebe neu anzusiedeln gelang nicht. Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung waren ohne Arbeit, nirgends in der Bundesrepublik gab es eine höhere Arbeitslosigkeit.

Auch er sei anfangs für den Bau und die Atomkraft gewesen, wie viele in der SPD damals, gibt Schuierer zu. Und das Versprechen, 3.600 neue Arbeitsplätze in der Region zu schaffen, klang wie die Lösung aller Probleme. Die Vertreter der künftigen Betreibergesellschaft DWK schilderten die Zukunft in den schillerndsten Farben und betonten, dass es sich um eine sichere und saubere Technologie handele, die bei der Wiederaufbereitung der Brennelemente zum Einsatz käme. Schuierer habe ihnen geglaubt – bis ihm die Baupläne vorgelegt wurden.

Als er sie studierte, sei der gelernte Maurer und Bautechniker stutzig geworden: Es war darin ein 200 Meter hoher Kamin eingezeichnet. Als er nachfragte, habe der Vorstandsvorsitzende eingeräumt, dass dieser nötig sei, damit die radioaktiven Schadstoffe möglichst breit verteilt würden. „In dem Moment habe ich gemerkt, dass sie nicht mit der Wahrheit gearbeitet haben. Sie hatten immer von sauberen Arbeitsplätzen gesprochen und garantiert, dass es keine Umweltverschmutzung geben würde“, erinnert er sich. Man habe versucht, ihn umzustimmen. Vergebens. 

Wir verlassen das Franziskusmarterl, fahren zurück auf die Straße, vorbei an einem lang gestreckten, ziegelroten Gebäude mit grünem Dach, das wie ein Bunker aussieht. „Das sollte das Brennelemente-Eingangslager werden“, sagt Schuierer. „Es hat einen eigenen Gleisanschluss, ist gegen Flugzeugabstürze und Erdbeben gesichert. Die Mauerdecke ist 1,5 Meter dick.“

Wieder biegen wir von der Straße ab und stehen vor einer heruntergelassenen Schranke, die uns am Weiterfahren hindert. Im Gestrüpp ist ein Berg Pflastersteine aufgetürmt. „Hier stand das Tor“, erinnert sich Schuierer. Zehntausende Demonstranten und Polizeibeamte trafen dort aufeinander. „Die Polizei hat die Leute auf brutalste Weise nieder geprügelt.“ Nach einem Einsatz, an dem ein Sonderkommando aus Berlin beteiligt war, bat der Regensburger Polizeipräsident die Staatsanwaltschaft, Ermittlungen gegen Beamte aufzunehmen.

Je länger die Proteste dauerten, desto heftiger wurden sie. An Ostern 1986 demonstrierten 100.000 Menschen gegen die Anlage. Gewaltbereite Autonome mischten sich bald in den bürgerlichen Widerstand. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß wollte dem schnell ein Ende bereiten. Im bayerischen Staatshaushalt wurde der Posten für außerplanmäßige Polizeieinsätze im Jahr 1986 von 2,5 Millionen D-Mark auf mehr als 50 Millionen D-Mark aufgestockt. „Es gab aber auch eine Reihe von Polizeibeamten, die auf unserer Seite waren. Sie gründeten einen Verein und nannten ihn Kritische Polizeibeamte. Sie haben uns manchmal Hinweise gegeben, das war ganz wichtig für uns. Aber auch gegen sie wurde vorgegangen“, erzählt Schuierer.

Der Druck auf ihn wuchs. Er entschied sich, durch die Bundesrepublik zu fahren und um Unterstützung zu bitten. „Ich war zweimal in Berlin an der Technischen Universität, in Hamburg, Bremen, im ganzen Ruhrgebiet, runter bis nach Rheinland-Pfalz und habe gesagt: ‚Es hilft nichts, wenn ihr uns Sympathie bezeugt. Ihr müsst Busse organisieren und nach Wackersdorf kommen.'“ Und sie bekamen Unterstützung, ganz besonders aus der Stadt Salzburg. Doch als an einem Wochenende ein Konvoi mit 32 Bussen nach Wackersdorf unterwegs war, wurde der an der österreichisch-deutschen Grenze abgewiesen. Daraufhin wurde Strauß als Gast bei den Salzburger Festspielen ausgeladen.

Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 kamen immer mehr Menschen nach Wackersdorf und schlossen sich den Demonstrationen an. Es dauerte weitere drei Jahre, bis Ende Mai 1989 die Betreibergesellschaft DWK schließlich den Baustopp für das Großprojekt anordnete und einräumte, dass man gegen den Willen der Bevölkerung eine solche Anlage nicht errichten könne. Es war ein Sieg für die Bürgerbewegung und eine Niederlage für die bayerische Staatsregierung, insbesondere für Franz Josef Strauß, der alles an die Umsetzung des Projekts gesetzt hatte, der sogar eigens die Lex Schuierer erfand, um gegen den widerspenstigen Landrat vorgehen zu können. Jahrelang hatte er Schuierer zudem mit Disziplinarverfahren überzogen. Aber der hielt stand.

Am Steinberger See winken ihm ein paar Männer am Straßenrand zu und Schuierer hält an. Heute sind die Flöze des Braunkohletagebaus geflutet, ein großes Naherholungsgebiet ist entstanden. An den Stegen dümpeln unter der Woche Segelboote, Wasserskifahrer drehen an einer Übungsanlage ihre Runden. Urlauber können auf dem angrenzenden Campingplatz übernachten. Von Weitem sieht man schon die neueste Attraktion, eine riesige begehbare Kugel aus Holz, die gerade eröffnet wurde.

Viele der Anwohner sind heute der Ansicht, dass es eine gute Wendung genommen habe: Es seien viel mehr Arbeitsplätze entstanden, als der Bau einer Wiederaufbereitungsanlage gebracht hätte. Auf dem Gelände befindet sich heute ein Entwicklungszentrum des Autobauers BMW, und auch andere große Industriefirmen wie Caterpillar oder Hochtief haben dort Niederlassungen eröffnet.

Der Widerstand, der dies allerdings erst möglich gemacht hat, sei fast 30 Jahre lang ein Tabuthema gewesen, sagt Hans Schuierer. Das ändert sich gerade. Im vergangenen Jahr lief der Film Wackersdorf in den Kinos, und Schuierer wird immer öfter eingeladen, diskutiert mit Schülern, hält Vorträge. „Wackersdorf ist ein Muster- und Lehrbeispiel, was in einem Demokratie- und Rechtsstaat nicht passieren darf“, sagt er und fährt fort: „Aber es ist auch ein Musterbeispiel dafür, was in einer Demokratie möglich ist.“

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Interviews

Interview mit Jila Mossaed über Identität und Sprache

Jila Mossaed ist die erste Exilautorin überhaupt, die in die schwedische Nobel-Akademie aufgenommen wurde. Mit der Dichterin Jila Mossaed, 1948 in Teheran geboren, wird zum ersten Mal eine Exilautorin in die Akademie aufgenommen. Ein Gespräch über Herkunft, Zweisprachigkeit und Neuanfänge.

taz am wochenende: Frau Mossaed, am 20. Dezember werden Sie bei einem Festakt als Mitglied der Schwedischen Akademie aufgenommen. War es eine große Überraschung, als Sie erfuhren, dass Sie als neues Mitglied vorgeschlagen wurden?

Jila Mossaed: Ja, das war es. Ich hatte mir tatsächlich nie ausgemalt, dass ich eines Tages auf einem dieser Stühle sitzen werde. Ich kam mit 38 Jahren nach Schweden und begann erst dann, in dieser Sprache zu schrei­ben. Es ist ein unglaublicher Triumph. Ich bat mir trotzdem eine Woche Bedenkzeit aus, weil ich wusste, dass sich dadurch mein Leben sehr ändern würde. Ich lebe in Göteborg und muss von nun an einmal die Woche nach Stockholm zu den Sitzungen. Es sind viele Aufgaben damit verbunden, unter anderem viel Lesearbeit. Aber ich stimmte zu. Weil ich eine Exilautorin bin, weil ich eine Frau bin, weil ich aus dem Nahen Osten komme.

Es werden noch zwei weitere Mitglieder neu aufgenommen: Eric Runesson, ein Richter am Obersten Gerichtshof, und Mats Malm, ein Autor und Übersetzer. Was werden Ihre Aufgaben sein?

Wir hatten erst ein Treffen, bei dem uns das Haus gezeigt wurde. Mit der Arbeit beginnen wir noch. In einem oder zwei Monaten werde ich mehr wissen. Es gibt auch eine Reihe von Arbeitsgruppen, die weitere Literaturpreise vergeben.


Im November wurde bekannt gegeben, dass ein externes Komitee aus Literaturwissenschaftler*innen und Autor*innen 2019 und 2020 über den Nobelpreis entscheiden wird. Kennen Sie die Hintergründe dieser Entscheidung?

Ich wurde bei meinem ersten Besuch ebenfalls gefragt, ob ich Teil des Komitees sein möchte, aber ich will die Akademie erst kennenlernen. Nach den Vorkommnissen übten die Medien und die Gesellschaft einen großen Druck auf die Akademie aus, sich zu verändern. Es hat somit eine gute Seite, denn wir brauchen neue Stimmen. Großartige junge Autor*innen und Kritiker*innen kommen nun neu hinzu.

In den vergangenen Jahren sind Sie mit den wichtigsten Literaturpreisen Schwedens ausgezeichnet worden. Ihr Werk umfasst inzwischen über zwanzig Bücher und Theaterstücke. Es wurde in viele Sprachen übersetzt. Bis Mitte vierzig schrieben Sie auf Persisch, seit Anfang der 1990er Jahre auch auf Schwedisch. Können Sie den Prozess beschreiben, wie es war, die Sprache zu wechseln?

Es war ein langer Weg. Ich habe zur Sprache meiner Kindheit eine andere Verbindung, das ist normal. Wenn ich auf Schwedisch schreibe, ist es, als ob ich in einen Pool ein­tauche; wenn ich auf Persisch schreibe, ist es, als ob ich in einem Ozean schwimme. Aber es war am Anfang nicht nur die Sprache …

Was noch?

In den ersten Jahren sah ich jeden Morgen einen Riesen an meinem Bett, der sich vor mir aufbaute. Dieser Riese war die schwedische ­Sprache, die Kultur, das Klima, die Natur. Alles, was anders war. Ich habe begonnen, mit ihm zu sprechen.

Warum haben Sie sich entschieden, sechs Jahre nach Ihrer Ankunft die Sprache zu wechseln?

Ich hatte immer das Gefühl, meine Situation für die zukünftigen Generationen bezeugen zu müssen. Ich war Ende dreißig, als ich mit meinen beiden Kindern nach Schweden kam. Und ich bin nicht freiwillig gekommen. Ich hatte kein Geld, keine Arbeit, keine Zukunft und keine Sprache. So bin ich eine Stimme für Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, um die Welt wandern und versuchen, ein Dach über dem Kopf zu finden. Ich schreibe auf Schwedisch, um gehört zu werden. Wir müssen Teil des Gedächtnisses werden. Und ich glaube, das ist mir ein Stück weit gelungen.

Wie ist es, in zwei Sprachen zu arbeiten?

Es macht meine Sprache reicher. Ich wusste alles über die Geschichte und die Mythologie Irans. Dann habe ich angefangen, mich mit schwedischer Geschichte, Literatur und Mythologie zu beschäftigen. Heute kann ich beides kombinieren. Ich verbinde die opulente, verspielte Sprache meiner alten Heimat mit der klaren, nüchternen Sprache meiner neuen Heimat.

Die Literaturkritikerin Hanna Nordenhök vergleicht Sie mit der Dichterin Nelly Sachs. Sie sagt: „Es ist interessant, wie die Exilpoetiken beider Autorinnen so exakt zwischen grenzenloser Verwundbarkeit und unbeugsamer Unbändigkeit anderseits balancieren.“ In den ersten Jahren haben Sie viel Zeit in der Natur verbracht und schreiben auch in Ihren Gedichten darüber.

Ich bin ein Kind des Asphalts, ich bin in Teheran geboren. Bis ich nach Schweden kam, hatte ich noch nie Wald vor meinem Fenster gesehen. Ich begann, mit den Bäumen zu sprechen. Ich erzählte ihnen, wie es war, das Salz der iranischen Wüste zurückzulassen. Ich hatte bald den Eindruck, die Natur wäre offener und freundlicher. Sie umarmte mich, anders als der Rest meiner neuen Welt. Es war gut, in die Natur zu gehen. Ich habe viel von ihr gelernt. Ich sammelte keine Pilze, ich suchte nach Antworten im Leben.

Welche literarischen Vorbilder haben Sie in Schweden gefunden?

Eine Menge, etwa Edith Södergran, Harry Martinson oder Pär Lagerkvist. Nehmen wir Lagerkvist. Ich habe eine dunkle, melancholische Seite wie er. Und ich lache gern. Lagerkvist bringt mich zum Lachen.

Welchen Rat würden Sie jungen Autor*innen mit zwei oder mehr Sprachen und Identitäten geben?

Als ich nach Schweden kam, dachte ich viel über mich nach. Zuallererst definierte ich mich als Dichterin. Die Literatur gehört der Welt und ist Teil der Welt. Wenn ich Gedichte schreibe, spielt meine Herkunft keine Rolle, etwa, dass ich aus dem Nahen Osten und aus dem Iran komme, Frau oder Muslima bin. Ich bin ein Mensch, und die ganze Welt ist mir wichtig. Als Mensch schreibe ich über das, was mich glücklich oder traurig macht. Ich nenne mich gern Dichterin im Exil. Es trifft es, denn das bin ich immer gewesen. Im Iran genauso wie in Schweden.

Am Göteborger Theater wird gerade das Stück „Upprorets poet“ von Ihnen gespielt.

Ja, über die Dichterin Forugh Farrokhzad. Ich halte sie für die bedeutendste zeitgenössische Dichterin Irans. Sie starb 1967 mit nur 32 Jahren bei einem Autounfall. Sie war eine starke und talentierte Frau. Die gesamte, männlich dominierte Literaturszene Teherans hatte sich gegen sie gestellt, doch sie hat sich nicht beirren lassen. Das Stück hatte im November Premiere und wird in sechs anderen Theatern als Gastspiel aufgeführt.

Wissen Sie bereits, wie die Aufnahmezeremonie am 20. Dezember ablaufen wird?

Jeder von uns hat eine zehnminütige Rede vorbereitet, um sich vorzustellen.

Die Sitze sind von 1 bis 18 nummeriert. Sie übernehmen die Nummer 15.

Ja, und das bedeutet mir viel. Es ist der Sitz, den die Autorin Kerstin Ekman vorher innehatte. Als Chomeini 1989 die Fatwa gegen Salman Rushdie aussprach, forderte sie von der Akademie, sich für ihn einzusetzen. Das passierte nicht, und Ekman legte, obwohl es damals noch gar nicht möglich war, ihr Amt nieder. Ich werde sagen, wie stolz ich bin, Kerstin Ekmans Sitz zu übernehmen.

Erschienen in der taz am Wochenende, 15./16. Dezember 2018

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Porträts Reportagen

Sheyma und Ilyas

Eine Frau will schwanger werden. Drei Mal lässt sie sich künstlich befruchten, drei Mal klappt es nicht. Beim vierten Versuch wird sie schwanger. Aber der Embryo hat einen so schweren Defekt, dass das Kind nach der Geburt sterben wird. Die Frau entscheidet sich für ihr Kind. Für ein kurzes Leben vor dem Tod.

Ein kurzer einfacher Satz. Ein schrecklicher Satz, der alles verändert. „Mit dem Kopf ist etwas nicht in Ordnung“, erklärt die Frauenärztin beim ersten Ultraschall in der 12. Woche. „Wir brauchen eine zweite Meinung.“ Am nächsten Tag hat die schwangere Sheyma Nasser* einen Termin für eine feindiagnostische Untersuchung. Es ist der 12. August 2011.

„Den Tag werde ich nie vergessen“, erzählt sie. Wenn Sheyma spricht, in perfektem Deutsch, wählt sie ihre Worte entschieden, aber mit Bedacht. Manchmal ganz so, als ob sie nicht für sich selbst, sondern über eine fremde Person spräche. Sheyma ist Muslima, trägt ihr Haar unter dem Kopftuch, streng bis zur Stirn.

Die Untersuchung findet in einer Praxis für Pränataldiagnostik am Berliner Kurfürstendamm statt. Da kann Sheyma ihr Kind sehen, im Babyfernsehen, wie das unter werdenden Eltern so heißt. Bis gerade war es eine Routineuntersuchung, jetzt kann sie erkennen, was nicht in Ordnung ist: Ihrem Kind fehlen Schädeldecke und Teile des Großhirns. Es leidet an Anenzephalie, einer Fehlbildung von Kopf und Gehirn, die schon vor dem 26. Schwangerschaftstag entsteht.

Bei Säuglingen mit dieser Diagnose ist die Schädeldecke nicht geschlossen oder fehlt ganz, das Stammhirn und die Hirnanhangsdrüse sind unterentwickelt. Der Schädel endet unmittelbar über den Augenbrauen, die Stirn fehlt. Darum treten die Augen stark hervor, weshalb die Säuglinge auch „Froschkinder“ genannt werden. Meist geht die Anenzephalie auf einen Mangel an dem Vitamin Folsäure zurück; mitunter scheint sie aber auch spontan zu entstehen, man könnte sagen aus einer Laune der Natur heraus. Manche Kinder sterben bereits im Mutterleib, andere sind nach der Geburt einige Stunden lebensfähig, mit intensivmedizinischer Betreuung vielleicht länger. Schätzungen zufolge wird eines von tausend Kindern mit Anenzephalie geboren.

Nach der Diagnose informiert Sheyma ihre beste Freundin Tania und einen Teil der Familie. Die große Frage lautet: Soll sie das todgeweihte Kind auf die Welt bringen? Eine Woche dauert es, bis sie ihre Entscheidung getroffen hat.

Sie und ihr Mann wollten immer eine Familie gründen. Als es auf natürlichem Weg nicht klappte, entschieden sie sich, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen. Ein erster Versuch. Ein zweiter. Und dann noch ein dritter.

Nach jeder fehlgeschlagenen Befruchtung war die Enttäuschung groß. Doch die Einsamkeit danach machte Sheyma am meisten zu schaffen: „Man wartet vollgepumpt mit Hormonen vor dem Telefon, ob die künstliche Befruchtung erfolgreich war. Nach der negativen Nachricht ist man dann allein mit sich und seinem Körper, der eigentlich auf eine Schwangerschaft vorbereitet ist.“ Zwischen den Versuchen hatte sie sich jedes Mal viel Zeit gelassen. „Die habe ich einfach gebraucht, um die Erfahrungen zu verarbeiten“, sagt sie.

Aufgewachsen ist Sheyma in der Katzbachstraße in Kreuzberg, ihre Eltern kamen als Gastarbeiter aus Marokko nach Berlin. Nach der Schule hat sie Gelegenheitsjobs angenommen, mit Anfang 20 geheiratet, einen „Landsmann“ wie sie es ausdrückt, und eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht.

Beim vierten Versuch einer künstlichen Befruchtung, die sie und ihr Mann nun ohne die Unterstützung der Krankenkasse finanzieren müssen, gehen sie eine Ratenzahlungsvereinbarung mit dem Kinderwunschzentrum ein. Und dieses Mal wird sie schwanger.

Als sie am 12. August 2011 das Ausmaß der Fehlbildung erfährt, muss sie sich entscheiden. Eines hatte bereits vorher für sie festgestanden: Auch wenn das Kind behindert sein sollte, will sie es unbedingt zur Welt bringen. Nun ist das behinderte Kind todgeweiht. So wie sie darüber redet, macht sie diese schwere Frage weitgehend ohne ihren Mann mit sich allein aus. Sie nennt das eine Entscheidung zwischen sich und ihrem Kind. Schließlich entschließt sie sich, ihm ein kurzes Leben zu schenken. „Nach all den vergeblichen Versuchen, nach all dem Warten wollte ich einmal wissen, wie es ist, ein Kind zu bekommen. Auch wenn klar war, dass es bald wieder gehen wird“, erklärt Sheyma. Sie will die Zeit mit ihrem Kind haben. Und wenn sie noch so kurz ist.

Es ist ein Junge. Trotz der Diagnose versucht Sheyma, die Schwangerschaft auszukosten. Angst begleitet sie, viele Kinder mit Anenzephalie sterben bereits im Mutterleib. „Wenn ich länger keine Bewegung gespürt habe, habe ich so lange auf meinen Bauch geklopft, bis ich ein Zeichen von ihm bekam“, erzählt sie. Ihrem Mann fällt es schwer, mit der Situation umzugehen. Wenn sie abends auf der Couch ihren Bauch eincremt und mit ihrem Kind spricht, sagt er: „Lass doch endlich deinen Bauch in Ruhe.“ Je näher der Geburtstermin rückt, desto fremder werden sie einander.

Sheyma kommt in die Betreuung von Babett Ramsauer, der leitenden Oberärztin am Neuköllner Mutter-Kind-Zentrum. Gemeinsam planen sie den Ablauf der Geburt. Eine natürliche Entbindung kommt nicht infrage. Zu groß ist die Angst, dass auf dem Weg durch den Geburtskanal der Kopf verletzt werden könnte. Deshalb soll das Kind per Kaiserschnitt geholt werden. Auch wichtige Kleinigkeiten werden berücksichtigt: Damit Sheyma ihren Sohn nach der Geburt die ganze Zeit ohne Schmerzen anfassen kann, wird der intravenöse Zugang nicht am Handrücken, sondern etwas seitlich versetzt gelegt.
Dann, am 25. Januar 2012 um 10.16 Uhr, ist es so weit. Ilyas kommt zur Welt. Wie bei jedem Neugeborenen werden Datum und Uhrzeit der Geburt erfasst. Doch die Uhrzeit ist in diesem Fall wichtiger als bei anderen Geburten: Von 10.16 Uhr an bleiben Ilyas und Sheyma nur wenige Stunden. Kurz nach 21 Uhr wird er sterben.

Nach dem Kaiserschnitt hüllt eine Krankenschwester Ilyas in unzählige weiße Tücher und Decken, sodass der kleine Körper fast ganz darin verschwindet. Über den versehrten Kopf stülpt sie vorsichtig eine schlauchförmige Mullbinde. „Irgendwann ging die Krankenschwester nicht mehr aus dem Zimmer, um zu weinen, sondern weinte einfach mit“, sagt Sheyma.

Ilyas ist 42 Zentimeter groß und wiegt 1880 Gramm. Als er das Fieberthermometer eingeführt bekommt, murrt er. Die Krankenschwester versucht, ihn zu füttern, doch er kann nicht schlucken. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich gegessen hatte und er nicht“, erinnert sich Sheyma. Es ist etwa 13 Uhr. Ilyas fällt das Atmen schwer, sein Körper nimmt eine blaue Färbung an. Er bekommt eine Spritze, dann atmet er leichter.

Sheymas Freundin Tania begleitet sie die ganze Zeit über, macht Filmaufnahmen von dem Moment der Geburt bis zu Ilyas’ Tod. „Es war eine große Erfahrung für mich“, sagt sie, „auch zu erkennen, was mir selbst geschenkt wurde: zwei gesunde Kinder.“ Tania bewundert Sheyma, dass sie Ilyas die Chance gegeben hat, seine Mutter kennenzulernen. „Wenn auch nur für kurze Zeit“, fügt sie hinzu.

Genau genommen besteht Tanias Filmaufzeichnung nur aus einer Einstellung: Ilyas liegt in Sheymas Arm, sie sieht ihn an, weint dabei und streichelt ihn. Ihr Gesicht ist von Tränen und Medikamenten verquollen. Stille liegt im Raum. Gleichzeitig drängt die Zeit. Sie nehmen Ilyas einen Fußabdruck aus Gips ab, zur Erinnerung. Gegen 16 Uhr bittet Sheyma darum, ihm die Tücher und Kleider auszuziehen, damit sie ihn ganz nah bei sich haben könne. „Ich habe den Kopf gesehen und nicht gesehen. Er war für mich das schönste Kind auf der Welt.“

Draußen ist es mittlerweile dunkel. Etwa um 19.30 Uhr fällt Ilyas das Atmen wieder schwerer. „Seine Augen sind so glasig“, flüstert Sheyma. Er bekommt eine zweite Spritze. Gegen 21 Uhr stirbt er in den Armen seiner Mutter. „Er hat noch einmal gezittert, bevor er weg war“, sagt sie im Video, sie hält Ilyas von sich weg, als ob sie seinen Tod so besser begreifen könnte. Im Hintergrund ist ein Tablett mit Tee und Toast zu sehen. Im Zimmer stehen zwei Betten. Tania wird in einem davon übernachten.
Sheymas Abschied von Ilyas dauert dann sehr lange. Alle zwei bis drei Stunden klingelt sie nach den Krankenschwestern und Pflegern und lässt ihn sich aus dem Kreißsaal, wo er gekühlt wird, bringen. Fünf Tage lang.

Die Trauer um ein Neugeborenes unterscheidet sich sehr von der Trauer um einen erwachsenen Menschen. Besonders der körperliche Abschied fällt den Müttern, die ein Kind verloren haben, oft schwer. Manche Krankenhäuser und Bestatter bieten an, dass die Eltern ihr Kind für einige Tage mit nach Hause nehmen können. Die Fehlbildungen werden während des Trauerprozesses nicht wahrgenommen oder stehen jedenfalls nicht im Mittelpunkt. „Eltern verweilen bei dem, was an ihrem Kind schön und einzigartig ist, und bewahren das in ihrem Herzen“, schreibt die Therapeutin Hannah Lothrop in ihrem Buch „Gute Hoffnung, jähes Ende“.

Am Tag der Entlassung sieht man in dem Videofilm, wie Sheyma aus dem Bad kommt. Vor Schmerzen bewegt sie sich langsam und vorsichtig, legt sich auf das Bett und scherzt mit der filmenden Tania: „Willst Du meine Narbe sehen?“ Sie schiebt ihr Nachthemd hoch. Da beginnen beide zu lachen. „Hör auf! Das tut doch so weh“, ruft Sheyma und lacht weiter.

Zu Hause erwartet sie das Wochenbett – ohne Kind. Sheyma steht eine Hebamme zur Seite, die Erfahrung mit Trauerbegleitung hat und die weiß, wie schwer es ist, die enttäuschten Erwartungen auf ein gesundes Baby zu verarbeiten. Wie im Wochenbett mit einem gesunden Baby hat die Frau Anspruch auf die Betreuung bis zu acht Wochen nach der Geburt. Wie nach jeder glücklich verlaufenden Geburt muss sich der Körper wieder regenerieren. Rückbildungsgymnastik wird empfohlen, hinzu kommt das Einsetzen des Milchflusses. Milch, für die es gar kein Baby gibt.

Auch bei Beratungsstellen findet Sheyma vor und nach der Geburt Rückhalt, etwa bei Donum Vitae. Die Psychologin Anne Achtenhagen und die Allgemeinmedizinerin Jette Brüning bieten Hilfe für Betroffene an. Das Büro liegt im selben Haus am Kurfürstendamm wie die Praxis, in der Sheyma erfuhr, dass der schreckliche Verdacht auf eine schwere Fehlbildung richtig war. Achtenhagen sitzt im Garten unter einem Lindenbaum und erzählt von ihrer Arbeit. Von Frauen und Paaren, die gerade erfahren haben, dass ihr Kind nicht gesund zur Welt kommen wird. Sie sagt, was genau so auch die Ärztin Ramsauer sagt: „Was für manche Eltern das größte Unglück sein mag, kann anderen das größte Glück sein.“ Achtenhagen und ihre Kollegen helfen, den richtigen Weg für die werdende Mutter und den Partner zu finden. Doch mit dem zunehmenden Einsatz und den Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik sehen sich Eltern immer häufiger mit schweren Entscheidungen konfrontiert, denn die Möglichkeit zum Spätabbruch der Schwangerschaft bleibt immer bestehen. Etwa 3000 Frauen in Deutschland treiben jedes Jahr aus medizinischen Gründen ab. Meist sind ihre Kinder weniger krank, als es Ilyas war. Achtenhagen stellt Kontakte zu anderen betroffenen Eltern her. Und sie bietet sich als Gesprächspartnerin an. Diese psychosoziale Beratung könne eine Therapie aber nicht ersetzen, fügt sie hinzu.

Sheyma hat ihren Entschluss nie bereut. Die Zeit ihrer Schwangerschaft und die wenigen Stunden mit Ilyas sind für sie unvergesslich. Nach einem halben Jahr hat sie wieder begonnen, in ihrem Beruf als Erzieherin zu arbeiten. Das war zu früh, weiß sie heute. „Ich war dazu eigentlich noch nicht in der Lage. Die Arbeit mit Kindern ging mir noch zu nahe.“ Heute erfüllt sie ihre Arbeit in einer Kita im Wedding wieder. Und sie hat eine Entscheidung getroffen: Sie wird nicht noch einmal eine künstliche Befruchtung vornehmen lassen.

Ein paar Wochen nach Ilyas’ Tod sind Sheyma und ihr Mann nach Marokko geflogen, um ihn beizusetzen. Sein Grab liegt auf einem Berg mit Blick auf das Meer. Den Babystrampler, den Ilyas fast elf Stunden lang getragen hat, hat Sheyma in einer luftdichten Tüte aus Plastik verschlossen. Damit sie den Geruch ihres Sohnes nie vergisst.

*Die Namen von Sheyma Nasser und Tania wurden verändert.

Erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 10./11. August 2013

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Allgemein Reportagen

70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau

Millionen von Menschen aus aller Welt haben in den vergangenen 70 Jahren das ehemalige Konzentrationslager Dachau besucht. Die Bewohner der Kleinstadt hingegen mieden lange Zeit die Gedenkstätte vor der Haustür. Eine Dachauerin zieht Schlüsse.

Am 29. April 1945 befreiten Soldaten der US-Armee das Hauptlager des Konzentrationslagers Dachau. Zwei Wochen zuvor hatte Heinrich Himmler die „Totalevakuierung“ angeordnet. Auch in Dachau hatten die SS-Wachmannschaften begonnen, das Lager zu räumen und die Häftlinge auf Todesmärsche zu schicken. Wer in der Bevölkerung bis dahin noch nicht gewusst hatte, was im Osten der Stadt vor sich ging, sah es jetzt: Aus den Toren des Lagers kamen ausgemergelte Gestalten, die gezwungen wurden, zu marschieren. Viele von ihnen in den Tod, unfassbar sinnlos, wenige Tage vor Kriegsende.

Dachau ist meine Heimatstadt. An dem Bauernhof meiner Familie führte ihr Weg nicht vorbei. Aber meine Großmutter sah sie. „Arme Deife“, sagte sie über die halbtoten Häftlinge. Arme Teufel. Sie gab ihnen Milch. Auch ihr Mann, mein Großvater, war damals ein armer Teufel, an einem anderen Ort. Er kam vier Jahre später zurück, von der Arbeit in einem Kohlebergwerk in Polen, einem Kriegsgefangenenlager, wo er als ehemaliger Soldat der Wehrmacht inhaftiert war. Auch er ging zu Fuß, angewiesen auf die Menschen auf seinem Weg, um zu überleben. Als er endlich zu Hause ankam und in die Stube trat, erkannte ihn seine Frau nicht mehr.

Vor 70 Jahren hat der Krieg millionenfach Menschen entwurzelt und vertrieben. Flüchtlingsströme zogen über den Kontinent. Sie waren auf der Suche nach ihrer alten oder einer neuen Heimat. Europa war in Bewegung. Man kann und muss es sogar vergleichen: Mein Großvater teilte auf seinem Rückweg das gleiche Schicksal der Menschen aus Syrien und Afrika, die heute vor dem Wahnsinn der Kriege in ihrer Heimat auf der Flucht sind. Dass er Soldat war, hatte er sich nicht ausgesucht. Zum Desertieren, um das ihn meine Großmutter bat, hatte er keinen Mut gehabt.

Erst vor einiger Zeit habe ich begriffen, dass mein Vater fünf Jahre alt war, als er seinen Vater das erste Mal sah. Aber so ist das mit der Erinnerung. Je traumatischer das Erlebte, umso schwerer für die Betroffenen, darüber Auskunft zu geben: Teil einer Über- und Weiterlebensstrategie.

Ich verbrachte die Kindheit mit meinem Großvater auf dem Bauernhof. Umgangsformen waren ihm wichtig. Sie gaben ihm seinen Stolz zurück. Ich besuchte die örtliche Realschule. Meine Lehrer mochte ich. Besonders den Geschichtslehrer. Wir waren selten einer Meinung, respektierten uns aber. Manchmal diskutierten wir eine ganze Schulstunde: über Gleichberechtigung oder die CSU. Doch als wir in der 10. Klasse kurz vor den Abschlussprüfungen die Klarsichtfolien zum Nationalsozialismus abschrieben, machte er keinen Unterschied. Es machte keinen Unterschied. Wie in jeder Stunde warf der Overheadprojektor die Folien an die Wand: Weimarer Republik, Machtergreifung, Aufstieg und Fall des Regimes Adolf Hitlers, aufgeschrieben mit immer gleichen Stiftfarben: rot, grün, schwarz, nur manchmal blau. Wir übertrugen sie sorgfältig in unsere Hefte, bis der Unterricht endete.

Das ehemalige Konzentrationslager war indessen nur fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Wir haben es nie besucht. Keiner unserer Lehrer und Lehrerinnen hat es je als Bildungsauftrag angesehen, mit uns in die Gedenkstätte zu gehen. Vielleicht lag es zu nah für den ganztägigen Schulausflug, den der Lehrplan vorsah.

Dabei sahen wir täglich die Besucher am Bahnhof stehen, die sich in den Bus drängten. Eine Million Menschen pro Jahr. Sie kamen aus der ganzen Welt und wollten wissen, wie der Ort aussah, an dem das Unheil seinen Lauf genommen hatte. Aber in der Stadt wollte man nicht auf diesen Teil der Vergangenheit reduziert werden. „Was konnten die Stadt und ihre Menschen dafür, dass das erste Konzentrationslager der Nationalsozialisten hier errichtet wurde?“, fragten sie. Auf Linie war, wer schwieg. Das war 1990. So ist die Erinnerung auch, wenn sie einem nahe rückt: eigenwillig und egoistisch.

Meine Heimatstadt verhielt sich wie die Verwandten in Harald Welzers Buch „Opa ist kein Nazi“. Sie sitzen mit dem Großvater in einer Runde. Er berichtet von dem, was er im Krieg verbrochen hat. Als man die Familienmitglieder danach befragt, was am Tisch Gespräch war, vermag sich niemand mehr an die Schilderung seiner Verbrechen erinnern. In ihrer Erinnerung hat er es nie erzählt.

Vor einiger Zeit bat ich einen Flüchtling aus Somalia, sein Leben in einem Brief zu schildern. Er schrieb zwei Seiten, mehr ging nicht, sagte er: über seine Zeit als Kindersoldat, wie seine Kameraden nach einer Autopanne in der Sahara verdurstet und bei der Überfahrt im Mittelmeer ertrunken sind. Es sind nur zwei Seiten, aber vielleicht weiß ich über seine Flucht jetzt mehr als über die Kriegsjahre meines Großvaters.

Was kann Erinnerung, was kann sie nicht? Erinnerung tut weh. Erinnerung braucht Zeit. Wie man sich erinnert, muss jedem selbst überlassen bleiben, denn verordnen kann man sie nicht. Aber es muss immer Raum für sie geben. Erinnerung kann Dinge verhindern. Sie trennt Menschen und kann Menschen auch zusammenführen, über Grenzen, Religionen und Sprachen hinweg.

Sich erinnern ist schwer. In Dachau hat es Generationen gedauert, bis die Menschen dazu in der Lage waren. Ich war neunzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Gedenkstätte besuchte. Allein. Das musste der richtige Moment für mich und meine Erinnerung gewesen sein.

Heute, 2015, regiert in Dachau nicht mehr das Schweigen. Jetzt reden die Menschen über das Lager. Im November 2014 wurde das eiserne Tor gestohlen, in das der Satz „Arbeit macht frei“ geschmiedet war. Ein Kunstschlosser aus dem Landkreis hat eine Kopie angefertigt. Aber wichtiger war: Die Dachauer tauschten sich darüber aus, was zu tun sei, wogen das Für und Wider ab: Ein neues Tor? Den Eingang einfach leer lassen? Mit der Arbeit eines Künstlers auf den Diebstahl hinweisen? Das Gespräch ist, was zählt.

Neben dem Bauernhof meiner Familie steht die alte Dorfschule. Dort sind seit einiger Zeit Flüchtlinge aus Syrien untergebracht. Wahrscheinlich waren sie in der Hölle des Bürgerkriegs nur Opfer, nicht Täter. Eine dreiköpfige Familie aus Damaskus hat es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Nachmittag gegen halb fünf einen Spaziergang zu machen. Auf der Straße einmal zum Wald und zurück. Als ich an Ostern zu Besuch war, kamen sie zu uns in den Stall, die Tiere ansehen. Mit der Verständigung ist es noch schwer. Das Mädchen begann, die kleinen Kälber zu streicheln und vergaß einen Moment die Welt um sich herum, wie Kinder es eben tun.

http://blogs.faz.net/10vor8/2015/04/27/dachau-ist-ueberall-4420/

Erschienen im FAZ-Blog „10 vor 8“ am 27. April 2015

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Porträts

Die Jahrhundertfrau

Erschienen im SZ Magazin, Heft 10 vom 7. März 2014

Hildegard Danne überlebte zwei Weltkriege, drei politische Systeme und zwei Ehemänner

Forsch schaut Hildegard Danne in die Linse der Kamera. Die Haare sind zum Bubikopf geschnitten. Sie trägt ein Kleid mit gestärktem Rüschenkragen und dazu glänzend gewichste Schnürschuhe. Mit der linken Hand umfasst sie die Lehne eines Stuhls, in der rechten hält sie einen Teddybär. Das Bild ist scharf, nur der Teddybär verwackelt. Sie zeigt ihn so entschieden vor, als wollte sie sagen: Es geht nicht anders, er muss mit aufs Bild. Auf der Rückseite schreibt ihre Mutter: »Lieber Onkel, habe Hildchen heimlich fotografieren lassen. Bekommen Ernst und Klärchen zu Weihnachten.« Dies ist das erste, erhalten gebliebene Foto Hildegard Dannes, geborene Schultze, aufgenommen im Kriegswinter 1916. Damals ist sie zwei Jahre alt, ihr Leben hat gerade erst begonnen. Fast ein ganzes Jahrhundert wird es dauern. Im Herbst wäre sie hundert Jahre alt geworden.

Es ist ein Leben wie viele es geführt haben, in Deutschland, im vergangenen Jahrhundert, als Frau. Geboren wird Hilde am 6. November 1914 in Berlin, ein Freitag. Der Kriegseintritt des Deutschen Kaiserreichs liegt 98 Tage zurück. Viele Soldaten kommen nicht wieder, die Lebensmittel werden in der Stadt schon im ersten Kriegswinter knapp. Die Zeiten sind nicht gut, um ein Kind auf die Welt zu bringen. Vielleicht war ihre Mutter von einem verheirateten Mann schwanger geworden. Vielleicht war sie Dienstmädchen in einem Bürgerhaushalt gewesen – und Hilde das illegitime Kind des Hausherrn? Klar ist nur: Ihre Mutter ist auf sich allein gestellt und muss wieder arbeiten gehen. So kommt Hilde in die Obhut ihrer Großmutter.

Hilde wächst bei ihr in der Karl-Kunger-Straße 64 auf. Die Wohnung in Berlin-Alt-Treptow wird sie später übernehmen und ihr ganzes Leben dort verbringen. Hier erlebt Hildegard Danne zwei Weltkriege, den Verlust eines geliebten Mannes, den Mauerbau, die Großherzigkeit einer Klassenfeindin, das Glück einer zweiten Liebe, fünf Währungswechsel, die kleinen Sorgen und Nöte ihres Stiefsohns, die Wiedervereinigung Deutschlands; von ihrem Balkon aus kann sie auf die Berliner Mauer schauen. Wie sie gebaut und wie sie abgerissen wurde.

Im Sommer 2004, zwei Jahre vor ihrem Tod, bekam sie eine neue Nachbarin, mich. Meine Freundin und ich gründeten nebenan eine Wohngemeinschaft. An ihrem Klingeschild stand »Hildegard Danne«, doch im Laufe ihres Lebens trug sie drei Nachnamen: ihren Mädchen-namen Schultze und die ihrer Männer – Zimmer und Danne. Manchmal trafen wir uns auf der Treppe, und wenn wir beide Zeit hatten, setzten wir unser Gespräch in ihrer Wohnung fort. Das Zimmer, in dem ich wohnte, hatte irgendwann einmal zu ihrer Wohnung gehört. Bei jedem Besuch wies mich Frau Danne auf die ursprünglichen Besitzverhältnisse hin. Wenn sie anhub zu erzählen, trommelte sie mit den Fingerspitzen an die Wand. Sie sagte dann immer: »Früher hatte das Zimmer Fräulein Weber angemietet, und jetzt sind Sie da.« Jeder konnte am Leben des anderen teilnehmen. Ihre Woche hatte ein paar Höhepunkte: Am Freitag rief ihre Freundin Alice an. Sie sprachen über ihre beiden Katzen und den Verlauf der Woche – und siezten sich. Die Wand war dünn, ich musste ihren Gesprächen folgen. Am Samstagabend schaute sie Volksmusiksendungen im Fernsehen. Wegen ihrer Schwerhörigkeit mit aufgedrehtem Ton. Und jeden Nachmittag gegen 15 Uhr konnte man sie auf der Treppe treffen, dann ging sie einkaufen oder zum Seniorentreff.

Ich folgte ihren Einladungen zum Kaffeetrinken. Für die Dauer des Gesprächs versanken wir in ihrer durchgesessenen Couch, über die sie eine Wolldecke ausgebreitet hatte und auf der immer ein bisschen Platz bleiben musste für ihren schwarzen Perserkater Benji. Mich faszinierte die Vorstellung, dass sich die politischen Verhältnisse ändern mochten, man von geliebten Menschen Abschied nehmen musste, aber der Ort, an dem man lebte, immer derselbe blieb. Eine einfache Zwei-Zimmer-Wohnung in Ostberlin; Küche, Stube – so nannte sie das kleine Wohnzimmer immer – Bad, Schlafzimmer und Balkon, vielleicht 55 Quadratmeter groß. Ihr Stolz war eine riesengroße Zimmerpflanze: eine Grünlilie auf einem Extrapodest vor dem Fenster. Als die Superillu einmal einen Wettbewerb um die schönste Zimmerpflanze Berlins ausgerufen hatte, gewann sie. Ein Redakteur und ein Fotograf kamen vorbei, es erschien ein Beitrag, darauf war sie stolz. »Wollen Sie nicht einen Ableger mitnehmen?«, forderte sie mich jedes Mal auf. Immer wieder.

Sie war ein beharrlicher Mensch, nicht herzlich, aber eindringlich und energisch, eine kleine stämmige Person mit lockigen Haaren und blauen Augen. Sie war es, die im Gespräch das Thema bestimmte und die stur zum Thema zurückführte, wenn man abwich. Ich fragte sie am liebsten über ihr Leben aus, über die Umstände und die Zwänge. Ich studierte damals Geschichte. Besonders interessierte mich die neue deutsche Vergangenheit, und es war angenehm, sich ihr über die Lebenszeit von Frau Danne zu nähern. Sie wiederum sprach am liebsten über ihren Kater Benji, zeigte mir Kissen und T-Shirts, die mit seinem Konterfei bedruckt waren – und danach wieder unbenutzt in den Schrank wanderten. So waren unsere Treffen zum Kaffee immer auch ein Tauschgeschäft. Ich hörte ihren Tiergeschichten zu, sie belohnte meine Geduld mit Anekdoten aus ihrem Jahrhundert.

Im Frühjahr 2006 wurde sie gebrechlich, tat sich immer schwerer, die zwei Stockwerke zu ihrer Wohnung zu steigen, und zog sich zurück. Bald darauf kam sie in ein Pflegeheim. Im gleichen Sommer starb sie. Zwei Tage dauerte die Auflösung des Hausstandes. Die Hausverwaltung hatte jemanden bestellt, der einfach alles wegwarf: Möbel, Teppiche, Gardinen, Porzellan landeten in einem Container. Zuletzt entsorgte er Fotos, Briefe und Dokumente in unsere Papiertonne im Hinterhof. Als er weg war, schlich ich die Treppe hinunter und rettete Frau Dannes Nachlass. Meine verstorbene Nachbarin hatte kein eigenes Kind, keine Geschwister, ihr zweiter Mann war schon seit 21 Jahren tot. Ich bin mir sicher, sie wäre einverstanden, dass ich von ihr erzähle – sofern ich nur ausreichend oft ihre Katzen erwähnte.

Ihre erste Ehe

Als 21-Jährige verbringt sie mit ihrem späteren ersten Mann einen Urlaub auf der Nordseeinsel Borkum. Es gibt ein Passfoto von ihm: Er schaut mit großen ausdrucksvollen Augen schüchtern drein, das Bild schließt mit dem Kragen seiner Wehrmachtsuniform ab. Hilde posiert für ihn auf der Strandpromenade, mit Haarband und geschürzten Lippen in steifer Seebrise. Sie räkelt sich am Strand und lässt ihren Körper von der Brandung umspülen. Und dann das einzige zärtliche Bild mit ihm: Er sitzt im Badeanzug am Strand, hat die Beine angewinkelt und lächelt. Hilde versucht ihn einzubuddeln, seine Beine sind schon verschwunden. Sie lässt Sand über seine Schulter rieseln.

In ihrem gemeinsamen Urlaub im Sommer 1936 halten sie auch die Vorboten des aufziehenden Krieges mit der Kamera fest. Ein Schiff aus der Deutschland-Klasse der Kaiserlichen Marine liegt vor Borkum, wahrscheinlich die SMS Schleswig-Holstein. Kadetten winken den Zuschauern von der Reling aus zu. Unter ihnen auch Hilde. Es wird dieses Schiff sein, das am 1. September 1939 mit der Beschießung der Westerplatte im Hafenkanal Danzig den Zweiten Weltkrieg eröffnet.

Hilde ist damals 24 Jahre alt. Im Herbst 1940 fallen die ersten Bomben auf Berlin. Auch der Keller von Hildes Haus wird zum Luftschutzbunker umgebaut. Ist ein Geschwader in Richtung Hauptstadt unterwegs, erfährt man es aus dem Volksempfänger. Fällt der Name der Stadt »Gardelegen«, sind sie im Anflug auf Berlin. In dieser Zeit, so wird Frau Danne später erzählen, schläft sie in ihren Kleidern, um beim Sirenen-alarm Zeit zu sparen. Im Flur steht ein gepackter Koffer mit dem Nötigsten, den nimmt sie mit runter in den Luftschutzbunker. »Ruhe! Hinsetzen! Nicht rauchen!«, steht an den Bunkerwänden geschrieben. Die Bomber kommen meist nachts, zur Tiefschlafphase, und sie kündigen sich durch ein grausiges Spektakel an: Zuerst beschreiben Vorausflieger mit schwebenden Leuchtmitteln am Nachthimmel das Hauptziel des Angriffs mit einem Kreis. Er markiert die Stelle, an der gleich Menschen sterben und Gebäude zerstört werden. 310 Mal wird Berlin bombardiert, 310 Mal bangt Hilde um ihr Leben.

Endlich, im Mai 1945, ist der Krieg zu Ende. Nur sechs Kilometer von Hildes Wohnung entfernt, unterzeichnet der Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Am 6. August 1945 stirbt Hildes Großmutter Martha in dieser zerstörten Stadt und wird am 11. August am Friedhof am Baumschulenweg beigesetzt. Die Todesanzeige ist handschriftlich verfasst. Hilde steht dort als trauernde Enkelin – mit Doppelnamen: »Schultze-Zimmer«. Zimmer ist der Name des Mannes mit dem schüchternen Blick und der Wehrmachtsuniform. Kurz nach ihrem gemeinsamen Nordseeurlaub hatten sie geheiratet, dann war er in den Krieg gezogen und sollte nie zurückkommen. Hilde wird zum ersten Mal Witwe, seinen Nachnamen legt sie wieder ab. Die zentrale Einwohnermeldekartei im Polizeipräsidium am Alexanderplatz wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört, nach Kriegsende ging man durch die zerbombte Stadt und zählt ihre Bewohner neu. Hilde sagt den Beamten nur ihren Mädchennamen: Schultze.

Ab Juni 1948 dröhnen wieder die Flugzeuge über der Stadt, Tag und Nacht: 280 000 Mal fliegen die Rosinenbomber rund um die Uhr auf die Stadt zu, um sie am Leben zu halten. Die sowjetische Militäradministration hat alle anderen Verbindungswege blockiert. Wieder schläft Hilde in Kleidern. Diesmal wegen der Kälte. Die Kohleration reicht im Winter gerade aus, um nicht zu erfrieren: Hilde zieht los und sammelt in den Straßen von Ostberlin Äste und Gestrüpp, um sie zu verfeuern. Den Holzofen aus dieser Zeit behält sie bis zu ihrem Tod. Eine moderne Heizung wollte sie nicht. Bei dem Holzofen wusste sie, woran sie ist, er hatte ihr schon mal das Leben gerettet.

Hilde und Eugen

Bevor Hilde ihren zweiten Mann Eugen kennenlernt, vergehen viele Jahre. Jene Jahre, in denen sie Kinder hätte kriegen können. Aber es gibt in dieser Zeit keinen Mann in ihrem Leben. So bleibt sie selbst kinderlos, aber in ihren Briefen nimmt sie regen Anteil an den Entwicklungen der Kinder ihrer Freunde und Bekannten. Ihre Schulfreundin Erika bekommt eine Tochter. Hilde hat die beiden oft zu Besuch in ihrer Wohnung und liebt es, sie in intimen Momenten miteinander zu fotografieren: beim Schlafen, wie Erika einen Arm schützend um den Säugling gelegt hat. Beim Spielen in ihrer Stube und bei den ersten Schritten unten auf der Straße. Erst als Hilde Mitte vierzig ist, tritt Eugen in ihr Leben. Da hat sie schon gar nicht mehr damit gerechnet. Eugen wird ihr 1961 durch den Bau der Mauer geschenkt. Er liebte eigentlich eine andere: Erna. Eine Frau aus Westberlin. Durch die Teilung der Stadt wird die unerreichbar für ihn.

Erna lebt in der Neuköllner Reuterstraße 96, Eugen in der Beermannstraße 8 in Ostberlin. Von Wohnung zu Wohnung sind es nur zweieinhalb Kilometer, die Länge eines Sonntagsspaziergangs. Doch ab dem 13. August 1961 endet der Weg von Eugen und Erna an der Heidelberger Straße. Die Straße, die Eugen und Erna nun trennt, ist nur 4,40 Meter breit, zu schmal für die Mauer. Deshalb hebt man hier einen Graben aus, den man mit Nagelgittern und Panzersperren auskleidet. Doch noch ist die Mauer nicht fertiggebaut, und noch will niemand daran glauben, dass die Teilung endgültig sein soll. Am Kinderspielplatz an der Heidelberger Straße kommen Menschen aus Ost und West zusammen. Man ruft über den Stacheldraht hinweg, gestikuliert, verständigt sich in Zeichensprache miteinander, bringt Operngläser mit, um sich besser zu sehen. Daneben stehen die Grenzsoldaten mit Maschinenpistolen.

Die Mauer wird immer höher, aber noch schreiben sich Erna und Eugen Briefe. Sie berichtet von Ausflügen, Freunden und erinnert sich an gemeinsam Erlebtes. Doch am 23. Oktober 1962 erreicht ihn Ernas letzter Brief: »Mein lieber Eugen, ich denke, wenn jemand da ist, der Dich in seine mütterliche Obhut nehmen will, sollst Du ruhig nachgeben. Ich will noch lange mit guten Wünschen bei Dir sein. Erna.« Sie gibt ihn frei – für Hilde.

Und Hilde will ihn: »Sei doch nicht so töricht und weise die Wärme und Zuneigung zurück, die Dir entgegengebracht wird. Der Altersunterschied? Du siehst besser aus als ein 45-Jähriger«, schreibt sie ihm. Ja, Eugen sah gut aus, Jahrgang 1900, ein Berliner, geboren in Schlachtensee. Auf allen Fotos trägt er eine schwarze Hornbrille, aus der den Betrachter ein sanfter, forschender Blick trifft. Hilde kämpft um ihn, öffnet sich, zeigt ihm ihr Leben, liest ihm sogar aus Briefen ihrer Westberliner Freundin Katjes vor. Und obwohl zu Weihnachten 1963 das erste Passierscheinabkommen in Kraft tritt und Reisen in den Ostteil wieder möglich sind, bleiben Hilde und Eugen ein Paar. Ernas Briefe bewahrt Hilde bis zu ihrem Tod auf.

Hilde, die Katzenzüchterin

Es folgen unbeschwerte Jahre. Eugen gibt seine Wohnung in der Beermannstraße auf. Sie ziehen zusammen in ihre Wohnung. Manchmal kommt ein junger Mann zu Besuch, Eugens Sohn aus erster Ehe. Zwei Flaschen Kräuterlikör und drei Gläser stehen dann auf dem Küchentisch vor dem Kachelofen, Hilde schenkt ein. Man prostet sich zu, bemüht erst nur ein Lächeln für das Foto. Doch dann löst sich die Stimmung. Plötzlich hat der Mann sein Jackett ausgezogen, wiegt einen Teddybär im Arm, mit dem er wie ein Kind kuschelt. Hilde umarmt Eugen, alle lachen in die Kamera. Die Gläser sind fast leer.

Ihr Hausstand wird unfreiwillig erweitert. Hilde schreibt an ihre Freunde Annchen und Benno: »Meine Bekannte Frau Krebs hat im Oktober 1972 eingereicht, dass sie nach Westdeutschland umsiedeln möchte. Am 23. Januar 1973 konnte sie endlich abreisen. Das hat viel Arbeit gemacht und zum Schluss habe ich ihr auch ihren Kühlschrank und Fernseher abgekauft. An Silvester, abends, sahen wir den Blauen Bock! Ihr auch?« Abgeschickt hat sie diesen Brief nie, vielleicht weil sie fürchtet, dabei ertappt zu werden, Westfernsehen gesehen zu haben, oder über die Umstände einer Ausreise berichtet. Der Schwarz-Weiß-Fernseher ist ein altes Rafena-Gerät, das nun auf einer Holztruhe in der Ecke steht. Annchen und Benno, die Freunde, schicken Westpakete. Eugen fotografiert den Inhalt: eine Packung Mokka-Kaffee, drei Schachteln Pralinen, eine Feinstrumpfhose und Weißwäsche, das Ganze vor einem Alpenveilchen und einer zugezogenen Gardine aufgereiht. Eugen liebt die Fotografie und das Mikroskopieren, Hilde kümmert sich um ihre Katzen.

Katzen begleiten sie ein Leben lang. Auf unzähligen Fotos sind sie zu sehen. Hier ein Selbstporträt, auf dem die zutrauliche Katze im Urlaub an die Wange gedrückt wird, dort ein Kätzchen, das sich in eine Kehrichtschaufel duckt, ihr Kater, der auf dem Küchenstuhl eine Papierschlange erhascht, die von der Lampe herunterhängt. Ihre ersten Katzen sind einfache Hauskatzen, doch bald dürfen es nur noch die Besten sein: Perserkatzen. Hilde beginnt mit der Katzenzucht und nimmt an Wettbewerben teil. »Ende April 1974 war Werbeschau in Neubrandenburg und ›Ede‹ wurde wieder allgemein bewundert! Das macht mir immer Spaß! Ich gebe mich dem Besucherpublikum gar nicht als Besitzer zu erkennen, sondern spiele Mäuschen und höre nur zu, wenn sie schwärmen«, schreibt sie an ihre Kindheitsfreundin Erika. Ihre Katzen haben Tauf- und Rufnamen: »Cherry und Ede, genannt ›Daddy und Pips‹«, unterschreibt sie für die beiden in all ihren Briefen. Bald geht es zu Ausstellungen ins Ausland. Atemlos berichtet sie in einem Leserbrief an die BZ am Abend am 9. Dezember 1971 über eine Reise: »In der VR Polen existiert noch kein Verband für Rassekatzen. Und um für die schönen, lieben Tiere zu werben, wurden wir nach Posen eingeladen. Ein voller Erfolg! Wir wurden mit Fragen bestürmt!« Dort lernt sie »Frau Stefanska« und »Frau Josefa« kennen und freundet sich mit ihnen an. Es folgen Einladungen, Besuche und Gegenbesuche. »Wir hatten acht schöne Tage hier«, schreibt sie weiter. »Ich zeigte ihnen unser schönes Berlin – die Museen, das sowjetische Ehrenmal und natürlich auch den Tierpark!«

Leben an der Mauer

Hilde wohnt in Sicht- und Hörweite der Mauer. Im August 1962 stirbt der 18-jährige Maurergeselle Peter Fechter bei einem Fluchtversuch in der Nähe des Checkpoint Charlie. Über 30 Schüsse feuern die Grenzsoldaten auf ihn ab, einer trifft den jungen Mann. Er liegt zusammengekauert neben der Mauer, ruft lange und laut um Hilfe. Hunderte Menschen werden Zeugen, doch niemand traut sich zu helfen. Die Westberliner Grenzsoldaten werfen ihm über den Stacheldraht Verbandspäckchen zu. Fast eine Stunde liegt Fechter schwerverletzt da, bis er das Bewusstsein verliert. Als die Ostberliner Grenzsoldaten ihn endlich wegtragen, ruft die Menge: »Mörder, Mörder!« Kurz darauf stirbt er. Die Stasi verschleiert fortan mit allen Mitteln Fluchtversuche. Niemand soll von den Gewaltakten gegen die eigene Bevölkerung erfahren. Doch es wird weiterhin an der Mauer geschossen. Acht Menschen kommen in der Nähe von Hildes Wohnung ums Leben. Sechs Männer – und zwei Kinder. Selbst den Eltern der beiden Jungen verschweigt man, wie ihre Kinder ums Leben kamen. Man erzählt ihnen, der zehnjährige Jörg sei beim Spielen in einem See ertrunken und den 13-jährigen Lothar habe ein tödlicher Stromschlag getroffen. Hilde hört einmal Schüsse, der Knall weht bis in ihr Wohnzimmer. Erst als sie alt ist, wird sie das erste Mal darüber sprechen. Widerwillig, und nur im Gegenzug zu einer sehr langen Katzengeschichte. Damals verliert sie kein Wort darüber. Nicht mal in den Briefen, die sie nicht abschickt.

Zwei Stapel Briefe hinterlässt Frau Danne, als sie stirbt. Abschriften von abgeschickten Briefen. Und Briefe, die sie nicht abgeschickt hat. Dieser zweite Stapel ist fast so hoch wie der erste. Der Inhalt ist ein bisschen intimer, sie schreibt über ihre Krankheiten: »Eugen liebt ja sehr die naturgemäße Lebensweise und schickte mich zum homöopathischen Arzt! Er hat mir als Medizin ›Karlsbader Mühlbrunn‹ verschrieben, von dem ich am Morgen ¼ Liter heißgemacht trinken soll.« Über ihre Beziehung zu Eugen spricht sie selten, doch wenn, dann sind es glückliche Sätze: »Ich muss mir doch endlich ein Herz fassen und an Euch schreiben. Jetzt – nachts – habe ich am besten Zeit und vor allem Ruhe dazu – wenn meine ›3 Männer‹ (sie meint einen Mann, zwei Kater) schlafen – ›wohl befüttert‹.« Sie ist eine pragmatische und in allem, was sie tut, penible Person, mit großem Mitteilungsdrang.

Hilde im Alter

Nur von ihrem Beruf hat sie nie gesprochen. Sie arbeitete für die »VVB Lowa«, die Vereinigung volkseigener Betriebe des Lokomotiv- und Waggonbaus. Auf einem Bild geht sie in Mantel und Pumps über ein Werksgelände, im Hintergrund ist eine Lokomotive zu sehen. Auf anderen Fotos sitzt sie an einer Schreibmaschine und tippt. Vielleicht war sie als Sekretärin angestellt. Mit ihrer Freundin Katjes macht sie sich einen Spaß daraus, in Briefen von Ost nach West zu stenografieren. Kurz vor ihrem 60. Geburtstag erhält sie ihren Rentenbescheid. Sie schreibt an Annchen und Benno: »Inzwischen habe ich auch meine Rente eingereicht und auch den Bescheid schon zurück. Denn am 6. November 1974 werde ich ja sechzig. Und da wollte ich ja furchtbar gerne Euch mal besuchen kommen! Ob das geht? Vielleicht auf zwei bis drei Tage?! Ich mache Dir keine besondere Arbeit und bin bescheiden. Was meint Ihr dazu? Bitte gebt mir doch baldmöglichst Bescheid, denn der Antrag bei unserer Behörde läuft ca. vier Wochen.« Auch diesen Brief hat sie nie abgeschickt.

Fast zwanzig Jahre sind Eugen und Hilde ein Paar, ehe sie sich entschließen, am 23. April 1981 zu heiraten. Hilde ist 66 Jahre und Eugen 80 Jahre alt. Es trifft viel Post ein: »Zu Ihrer Vermählung meine herzlichsten Glückwünsche! Mögen Ihnen noch viele Jahre bei bester Gesundheit und voller Harmonie beschieden sein!« Vier Jahre nach der Hochzeit stirbt Eugen. Von den Trauerkarten bewahrt sie keine einzige auf.

Dann kommt die Wende. Drei Straßen weiter, in der Bekenntniskirche an der Plesser Straße treffen sich Ausreisewillige. Sie nennen sich »Reisegruppe 88«, feiern gemeinsam Gottesdienste. Im Keller der Kirche wird auf Wachsmatrizen die Untergrundzeitschrift Kontext gedruckt. Zu Veranstaltungen kommen Hunderte von Menschen. Im Oktober 1989 gibt es vor der Kirche ein Mahnwache. Im Haus gegenüber schreiben bis zur Wende die Mitarbeiter der Staatssicherheit alles mit. Doch Hilde erwähnt die Stasi nicht und die erwähnt Hilde nicht. Bei der Stasi-Unterlagenbehörde gibt es keine Akte über sie. Als es mit der DDR und dem Sozialismus begann, war sie schon fast vierzig, hatte zwei Kriege hinter sich, da umarmt man ein neues System nur, wenn man sich eine Karriere verspricht.

Als wir Nachbarn waren, saß sie bei Sonnenschein oft auf dem Balkon nebenan, las Zeitung, trank Kaffee und streichelte ihre Katzen. Dann, im Frühjahr 2006 wird plötzlich alles schwerer: Sie braucht das Treppengeländer als Stütze, ihre Nylonstrümpfe haben Löcher. Hilfe möchte sie nicht annehmen. Sie stirbt am 27. Juni 2006 im Alter von 91 Jahren.

Das Grab von Hilde und Eugen liegt auf dem Friedhof am Baumschulenweg. Ein rosafarbener Granitstein, der mittlerweile von einer zarten Moosschicht bewachsen ist. Zuerst ist in Goldschrift Eugens Name eingraviert, darunter ihrer. Man merkt, dass es Hilde war, die diesen Grabstein ausgesucht hat. Einfach und schlicht, leicht sauber zu halten – und mit der verschnörkelten Goldschrift auch ein kleines bisschen exzentrisch. So wie sie und ihre Wohnung mit den vielen Katzen und der riesigen Grünlilie.

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/41652/Die-Jahrhundert-Frau

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Reportagen

Präsidentschaftswahl in Somaliland. Endlich anerkannt werden

Erschienen in der tageszeitung am 22. November 2017.

Kein Staat der Welt erkennt Somaliland an, aber es ist seit 1991 unabhängig. Jetzt fanden normale Wahlen statt. Im Rest Somalias wäre das undenkbar.

HARGEISA taz | Geschäftiges Treffen herrscht am Marktplatz von Borama. Einen Tag vor den Präsidentschaftswahl in Somaliland packen die Polizisten in dem Städtchen an der äthiopischen Grenze Matratzen und Decken auf Lkws und fahren an ihren Einsatzort. „Am Montag sind Wahlen. Vergessen Sie nicht, Ihre Karte mitzubringen“, schallt es aus Lautsprechern. Auf dem Weg in die Hauptstadt Hargeisa begegnet man immer wieder Fahrzeugkolonnen, die Urnen und Unterlagen zu den 1.642 Wahllokalen bringen.

Somaliland am Golf von Aden sieht sich als Musterdemokratie. Die drei Millionen Bewohner Somalilands sind stolz auf den Staat, den sie aufgebaut haben, seit das ehemalige Britisch-Somaliland sich 1991 unabhängig vom Rest Somalias erklärt hat. Aber bis heute wird Somaliland von keinem anderen Staat auf der Welt anerkannt. In acht Ländern gibt es zwar diplomatische Vertretungen, etwa in Großbritannien, den USA, Kenia und in Äthiopien, und acht Länder erkennen den somaliländischen Pass an. Doch völkerrechtlich gehört Somaliland immer noch zu Somalia.

Ganz im Gegensatz zu Somalia, wo es keine stabile Regierung gibt, herrscht in Somaliland seit Jahrzehnten Frieden. Es gibt keine Anschläge, immer mehr Menschen kehren aus der Diaspora zurück. Sie gründen Unternehmen, eröffnen Res­taurants, Cafés und Hotels, seit Kurzem gibt es sogar einen Essenslieferservice, bei dem man über eine App bestellt. Und zur Zukunft des Landes gehört auch ein funktionierendes demokratisches System. Der Slogan, der das Land über die letzten Wochen eines turbulenten Wahlkampfs zusammenhielt, lautet: „Nabad ku Codee“ – Frieden und Wahlen.

Drei Wochen dauerte der Wahlkampf. Die Parteien wechselten sich täglich mit Kundgebungen ab. Großflächige Wahlplakate wurden überall am Straßenrand aufgehängt, ganze Hausfassaden in Parteifarben gestrichen und Flaggen vor Nomadenhütten gehisst. Zum Auftakt debattierten die drei Präsidentschaftskandidaten live im Fernsehen.

Die Kulmiye-Partei des derzeitigen Präsidenten Ahmed Silanyo hat Muse Bihi Abdi ins Rennen geschickt, ausgebildeter Kampfpilot und danach Widerstandskämpfer in der Guerilla gegen die somalische Diktatur von Siad Barre in den späten 1980er-Jahren. Sein Herausforderer, Abdirahman Irro von der Waddani-Partei, die eher die Jugend anspricht, wirbt mit dem Slogan „Bedaluu!“ (Veränderung). Faysal Warabe von der UCID-Partei sorgt mit provokanten Aussagen für Aufsehen – etwa, dass äthiopische Flüchtlinge abgeschoben werden sollen. Dafür erhielt er den Spitznamen „Little Donald Trump“.

Erinnerung an den Krieg

Am Wahltag ist Road Number 1 in Hargeisa wie ausgestorben. Autos dürfen nur mit Sondergenehmigung der Wahlkommission und einem extra angefertigten rot-weißen Nummernschild fahren.

Am Wahllokal im Stadtteil Sheek Madar, gegenüber des Denkmals, das an die Bombardierung Hargeisas 1988 erinnert, warten die Menschen schon seit zwei Uhr früh. Eine halbe Stunde, bevor um sieben Uhr die Wahllokale öffnen, sind alle an ihren Platz in der Warteschlange zurückgekehrt. Manche haben nachts mit einem Stein, auf den sie ihren Namen notiert haben, ihren Platz markiert. Frauen verkaufen Obst, Kinder Samosas aus Plastikschüsseln.

Die Erinnerung an 1988, als Somalias Diktator Siad Barre Hargeisa in Schutt und Asche bomben ließ, ist noch sehr präsent. Nichts blieb mehr von der Stadt mehr übrig. „Manchmal kann ich es noch immer nicht glauben“, sagt Jama Musse Jama und blickt aus einem Restaurant auf das Denkmal und das Wahllokal daneben. „Alles war weg – und nun werden wieder Häuser gebaut, Straßen angelegt.“

Jama organisiert seit zehn Jahren eine Buchmesse in Hargeisa, die internationales Publikum anzieht. Jedes Jahr gibt es ein afrikanisches Gastland. Doch Somaliland kämpft immer noch um sein Image. Es ist nicht Somalia, doch noch zu wenige wissen davon. Auch in Somalia wurden im Frühjahr Präsidentschaftswahlen abgehalten, wo aber nur 328 Wahlmänner und –frauen stimmberechtigt waren. Gewählt wurde in einem Hangar des Flughafens in Mogadischu unter den höchsten Sicherheitsvorkehrungen.

„Wir wollen endlich anerkannt werden“, sagt Sagal, eine Frau Anfang dreißig, die in der Schlange für die Frauen ansteht. „Es ist Zeit. Wir haben bewiesen, dass wir es auch allein schaffen, aber es wäre alles leichter.“

Jeder Wähler musste sich registrieren lassen. Mit internationaler Hilfe wurde zum ersten Mal ein Iris-Scan-Verfahren eingesetzt, das verhindern sollte, dass Menschen mehrfach ihre Stimmen abgeben, wie noch bei den Kommunalwahlen 2012. Nach dem Iris-Scan erhielten sie ihre Wahlkarte.

Am Dienstag, eine Woche nach der Wahl, wird das Endergebnis bekanntgegeben: 55,2 Prozent für Kulmiye, 40,8 Prozent für Waddani und 4,2 Prozent für UCID. Es hat lange gedauert, da die Oppositionspartei Waddani viele Einsprüche geltend gemacht hat.

Doch wie auch schon im Wahlkampf zeigen sich die Kandidaten nach der Wahl gemeinsam in der Öffentlichkeit. Sie wollen signalisieren, dass das Land bereit ist für die Unabhängigkeit. Die ehemalige First Lady Edna Adan Ismail hat sich vor den Wahlen noch einmal zu Wort gemeldet: „Wir sind keine ‚Region‘, wir sind nicht Somalia. Wir wollen endlich ein anerkanntes eigenes Land sein.“

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Reportagen

Präsidentschaftswahl in Somaliland. Der Wahlkampf der Frauen

Erschienen in der Serie „10 nach 8“ auf Zeit Online am 22. November 2017.

Bei den Wahlen in Somaliland ging es vor allem um den Ausbau der Demokratie. Parteipolitische Differenzen traten in den Hintergrund. Davon könnte Europa etwas lernen.

Um Punkt 18 Uhr wird am 13. November das Wahllokal Nr. 316-2 in der Schule Sheek Madar in der Hauptstadt Hargeisa geschlossen. Die Bürger von Somaliland haben gerade zum dritten Mal in der kurzen Geschichte des Landes, das 1991 einseitig seine Unabhängigkeit von Somalia erklärt hat, einen neuen Präsidenten gewählt. Ahmed Silanyo, der seit 2010 im Amt ist, war nicht mehr angetreten, drei Kandidaten haben sich um seine Nachfolge beworben.

Zwei Polizisten und eine Polizistin stehen vor dem Klassenzimmer. Drinnen werden Schulbänke gerückt. Die Wahlvorsteherin zählt in einem blauen Schnellhefter nach, wie viele der eingetragenen Wähler ihre Stimme abgegeben haben. 459 Wähler von 540, notiert sie in ihren Unterlagen.

Zwei Drittel der Wähler waren hier weiblich, schätzt die Wahlvorsteherin, und auch der Wahlkampf wurde vor allem von Frauen getragen. Auf den Kundgebungen erschienen sie zahlreich, gekleidet in den Farben der Parteien, deren Zahl die Verfassung Somalilands aus Stabilitätsgründen auf drei beschränkt: Die Anhängerinnen der Kulmiye-Partei ließen sich gelb-grüne Kleider schneidern, die Unterstützerinnen von Waddani kamen in Orange, die Wählerinnen von Ucid in Dunkelgrün. Die Basecaps, die eigentlich für die Männer gemacht worden waren, trugen sie einfach auf ihren Hidschabs. Bei den Autokorsos setzten sie sich auf die heruntergekurbelten Fenster und ließen sich, mit lautstarken Gesängen ihren Kandidaten unterstützend, durch die Stadt kutschieren.

Harte Arbeit um Anerkennung

Die Frauen in Somaliland haben verstanden, dass Wahlen eine der Stellschrauben sind, mit denen sie mehr Mitsprache in der Gesellschaft erreichen können. An den Clanstrukturen, die seit Jahrhunderten vorsehen, dass der Mann das Oberhaupt ist, lässt sich sobald nichts ändern. Im Islam, wie er in Somaliland praktiziert wird, dürfen Frauen keine wesentliche Rolle spielen. Aber der politische Prozess, der seit der Unabhängigkeit die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne, zwischen patriarchalen Stämmen und nationalstaatlich organisierter demokratischer Partizipation halbwegs erfolgreich bewältigt, erlaubt ihnen doch, etwas zu bewirken.

In Somaliland haben vor allem drei Gruppen das Sagen: Die Clanältesten regeln seit jeher als informelle oberste Autorität Konflikte in ihrer Gemeinschaft und zwischen den Stämmen. Dann gibt es die Somaliländer, die im Ausland an Geld und materielle Ressourcen gekommen sind. Sie kehren zunehmend aus der Diaspora zurück und sind nun vor allem am wirtschaftlichen Vorankommen des Landes interessiert. Und schließlich sind da die Scheichs als religiöse Führer. Sie haben über die Wahl geteilte Ansichten. Für die Hardliner ist die Wahl grundsätzlich haram (verboten, mit Tabu belegt). Weniger strenge Scheichs akzeptieren die Demokratie, solange der Staat unter strenger Berücksichtigung der Scharia geführt wird.

„Ich habe zum dritten Mal gewählt“, erzählt Maryam, eine Frau Ende vierzig. „Einmal für die Unabhängigkeit von Somalia, bei den letzten Kommunalwahlen und nun bei diesen Präsidentschaftswahlen. Wir arbeiten hart an der Anerkennung. Mit ihr wird sich endlich etwas ändern“, hofft sie.

Rund drei Millionen Menschen leben in Somaliland, am Horn von Afrika. Es ist völkerrechtlich immer noch kein anerkannter Staat. Die meisten Staaten, und auch die meisten NGOs, erkennen nur die Regierung Somalias als Verhandlungspartner an, und nach Somalia fließen fast alle Entwicklungshilfegelder. Trotzdem schaffen die Somaliländer Schritt für Schritt Realitäten, die ihnen zunächst einmal Respekt einbringen. Während der Bürgerkrieg in Somalia kein Ende nimmt, herrscht in Somaliland Frieden. In acht Ländern hat Somaliland bereits diplomatische Vertretungen eröffnet, und acht Länder, unter ihnen Großbritannien, Belgien, Kenia und das Nachbarland Äthiopien, erkennen den somaliländischen Pass als offizielles Dokument an. Somaliland wirbt in der Welt um die Anerkennung als eigenständiger Staat, und die Bürger wissen, dass freie und faire Wahlen sie diesem Ziel näher bringen.

Dazu gehört auch, dass der Wettstreit der Positionen offen ausgetragen und medial inszeniert wird. Zum ersten Mal fand in Afrika eine Präsidentschaftsdebatte nach amerikanischem Vorbild statt, die live im Fernsehen und auf Facebook übertragen wurde. Die drei Kandidaten traten gegeneinander an. Muse Bihi Abdi, der wie der derzeitige Präsident Silanyo der Kulmiye-Partei angehört, und seine Herausforderer Abdirahman Irro (Waddani) und Faysal Warabe (Ucid) debattierten über die Zukunft ihres Landes: 45 Minuten über Außenpolitik, 45 Minuten über Innenpolitik, 45 Minuten zu wirtschaftlichen und sozialen Fragen. Muse Bihi Abdi versprach Frieden, Stabilität und wirtschaftliches Fortkommen, Abdirahman Irro machte sich für die Interessen von Handwerkern stark und warb mit dem Slogan „Bedaluu!“ (Veränderung), Faysal Warabe, der auch „Little Donald Trump“ genannt wird, provozierte mit Aussagen zur Einwanderungspolitik, etwa dass äthiopische Flüchtlinge, die als billige Arbeitskräfte in der Gastronomie arbeiten, abgeschoben werden sollten.

Dazu gehört aber auch, dass Gemeinsamkeit demonstriert wird: Trotz aller Auseinandersetzung zeigten sich die Kandidaten immer wieder zu dritt in der Öffentlichkeit. „Nabad ku Codee“ – Frieden und Wahlen – ist der Slogan, dem sich alle verpflichtet erklären.

Im Wahllokal Sheek Madar-2 beginnt nun die Auszählung der Stimmen. Die Vertreter der drei Parteien nehmen vor der Urne Platz. Neben ihnen drei unabhängige Wahlbeobachter einer somaliländischen Organisation und zwei Beobachter des internationalen Teams. Transparenz ist wichtig im demokratischen Prozess des jungen Landes: Die Regierung selbst hat 600 Wahlbeobachter geschult, 60 internationale Wahlbeobachter werden von einem Team des University College London (UCL) koordiniert.

Anerkennung der Unabhängigkeit

Ebenfalls mit internationaler Unterstützung wurde zum ersten Mal ein Irisscanverfahren eingesetzt, um eine mehrfache Stimmabgabe auszuschließen. 800.000 Wähler ließen sich registrieren. Sie bekamen nach dem Irisscan eine sogenannte Voter Card, eine Plastikkarte in der Größe einer Scheckkarte, ausgehändigt und wurden vor der Wahl an sie erinnert: „Am Montag sind Wahlen. Vergessen Sie nicht, Ihre Karte mitzubringen“, schallte es aus Lautsprechern, die mit Autos durch die Straßen fuhren. Am Wahltag selbst sind die Straßen wie ausgestorben. Nur wer eine Sondergenehmigung oder ein extra angefertigtes rot-weißes Nummernschild der National Electoral Commission (NEC) am Auto montiert hat, darf unterwegs sein.

Nach Mitternacht ist die Auszählung im Wahllokal Sheek Madar-2 beendet, und es ist klar, dass hier mit deutlichem Abstand die Kulmiye-Partei mit ihrem Kandidaten Muse Bihi Abdi gewonnen hat. Die Ergebnisse fürs ganze Land stehen erst nach einer Woche fest, weil Einsprüche der Oppositionspartei Waddani zunächst vor der National Electoral Commission geklärt werden mussten. Letztlich war jedoch der gemeinsame Wunsch, das Land demokratisch weiterzuentwickeln, stärker als parteipolitische Differenzen.

Neuer Präsident ist Muse Bihi Abdi. Er wird das Land in den nächsten vier Jahren führen, vielleicht in die internationale Anerkennung der Unabhängigkeit von Somalia. Somaliland gilt vielen auf dem afrikanischen Kontinent als Vorbild, und vielleicht lässt sich auch in Europa etwas von ihm lernen.

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Reportagen

Somalinimo in Hargeisa

Es ist halb neun Uhr morgens in Hargeisa. Vor dem Saal des Guled Hotels ist der Andrang groß. Besucher stehen Schlange an der Sicherheitskontrolle und warten auf den Einlass. Es ist Buchmesse in der Hauptstadt von Somaliland.

Auch im Saal herrscht bereits reger Betrieb. Dieser ist mit etwa dreihundert weinrot gepolsterten und gold eingefassten Sesseln bestuhlt. Sie geben dem sonst nüchternen Raum fast eine feierliche Atmosphäre.

Die ersten Besucher schlendern an den Auslagen entlang, schmökern in Büchern oder sind in Gespräche vertieft. Andere gönnen sich vor der ersten Veranstaltung einen Kaffee oder einen somalischen Tee, der auch Chaa genannt wird. Bezahlt wird in zwei Währungen: amerikanische Dollar oder in somaliländische Shilling. Der Hotelbesitzer geht derweil durch das Publikum und begrüßt jeden Gast mit Handschlag.

Eine Buchmesse ist nicht das erste, was man hier erwarten würde. Doch gerade sie ist in den letzten zehn Jahren zum Aushängeschild für Somaliland geworden. Der Staat am Horn von Afrika hat sich vor 25 Jahren von Somalia unabhängig erklärt, doch bislang hat ihn noch kein anderes Land anerkannt.

Wie gut es dort läuft, wissen die wenigsten. Die Somaliländer, wie sie sich nennen, sind stolz auf das, was sie fast ohne internationale Hilfe geschafft haben. Die Buchmesse gehört dazu.

Sprache und Identität

Die erste Veranstaltung an diesem Morgen ist eine Diskussion über Sprache und Identität. Auf dem Podium sitzen Gäste aus fünf verschiedenen Ländern: Kenia, Äthiopien, Dschibuti, Somaliland und England.

Zaynab Sharci ist Verlegerin und lebt in London. Ein Schwerpunkt ihres Programms liegt auf Büchern für den Spracherwerb somalischstämmiger Kinder in der Diaspora: CDs mit traditionellen Kinderliedern, Bilderbücher oder einfache Grammatiklehrbücher.

Der Titel ihres Bestsellers stammt von ihrem Sohn, berichtet sie. Es heißt „Daadah“, was auf Somali „Folge mir“ bedeutet. Warum der Spracherwerb eine so wichtige Rolle spielt, erläutert ihr Nachbar auf dem Podium, der englische Linguist Martin Orwin. Er unterrichtet Somali und Amharrisch an der Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS): „Viele meiner Schüler sprechen ihre Muttersprache nicht fließend und schämen sich deshalb. Manche werden sogar von den Mitschülern gehänselt. Doch die Sprache öffnet ihnen ein Stück weit die Tür zu ihrer Identität.“

Ins Leben gerufen wurde die Buchmesse von Ayan Mahamoud und Jama Musse Jama. Sie lebt in London, er in Hargeisa. Große Worte über ihr Engagement, das Kontinente und Kulturen verbindet, machen sie nicht.

„Letztlich geht uns darum, die richtigen Leute zu vernetzen“, sagt Mahamoud. Eigentlich sei sie Eventmanagerin, gibt sie zur Auskunft. Doch dass dies eine bescheidene Beschreibung ist, weiß man auch in England. Unlängst wurde sie für ihre Arbeit mit einem Verdienstorden des Königshauses, dem Order of British Empire, ausgezeichnet.

Wie beim Wiederaufbau des Landes

Die Veranstaltung ist jetzt zu Ende. Die Teilnehmer verlassen unter Applaus die Bühne, gleichzeitig klingelt Mahamouds Telefon. Sie bespricht etwas mit dem Anrufer und bugsiert winkend die Gruppe für eine Erfrischung in den Garten.

Dort stehen viele kleine Pavillons, in denen die Kellner bereits für das Mittagessen die Tische decken. Nebenan wird gerade alles für ein Fernsehinterview aufgebaut. Die ehemalige First Lady und Gründerin eines Krankenhauses, Edna Adan gibt spontan ein Interview. Als der Kameramann seinen Kollegen nicht erreichen kann, springt die englische Schriftstellerin Nadifa Mohamed ein und stellt die Fragen. Ein wenig ist es bei der Buchmesse wie beim Wiederaufbau des Landes. Jeder packt mit an.

Das amerikanische Nachrichtenmagazin „Huffington Post“ bezeichnete die 79-Jährige unlängst als die „muslimische Mutter Teresa“. Eines ist sicher: Für alle Somaliländer ist sie ein Vorbild. Egal wo sie erscheint, suchen die Menschen die Nähe zu Adan. Sie hat 2002 ein Krankenhaus in Hargeisa gegründet, das Edna Adan Hospital.

Auf der Geburtenstation wurden dort inzwischen knapp 18.000 Kinder geboren. Außerdem bildet man Hebammen, Krankenschwestern und medizinisches Fachpersonal aus, und es gibt sogar eine eigene Apotheke. Adan nutzt ihre internationalen Kontakte, um das Land nach vorne zu bringen. Die Wand in ihrem Büro erzählt davon. Sie ist voll mit Erinnerungsfotos: Adan als junge Frau während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester in London, als Frau des ersten Präsidenten Somalilands und während ihrer Reisen als Außenministerin.

„Ich war eine der ersten Mädchen, die hier zur Schule gehen durfte“, erinnert sie sich. Für viele ist dies noch immer nicht selbstverständlich. Wenn es um die Rechte der Frau geht, kommt Adans unnachgiebige Seite zum Vorschein. Männer und Frauen sind gleichberechtigt, das steht nicht zur Debatte für sie.

Kurz vor dem Mittagsgebet kehrt langsam Ruhe im Saal ein. Manche Gäste ziehen sich in einen der Pavillons zurück, wo das Mittagessen serviert wird: gekochtes oder gebratenes Fleisch mit Reis und Salat, danach frische Melone oder ein Glas Kamelmilch. Für die ausländischen Gäste eine Mutprobe. Man einigt sich darauf, dass die Milch nach geräuchertem Fleisch schmeckt.

Gemeinsame Erfahrung des Traumas

Das Gastland der Buchmesse ist in diesem Jahr Ghana. Aus der Hauptstadt Accra sind die Schriftstellerin Amma Darko, der Architekt Joe Addo und die Journalistin Esther Armah angereist. Sie wird später über etwas sprechen, was sie mit vielen Somaliländern teilt: die Erfahrung mit einem Trauma. Als der Bürgerkrieg ausbrach, ordnete der Diktator Siad Barre an, die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Das Bombardement dauerte Monate. Fast 250.000 Menschen verloren ihr Leben.

In Somaliland geht die Sonne früh unter, das ganze Jahr über gegen 18 Uhr. Doch dann erwacht die Stadt ein zweites Mal. Die Läden und Restaurants sind hell erleuchtet, die Menschen unterwegs. Sie haben die Stadt wieder aufgebaut. Im Guled Hotel decken freiwillige Helfer die Büchertische mit Tüchern zu. Bis zum nächsten Morgen.

Erschienen auf Qantara.de

 

 

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Bücher Essais

Vor Lampedusa

»Detailreich und empathisch erzählt Michaela Maria Müller vom Schicksal der Flüchtlinge auf Lampedusa.« Elke Heinemann in der FAZ

»Mit diesem Essay gelingt es Müller, dem Todeskampf vor den Küsten Europas ein Gesicht zu geben. Durch die Namen, die auf den gefundenen Habseligkeiten vermerkt sind oder durch diesen einen schwarzen Flüchtling mit den Armbändern. Ihre Erzählung schafft es, eine sehr persönliche Beobachterperspektive entstehen zu lassen – und vielleicht trägt sie auch dazu bei, uns EuropäerInnen etwas beim Verstehen zu helfen.« Dominik Leitner, Literaturblog „neonwilderness“

Erschienen im Frohmann Verlag (2015) bestellbar u.a. im Ecobookstore.