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Interview mit Ben Ralwence über Dadaab

Dadaab im Norden Kenias ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Im April drohte die kenianische Regierung erneut damit, das Lager zu schließen und die Bewohner in ihre Heimatländer abzuschieben. Der Autor und ­Menschenrechtsexperte Ben Rawlence hat die Geschichte des Lagers recherchiert.

Das kenianische Flüchtlingslager Dadaab ist etwa so groß wie Nürnberg. Derzeit leben dort rund 400.000 Menschen, überwiegend ­somalische Bürgerkriegsflüchtlinge. Warum haben Sie sich entschieden, ein Buch über Dadaab zu schreiben?
Weil die Menschen, die dort leben, vom Rest der Welt fast vergessen sind – was ein Skandal ist. Und weil ich neugierig war. Es ist unglaublich, wie diese Wüstenstadt, die es auf keiner Landkarte gibt, funktioniert: Es gibt dort eine Fußballliga, Kinos, Wahlen, Märkte, Schulen, Krankenhäuser.

Kenias Regierung droht immer wieder, das Flüchtlingslager zu schließen. Geht das überhaupt?
Es wäre ein unvorstellbar schwieriges Unterfangen. Wie wollen Sie eine Stadt dieser Größe auflösen? Dazu braucht man das Militär und Tausende Fahrzeuge und Planierraupen. Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Aber ich kann mir vorstellen, dass die kenianischen Behörden den Menschen dort das Leben noch schwerer machen werden.

Wie denn?
Sie könnten zum Beispiel in Dadaab das Wasser abstellen. Das wäre ein schreckliches Verbrechen, aber sie könnten das machen. Außerdem haben die Hilfsorganisationen aufgrund der Drohungen der Regierung keine Planungssicherheit mehr. Und wenn sie nicht planen können, müssen sie irgendwann ­aufgeben.

Wie ist derzeit die Situation in Dadaab?
Viele Menschen werden gehen. Es gibt kein Essen mehr. Seit einem Jahr bekommen die Bewohner 30 Prozent weniger Nahrungsmittel zugeteilt, weil das Welternährungsprogramm nicht genug Geld hat. Es ist schon jetzt eine schreckliche Situation.

Was steckt dieses Mal hinter der Ankündigung, das Lager schließen zu wollen?
Für mich steht das in Zusammenhang mit dem Humanitären Weltgipfel, der im Mai in Istanbul stattfand, und mit dem EU-Türkei-Abkommen. Kenia hat gesehen, dass die Türkei drei Milliarden Euro zugesichert bekommen hat, um Flüchtlinge zu versorgen. Die Regierung feilscht um Geld.

Sie haben in Ihrem neuen Buch „Stadt der Verlorenen“ neun Bewohner des Lagers porträtiert. Sind Sie noch in Kontakt mit ihnen und ihren Familien?
Ja, mit allen.

Wie reagieren die Bewohner auf die Bedrohung ihres Zuhauses?
Sie haben Angst. Der kenianische Staat stellt eine Bedrohung für sie dar. Um die Räumung vorzubereiten, wurde die Dienststelle für Flüchtlingsangelegenheiten im Lager geschlossen. Das heißt, die Menschen können keine Reiseerlaubnis mehr beantragen. Die benötigen sie aber, um eine Universität zu besuchen oder sich in einem Krankenhaus in Nairobi behandeln zu lassen. Wer eine Operation benötigt, ist also gefangen. Im Krankenhaus von Dadaab sterben Menschen, weil sie nicht verlegt werden dürfen.

Warum hat Kenia diese Menschen nie als Chance betrachtet?
Diese Frage könnten Sie auch der Europäischen Union stellen: Warum sieht sie Flüchtlinge nicht als Menschen, Wirtschaftsfaktor, Steuerzahler? Europa braucht 50 Millionen Einwanderer bis zum Jahr 2050, um den Lebensstandard halten zu können. Ich verstehe nicht, warum weder Kenia noch die EU ­diese Menschen als Chance begreifen. Das wäre die rationale Betrachtungsweise. Aber die politische Debatte wird nicht rational, sondern emotional geführt. Man diskutiert darüber, wer wir sind, für was wir uns halten und wer die anderen sind. Das vermischt sich mit der Angst vor Terrorismus, die alles vergiftet. Wir sind als Gesellschaft verloren, wenn wir uns dieser Angst hingeben.

In zahlreichen EU-Staaten ist derzeit nicht von mehr Hilfe für Flüchtlinge, sondern von Obergrenzen die Rede.
Es geht bei der Flüchtlingskrise nicht um Zahlen. Wir können das bewältigen, wenn wir es wollen. Es handelt sich vielmehr um eine Identitätskrise Europas, weil wir nicht in der Lage sind, Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Meine Sorge wächst, weil wir uns immer stärker mit einer Nation identifizieren anstatt mit einem Staat. Wir müssen uns für den Staat entscheiden, nicht für die Nation. Und dann im nächsten Schritt für die Gemeinschaft der Staaten: die Europäische Union. Wenn wir hingegen den Weg weiterverfolgen, den wir jetzt eingeschlagen haben, gehen wir in eine dunkle Richtung.

Die Menschenrechte von Flüchtlingen werden immer stärker eingeschränkt. Das beweist auch das EU-Türkei-Abkommen …
Manche Menschen sagen, dass die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 tot ist. Vielleicht stimmt das, weil wir seit Jahren hinnehmen, dass die Menschenrechte immer mehr eingeschränkt wurden. Das Lager von Dadaab und die Lebensbedingungen, die dort seit 25 Jahren herrschen, sind an sich schon ein Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention: Man setzt die Menschen an einem Ort fest, sie können nicht weg, sie können nicht arbeiten und man gibt ihnen nicht genug zu essen. Doch die reichen Länder verhalten sich nicht viel besser, wie wir jetzt in Europa überrascht feststellen konnten. Die Entschuldigung der Entwicklungsländer lautet: Wir sind arm, wir können uns keine Menschenrechte leisten. Aber Europa kann das nicht sagen.

Sie verweisen in Ihrem Buch auf einen somalischen Begriff, der in Dadaab entstanden ist: „Buufis“ bedeutet gleichzeitig Hoffnung und Verzweiflung. Weiß man, wie hoch die Selbstmordrate ist?
Sie ist sehr hoch und das ist ein großes Problem. Viele Schülerinnen und Schüler, die kein Stipendium für Kanada bekommen, nehmen sich das Leben. Denn nur die besten zehn Prozent eines Abschlussjahrgangs der Sekundarschule bekommen ein Stipendium. Wenn eines dieser klugen Kinder es nicht schafft, sehen sie oft keine andere Lösung. Ihr ganzes Leben war darauf ausgerichtet, sie hatten nichts anderes vor Augen, es war ihr größter Traum.

Gleichzeitig ist es überraschend, was diese Menschen leisten …
Ja, sie leisten eine Menge. Die Gemeinschaft ist sehr stark. Auch wer es geschafft hat, das Lager zu verlassen und sich im Ausland ein neues Leben aufzubauen, vermisst diese Gemeinschaft. Ich habe vor einigen Jahren in Nordschweden vier junge Männer getroffen, die aus Dadaab stammen. Sie träumten ­davon, das Lager wieder zu besuchen.

Sie schreiben, die Bewohner des Lagers würden Sympathisanten der islamistischen Terrormiliz Al-Shabaab ablehnen.
Ja, sie wollen nichts mit Al-Shabaab zu tun haben. Trotzdem wirft ihnen die kenianische Regierung immer wieder vor, sie seien für den Terrorismus im Land verantwortlich.

Sollte man weiter korrupten Regierungen Geld geben oder es lieber direkt den NGOs zukommen lassen, damit es auch dort landet, wo es gebraucht wird?
Das Problem ist: Die Regierungen sind der Türöffner. Nur mit ihnen kann man Zugang zu den Flüchtlingen bekommen. Doch manche dieser Regierungen sind auch der Grund, warum Menschen fliehen. Sie sind Kriminelle – und gleichzeitig kommt man nicht an ihnen vorbei. Wenn sie mehr Geld bekommen, ­haben sie noch mehr Mittel, um ihre Bevölkerung zu unter­drücken. Eigentlich vergrößert man die Not damit nur. Doch es gibt keine Alternative. Es ist verrückt.

Ben Rawlence
Ben Rawlence, geboren 1974, ­arbeitete als Menschenrechts­beobachter unter anderem für „Human Rights Watch“. Als ­Journalist verfasst er regelmäßig Beiträge für die BBC, „The Guardian“ und die „London Review of Books“. Ben Rawlence lebt mit seiner Familie in Wales. Sein Buch „Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt“ ist 2016 im Hanser Verlag erschienen.

Erschienen im Amnesty Journal, August 2016

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Interviews

Interview mit Nicolas Hénin über Terrorismus

In seinem Buch „Der IS und die Fehler des Westens“ (Orell Füssli Verlag, 2016) geht der französische Journalist Nicolas Hénin davon aus, dass die Islamisten militärisch nicht zu besiegen sind. Der 40-Jährige ist überzeugt, dass es andere Wege gibt, ihren Einfluss einzuschränken.

Sie arbeiten als Journalist schon seit vielen Jahren in Syrien und im Irak und sprechen Arabisch. Dann gerieten Sie im Juni 2013 in Geiselhaft, aus der Sie am 20. April 2014 befreit wurden. Hat die Erfahrung Ihren Blick auf die Länder verändert?

Nicolas Hénin: Nein, nicht wirklich. Der Vorfall hatte wenig mit der Region und ihren Menschen zu tun. Die Terroristen des Islamischen Staates (IS) sind eine Gruppe von vielleicht 2000 Kämpfern, die überwiegend aus dem Westen kommen. Meine Bewacher unterhielten sich auf Englisch oder Französisch über amerikanische TV-Serien.

Wahrscheinlich wird es nach Paris und Brüssel weitere Anschläge in Europa geben. Wir sind es nicht gewohnt, mit Terrorismus zu leben. Wie sollte man ihm begegnen?

Wir kennen Terrorismus nicht mehr, genauso wie wir Krieg nicht mehr kennen. Für unsere Eltern und Großeltern war beides Teil des Lebens. Ja, Terror ist traumatisierend. Wir wollen uns nicht einmal vorstellen, damit zu leben. Aber die Vergangenheit hat gezeigt: Gesellschaften können das bis zu einem bestimmten Punkt aushalten. Terrorismus ist nichts anderes als politische Gewalt. Es hat sie immer gegeben. In Frankreich hatten wir schon in den 1990er Jahren Bombenanschläge von Islamisten. Als Folge der Invasion im Irak gab es Anschläge in Spanien und England. In Deutschland war es der Terror der RAF-Fraktion in den 1970er Jahren. Ich würde sagen, wir sind belastbarer, als wir denken. Wir können auch damit leben.

Was ist das Ziel der Anschläge?

Das Ziel von Terrorismus ist nicht, zu töten, sondern Gesellschaften zu destabilisieren. Ein Mörder will töten, ein Terrorist will mit seinen Taten erreichen, dass Menschen sich irrational verhalten. Das ist sein Interesse, das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten.

Was können wir tun, um mit der Angst besser umzugehen?

Zunächst tun unsere Staaten alles, um weitere Anschläge zu verhindern. Aber wir müssen an unserer Widerstandfähigkeit arbeiten. Das bedeutet primär anzuerkennen, dass wir in einer Zeit mit Kriegen leben. Trotzdem befinden wir uns in einer relativ sicheren Region. Das Risiko, von einem Anschlag betroffen zu sein, ist viel niedriger als anderswo. Wir müssen uns immer wieder die Verhältnismäßigkeit vor Augen halten. Das heißt nicht, dass wir das Risiko vergessen oder um Opfer nicht trauern sollen.

Wie finanziert sich der IS?

In erster Linie aus der Plünderung eroberter Gebiete, dann aus erpressten Lösegeldern. Aber ich denke nicht, dass sie viel Unterstützung aus den Golfstaaten bekommen, höchstens von einigen privaten Geldgebern.

Sie schreiben in Ihrem Buch, es sei wichtig, die Herzen der Menschen zu gewinnen, und plädieren für einen empathischen Ansatz anstatt militärischer Interventionen. Wie soll das funktionieren? Ist es dafür nicht zu spät?

Ich mache einen Unterschied zwischen normalem Krieg und dem, was ich den irregulären Krieg nenne, den Krieg ohne Waffen. Man muss die Bevölkerung auf der anderen Seite auf seine ziehen. Die allermeisten Menschen wünschen sich, ein normales Leben in Frieden zu führen. Die Menschen vor Ort werden letztlich über die Zukunft entscheiden. Sie sind sozusagen das Gravitationszentrum. Je weniger der Westen Kriegshandlungen anheizt oder selbst ausführt, umso mehr gewinnt er die Bevölkerung.

Überschätzen wir den Einfluss des IS in der Region? Sie schreiben, er werde niemals in der Lage sein, Bagdad oder Erbil einzunehmen.

Der IS könnte sicherlich den kurdischen Peschmerga im Norden des Irak empfindliche Verluste beibringen, aber es ist widersinnig zu behaupten, dass er Erbil in seine Gewalt bringen könnte. Es handelt sich um eine Gruppe sunnitischer Aufständischer, die nur Regionen kontrollieren kann, in denen sie auf örtliche Unterstützung zurückgreifen kann. Auch in Bagdad wäre das für den IS schwer, weil viele Sunniten die Stadt verlassen haben. Dort beherrschen schiitische Milizen das Geschehen. Die schlechte Nachricht ist, dass seit der Entmachtung der irakischen Armee, die in erster Linie aus Sunniten bestand, ein Machtvakuum herrscht. Insofern ist der Einfluss des IS nicht zu unterschätzen, weil er sich der Sunniten annimmt.

Wie geht es den Menschen in Syrien und im Irak heute?

Das Problem der dortigen Zivilbevölkerung ist: Sie haben keine Hoffnung. Sie glauben, dass der Rest der Welt sie und ihr Leiden ignoriert. Der Westen will nur die Terroristen ausgerottet wissen, aber über ihre Sicherheit macht sich niemand Gedanken. Sie sehen eine Unverhältnismäßigkeit und rechnen in Zahlen: Im November starben in Paris bei den Terroranschlägen 140 Menschen, im März am Brüsseler Flughafen 35 Menschen. Das ist tragisch. Aber im Irak gab es seit der US-Invasion 2003 hunderttausende Opfer, genauso wie in Syrien seit Beginn der Revolution.

Und wie geht es Ihnen heute?

Ich befasse mich nicht mehr viel mit meiner Geiselhaft. Ich bin Journalist und Experte für den Nahen Osten. So will ich auch wahrgenommen werden.

Sie haben seit Ihrer Freilassung nicht nur ein Buch über den Islamischen Staat geschrieben, sondern auch ein Kinderbuch über einen Igel mit dem Titel „Schafft es Papa Igel, nach Hause zu kommen“?

Ja, ich habe es mit dem Fotografen Pierre Torres geschrieben, der mit mir entführt wurde. Ich erzählte ihm irgendwann, dass der Igel einer meiner Lieblingstiere sei. Und er sagte darauf: „Igel sind großartige Tiere. Sie finden immer wieder den Weg nach Hause, egal wo man sie aussetzt.“ Das hat mir gefallen.

Erschienen in der Wiener Zeitung vom 31. Mai 2016

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Reportagen

Zum Sondergipfel in Malta. Die Währung muss Bildung heißen

Erschienen in der Serie „10 nach 8“ bei Zeit Online am 13. November 2015.

Europa muss endlich erkennen, was Afrika wirklich braucht. Einmal mehr aber wird nur versucht, den Kontinent zu kaufen, anstatt in die Zukunft der Frauen zu investieren.

17 Seiten umfasst der Aktionsplan, den 60 europäische und afrikanische Staats- und Regierungschefs gerade auf einem Sondergipfel in Malta verfasst haben. Was sich in diesem Plan allerdings spiegelt, ist das Resultat eines europäischen Monologs. Durchgesetzt haben sich diejenigen, die auf Kontrolle und Abwehr setzen.

Dabei wären gerade zwei andere Einsichten wichtig gewesen: Afrika braucht Europa für seine Zukunft weniger, als Europa glaubt. Und Afrika braucht seine Frauen. Wer in sie investiert, investiert in Afrikas Zukunft.

Die 1,8 Milliarden Euro des Treuhandfonds, die EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach Malta mitgebracht hatte, könnten viel bewirken. Doch das Ergebnis des Gipfels erscheint in einem anderen Licht: Der Kontinent sollte wieder einmal gekauft werden. Eine zentrale Forderung Europas war, dass die afrikanischen Staaten illegal nach Europa eingereiste Flüchtlinge wieder zurücknehmen. Wie das gehen soll und wie viel der Mittel davon für die geplanten Abschiebungen eingesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist: So löst Geld keine Probleme.

In Europa ist man sich derweil noch nicht einmal einig darüber, welche Staaten als sichere Herkunftsländer gelten und welche nicht. Seit 1999 versuchen die Länder, sich auf eine gemeinsame Liste zu verständigen. Ach ja, nur 12 der 28 EU-Mitgliedsstaaten führen überhaupt eine. Dass jede anders aussieht, versteht sich von selbst. Ghana etwa ist so ein Fall: Für Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Malta ist es ein sicheres Herkunftsland; alle anderen definieren Ghana als unsicher. Großbritannien und Luxemburg machen zudem einen Unterschied bei den Geschlechtern: Für Männer sei Ghana ein sicheres Herkunftsland, nicht aber für Frauen. Es ist Großbritannien, das bei der Feststellung „sicherer/unsicherer Herkunftsstaat“ häufiger als die anderen EU-Länder nach Geschlechtern unterscheidet: In England können nur Frauen aus Gambia, Ghana, Liberia, Malawi, Mauritius und Sierra Leone Asyl beantragen. Die Gründe hierfür sind divers; dazu zählt unter anderen die Gefahr, als Mädchen und Jugendliche an den Genitalien verstümmelt zu werden. Festzuhalten bleibt: Wer nun wen wohin zurückschickt, dürfte in Zukunft für einige Irritationen sorgen.

Derzeit stammen nur 20 Prozent der Menschen, die in Europa Asyl beantragen, vom afrikanischen Kontinent. Und davon ist wiederum nur ein Viertel weiblich. Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zeigt etwa: Die Massenabwanderung aus der Diktatur in Eritrea hält unvermindert an. Im vergangenen Jahr waren nur 20 Prozent der eritreischen Staatsbürger, die Deutschland erreichten, Frauen. Auch aus vielen Regionen Somalias fliehen noch immer Menschen. Aber nur 27 Prozent derjenigen, die in Deutschland ankommen, sind Frauen.

Die Zahlen zeigen: Afrikas Frauen sind zumeist Binnenflüchtlinge. Die allerwenigsten kommen nach Europa. Sie leben in Camps wie im kenianischen Dadaab oder im äthiopischen Dolo Ado. Manche von ihnen seit über 20 Jahren. Andere sind sogar schon dort geboren. Den ältesten Töchtern obliegt oft die Aufgabe, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern, Zeit für einen Schulbesuch bleibt kaum. Schulbesuche sind ohnehin nur möglich, wenn Geld vorhanden ist. Das ist manchmal der Fall, meistens aber nicht. Dabei könnten diese Mädchen es sein, die die Basis für einen Mittelstand bilden. Vielleicht nicht in dieser Generation, aber in der nächsten. „If you teach a girl, you teach a nation„, heißt es. Das gilt genauso für die Mädchen in den Slums von Nairobi oder in Townships von Johannesburg.

Nach einem Schulabschluss folgt dann idealerweise eine berufliche Qualifizierung als Fachkraft. Oder sogar ein Studium. In diesem Punkt ist Europa wirklich gefragt. Wenn Europa Afrika etwas zu geben hat, dann ist es Bildung. Das war auch eine der zentralen Forderungen der afrikanischen Staatschefs in Malta: der bessere Zugang zu Austauschprogrammen und Stipendien für Studenten. Auf dem Sondergipfel wurde eine Verdoppelung der Plätze des Erasmus+-Programms für Forscher und Studenten beschlossen. Das ist eine gute Sache.

Und Europa sollte gut zuhören. In Somaliland am Horn von Afrika etwa zeichnet sich eine bedenkliche Entwicklung ab: Um seine Grenzen gegen ein Eindringen der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab zu sichern, reißt der Posten des Verteidigungshaushaltes das größte Loch in das ohnehin schmale Budget. Für Bildung bleibt nur wenig übrig. Die privaten Schulen, die dort eröffnen, werden vom Ölstaat Kuweit finanziert werden. Dass im Lehrplan nicht vorgesehen ist, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass Mädchen später gleichberechtigte Partner neben ihrem Ehemann sind, kann man sich leicht ausrechnen.

Der Präsident des europäischen Rates, Donald Tusk, erklärte zudem, dass nun vereinbart wurde, gemeinsam in Niger ein Investigationsteam gegen Menschenhandel einzusetzen. Ein Pilotprojekt. Das ist ein wichtiger Schritt. Allein im Nachbarstaat Nigeria sind über zwei Millionen Menschen vor der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram auf der Flucht. Viele von ihnen stranden in Agadez, dem nigrischen Drehkreuz für Flüchtlinge und Schleuser. Dort blüht auch die Prostitution mit jungen Frauen. Sie sind Menschenhändlern gefolgt, die ihnen versprochen haben, dass ihnen als Gegenzug für die Arbeit als Dienstmädchen in einem europäischen Haushalt ein Schulbesuch finanziert werde. Keine von ihnen kommt je dort an. Aber der Wunsch nach einer besseren Zukunft und Bildung hat sie aufbrechen lassen.

Europa überschätzt seine Rolle in Afrika. Es sollte lernen, auf Augenhöhe zu diskutieren. Es geht darum, mit den richtigen Menschen den Dialog zu suchen und Netzwerke zu bilden: mit Aktivisten, Intellektuellen und Künstlern. Sie wissen am ehesten, was der Kontinent kann, wie man Korruption bekämpft, die manche Staatsapparate zersetzt und letztlich die Menschen schwächt.

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Reportagen

Ein Leuchtturm für Afrika? Somalilands stille Erfolgsgeschichte

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 2. September 2015

Geht es um die Entwicklungsfähigkeit Afrikas, sind negative Beispiele schnell bei der Hand. Ein Land, das kaum jemand kennt, leistet derweil Beachtliches beim zivilgesellschaftlichen Aufbau.

«Das Land ist wie eine weisse Leinwand. Vielleicht vergleichbar mit der postkolonialen Phase in den 1960er Jahren», sagt Joe Addo, ein ghanesischer Architekt, der in Los Angeles das Architecture and Design Museum mitbegründet hat. «In Ghana arbeitet jeder in seiner Nische, hier ist alles offen.» Joe Addo ist nach Somaliland am Horn von Afrika gekommen, um mit jungen einheimischen Architekten über Stadt- und Raumentwicklung zu diskutieren.

Es ist nicht zu übersehen: In der Hauptstadt Hargeisa herrscht Aufbruchsstimmung. An jeder Ecke gibt es Baustellen. Es entstehen neue Bürogebäude und Wohnhäuser mit ausladenden Dachterrassen und Balkonen. Der öffentliche Nahverkehr ist gut organisiert. Es fahren Busse durch die Stadt, die auf ein Handzeichen halten und Fahrgäste mitnehmen. Die Busse sind alt, aber ihr Bezahlsystem ist moderner als anderswo. Das Ticket wird mit einer Micropayment-App auf dem Smartphone in Dollar bezahlt, das Restgeld gibt der Busbegleiter in somaliländischen Shilling heraus. Diese Innovationen bringt die Diaspora. Sie hat das Land nach Ausbruch des Bürgerkriegs verlassen und ist heute in der ganzen Welt verteilt. Und da Kommunikation das A und O ist, telefoniert man in Somaliland so billig wie sonst wohl kaum irgendwo: Ein Guthaben von zwei Dollar reicht aus für eine Woche Telefonate im Inland sowie zwei Ferngespräche in die USA und nach Deutschland.

Die Geburtsstunde der somaliländischen Nation datieren die Einwohner auf das Jahr 1884, als das Gebiet zum britischen Protektorat wurde. 1960 wurde Britisch-Somaliland in die Unabhängigkeit entlassen – um fünf Tage später mit Italienisch-Somalia im Süden zum Staat Somalia vereint zu werden.

In den 1980er Jahren regte sich im heutigen Somaliland zunehmend Widerstand gegen die Benachteiligung der Region durch das Regime Siad Barres in Mogadiscio. Der Diktator schickte kurzerhand Regierungssoldaten und liess Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder am Stadtrand von Hargeisa erschiessen. 1988 befahl er, die Stadt mit Luftangriffen dem Erdboden gleichzumachen. Nur wenige hielten es noch aus, die meisten flohen oder starben.

Ein Vierteljahrhundert später kehren die Menschen langsam zurück. Wegen der Heimkunft der Diaspora gibt es im Augenblick viel in der Gesellschaft zu verhandeln: Wie viel Einfluss hat die Religion? Wie viel die Clans? Welche Rechte haben Frauen? Gerade sorgten junge unverheiratete Männer für Aufsehen. Da eine Hochzeit und die Ausstattung der Braut nach lokaler Tradition noch immer eine kostspielige Angelegenheit sind, die so manche Heirat verhindern, posierten sie mit Plakaten, auf denen zu lesen war: «Still I am single» – Ich bin noch immer Single.

Ein so ungewöhnliches wie wichtiges Forum für die Diskussion über solche gesellschaftspolitischen Fragen ist die Buchmesse – die Hargeisa International Book Fair, die im August bereits zum achten Mal stattfand. Autoren, Wissenschafter, Architekten, Filmemacher und Fotografen aus der ganzen Welt reisen an. Wer zum ersten Mal teilnimmt, zeigt sich besonders beeindruckt. Wie etwa der nigerianische Dichter Niyi Osundare , der als Professor für Literaturwissenschaft in New Orleans wirkt: «Sie haben die Bedeutung von Geschichte, Kultur und Literatur für eine Nation verinnerlicht und setzen diese Werte für ihr Ziel ein, endlich anerkannt zu werden.»

Denn Somaliland hat ein Problem: Offiziell existiert das Land gar nicht. Dass es einen Unterschied zwischen Somalia im Süden und Somaliland im Norden gibt , ist nur wenigen bekannt. 1991 hat Somaliland seine Unabhängigkeit von Somalia erklärt. Zunächst liess die Regierung alle Waffen einsammeln, die der Bürgerkrieg im Land zurückgelassen hatte. Dann schloss man die Grenzen zu Somalia und kontrolliert sie seitdem streng. «Die Sicherheit steht an erster Stelle, dann kommt die Entwicklung der Infrastruktur», sagt Suleiman Jama Dirie, Staatssekretär im Finanzministerium. 250 Millionen Dollar betrug der Staatshaushalt im vergangenen Jahr. Das ist nicht viel für ein Land mit geschätzten drei Millionen Einwohnern.

Die internationale Staatengemeinschaft hat Somaliland bis heute nicht anerkannt, obwohl die junge Nation seitdem unter Beweis stellt, dass es möglich ist, mit knappen Mitteln und wenig Hilfe von aussen ein Staatswesen führen. Die besten diplomatischen Beziehungen pflege man einstweilen zu den Nachbarn Äthiopien und Djibouti sowie zur ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien, erklärt der Industrieminister Shucayb Maxamed Muuse. Wie auch er sind die meisten Angestellten in den Ministerien aus dem Ausland zurückgekehrt. Konflikte bleiben da aber nicht aus. Die Einheimischen werfen den Rückkehrern vor, mit kolonialen Einstellungen zurückzukommen und das, was seit der Staatsgründung bereits gewachsen ist, nicht zu respektieren.

Das Land ist noch jung. Doch was die Menschen bereits seit Jahrhunderten verbindet, ist ihre Kultur, die das Fundament der Nation bildet. Viele Geschichten und Gedichte, die als Neuerscheinungen auf der Buchmesse vorgestellt werden, sind den Lesern bereits bekannt. Sie wurden seit Generationen mündlich überliefert, so wie etwa der Stoff von Cilmi Boodharis «Caashaqisii», einer Liebesgeschichte aus der Hafenstadt Berbera.

Die sechstägige Buchmesse ist das grösste Ereignis des Jahres. Ihre Organisatoren, Ayaan Mahamoud und Jama Musse Jama, bleiben lieber im Hintergrund, sagen, dass sie lediglich eine Plattform schaffen wollen, um die richtigen Menschen zu vernetzen. Doch die Schwerpunkte der letzten Jahre scheinen aufs Engste mit der Entwicklung des Landes verbunden. Sie lauteten bisher etwa Freiheit, Zensur, Staatsbürgerschaft oder kollektives Gedächtnis. Das diesjährige Motto heisst «Räume».

An einer Seite des Saales im Guleed Hotel, in dem die Buchmesse stattfindet, stellt die englische Dokumentarfotografin Alison Baskerville Bilder von der Bergung der Toten aus den Massengräbern am Stadtrand von Hargeisa aus. Baskerville hat festgehalten, wie die menschlichen Überreste in Pappkartons verstaut wurden. An den Büchertischen wird indessen gelesen und gekauft.

Dann hebt im Saal plötzlich ein Raunen an, und ein paar Sekunden später bricht das Publikum in Jubel aus. Ein zerbrechlich wirkender alter Mann wird nach vorne geführt: Hadraawi. Seine Gedichte kennt jeder in Somalia und Somaliland. Sie handeln vom Erbe des nomadischen Lebens, von Krieg und dem Wunsch nach Frieden. Für die Verbreitung zweier regimekritischer Gedichte sass Hadraawi von 1973 bis 1978 im Gefängnis. Noch immer setzt sich der heute 72-Jährige für den Frieden ein: Im Sommer 2003 organisierte er einen Friedensmarsch durch die beiden Länder, der zu einer besseren Verständigung beitragen sollte.

Auf dieser Buchmesse spricht der Dichter infolge einer Krankheit nicht, dafür aber Edna Adan Ismail, die inoffizielle First Lady Somalilands. Die 78-Jährige war die erste Aussenministerin, gründete in Hargeisa ein Krankenhaus und eine Universität. Sie spricht über Frauenrechte, und was sie zu sagen hat, macht deutlich, dass Frauen in Somaliland einstweilen alles andere als gleichberechtigt sind. «Eine Ehe ist eine Partnerschaft und keine Eigentumsverfügung», sagt sie zum Beispiel, oder «Warum sehe ich immer Frauen, die sich in diese Khomeiny-Zelte kleiden?». Besonders die Zahl der Vergewaltigungen habe in den letzten Jahren drastisch zugenommen, weiss Adan aus ihrer Arbeit zu berichten.

«Jeder Mensch braucht Platz», sagt Edna Adan Ismail dann und kommt damit auch auf den thematischen Schwerpunkt der Buchmesse zurück. «Emotionalen, kulturellen, politischen oder persönlichen Raum. Wir müssen ihn dem anderen zugestehen. Nur so kann sich der Einzelne und unserer Land weiterentwickeln.»

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Reportagen

Somaliland 2015

„Warkooban“ ist Somali und bedeutet Kurzmeldungen.

Blog von der Reise nach Somaliland im August 2015:

https://michaelamariamueller.wordpress.com/author/michaelamariamueller/

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Interviews

Interview Mahi Binebine über Aktivismus und Kultur

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12. April 2016

Mahi Binebine sprach in seinen Romanen früh die Missstände in seiner Heimat Marokko an, aber eines Tages genügte ihm das Schreiben nicht mehr. Er erzählt vom Einsatz für benachteiligte Jugendliche.

Sie sind erfolgreicher Künstler und Aktivist. Ist das schwer zu vereinbaren?

Ich hasse es, Aktivist zu sein (lacht). Ich komme nicht zum Arbeiten. Alle zwei Jahre schreibe ich einen Roman, dazu mache ich zehn oder zwanzig Ausstellungen pro Jahr. Es gibt Parallelen, aber auch einen grossen Unterschied zwischen den beiden Rollen. Ich setze mich in meiner Kunst zwar mit Migration oder den Ursachen von Terrorismus auseinander, doch jetzt kann ich zum ersten Mal wirklich Menschen helfen.

In Ihren Büchern behandeln Sie gesellschaftspolitisch relevante Themen, lange bevor sie die Öffentlichkeit erreichen. In «Kannibalen» beschrieben Sie 2003 das Schicksal von Migranten, die die Überfahrt mit dem Boot von Marokko nach Spanien riskieren. In «Die Engel von Sidi Moumen» setzten Sie sich 2008 mit der Radikalisierung benachteiligter Jugendlicher auseinander.

Ja. Ich habe trotzdem das Gefühl, hinterher zu sein. Nach den Attentaten von Casablanca im Jahr 2003 war das ganze Land in Schockstarre. Niemand in Marokko hatte bis dato mit Terrorismus gerechnet. Wir dachten, wir leben in einer gesunden Gesellschaft. Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass ich Sidi Moumen nie vorher gesehen hatte. Es grenzt an eine Autobahn und liegt hinter einer grossen Mauer. Man sah nichts davon. Nichts. Eine versteckte Stadt mit 300 000 Einwohnern. Das sind viele Menschen, nicht wahr? Aber es ist ein Slum. In der Mitte liegt ein riesiger Müllhaufen. Ich habe mein Land nicht wiedererkannt. Das Bild, welches ich nie vergessen werde: Die Kinder spielen auf der Müllhalde Fussball. Als ich sie sah, dachte ich, sie werden die Helden meines nächsten Romans.

Das Buch wurde von dem marokkanischen Regisseur Nabil Ayouch verfilmt.

Wir arbeiteten mit jungen Laienschauspielern aus Sidi Moumen. Für die Zeit der Dreharbeiten brachten wir sie in einem Appartement in Casablanca unter. Sie bekamen gutes Essen, Kleider und konnten duschen. Als das Ende der Dreharbeiten näher kam, fragte mich Nabil: «Was machen wir jetzt mit den Kindern?» Ich sagte: «Keine Ahnung.» Wir sprachen viel und beschlossen dann, etwas für die Kinder und Jugendlichen zu tun.

Was haben Sie unternommen?

Ich setzte mich mit Malerkollegen aus der ganzen Welt in Verbindung und bat sie, ein Werk für eine Versteigerung zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich zum Teil um recht bekannte Künstler. Wir erhielten fast hundert Bilder und nahmen damit eine Menge Geld ein. Dann trafen wir uns mit dem Bürgermeister von Sidi Moumen. Wir baten ihn um ein Grundstück. Nach einer Stunde Gespräch überliess er uns viel mehr als das: Er gab uns das bereits bestehende Kulturzentrum mit über 2000 Quadratmetern Fläche, für das es aber keine Gelder gab. Wir konnten mit unserer Arbeit beginnen. Mittlerweile ist auch die langfristige Finanzierung gesichert.

Was bieten Sie dort an?

Pro Woche bieten wir derzeit 85 Kursstunden an: Theater für unterschiedliche Altersstufen, Ballett, Hip-Hop, Klavierunterricht, Fotokurse oder Business-Englisch für Erwachsene. In unserem Zentrum in Sidi Moumen sind 400 Kinder und Jugendliche registriert, aber es kommen doppelt so viele und nehmen die Angebote wahr.

Wenn Sie etwa an die Lebenssituation der Menschen in den Vororten von Paris denken und sie mit Casablanca vergleichen, gibt es da Gemeinsamkeiten?

Die Regierungen haben ähnliche Fehler gemacht. Länder wie Frankreich oder Italien haben in den 1950er und 1960er Jahren sozialen Wohnungsbau am Stadtrand gefördert. Sie haben nicht daran gedacht, dass sie damit die Menschen dort ausschliessen. Im Verlauf haben sich manche Vorortsiedlungen zu rechtsfreien Räumen entwickelt, in denen Gewalt ein probates Mittel ist, sich durchzusetzen. Wir bekommen jetzt die Quittung für das, was wir in den letzten Jahren versäumt haben.

Können Sie beschreiben, wie die Radikalisierung bei den Jugendlichen in den marokkanischen Bidonvilles abläuft?

Nach den Attentaten habe ich mit einem Journalisten, der aus Sidi Moumen stammt, viel Zeit dort verbracht. Ich habe mit den Familien und Freunden der Attentäter gesprochen. Sie erklärten es mir: Die Islamisten gehen langsam an die Kinder heran. Sie holen sie aus dem Müll heraus. Sagen ihnen, dass sie sauber sein sollen, und geben ihnen eine Unterkunft, wo sie sich waschen können. Und sie bekommen zu essen.

Das ist es, was jeder will.

Ja. Dann nehmen sie die Kinder mit in die Moschee, wo sie fünfmal am Tag beten und den Koran studieren. So sind sie erst einmal von ihren alten Freunden und ihrer Familie entfernt – und Teil der anderen Gemeinschaft. Sie verschaffen ihnen Arbeit. Und dann im letzten Schritt kommt die Radikalisierung. Die Islamisten zeigen ihnen Videos von Attentaten, die sie mit Verschwörungstheorien verbinden: von vermeintlichen Juden, angeblichen amerikanischen Imperialisten und dem armen Araber als Opfer. Dabei glorifizieren sie die Terroristen und sagen gleichzeitig: «Du bist auserwählt.» Von da an ist es einfach. Es braucht zwei Jahre, um eine menschliche Bombe zu erschaffen. Das ist nicht viel. Wenn ein Kind mit 14 Jahren angeworben wird, kann es mit 16 bereit sein, sich in die Luft zu sprengen.

Wie ist es dazu gekommen?

In den 1970er Jahren Geld aus den Golfstaaten anzunehmen, war ein Fehler. Es brachte zwar Universitäten und Krankenhäuser, aber auch den Wahhabismus ins Land, der nun Fuss gefasst hat. Trotzdem sind die Islamisten nicht die schlechten Söhne des Arabischen Frühlings. Sie sind letztlich das Erbe der Misswirtschaft der Diktatoren in den vergangenen Jahrzehnten.

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Wir wollen den Jugendlichen einen Raum geben, in dem sie sich entwickeln können. Wir wollen den islamistischen Terror, der seinen Ursprung in den Elendsquartieren hat, mit Kultur bekämpfen. Die religiöse Mafia benutzt die Religion, um Menschen von ihrer Sache zu überzeugen. Wir nehmen die Kultur, um ihnen zu zeigen, dass sie falsch liegen. Auch die Lebensumstände müssen sich ändern. Es geht nicht, dass jemand aus der Bourgeoisie einen Fahrer, eine Hausangestellte beschäftigt und mit 150 Euro im Monat entlohnt.

Das klingt vielleicht abstrakt, aber haben wir eine gemeinsame Aufgabe?

Ja – uns für den Frieden einzusetzen. Aber die Sprache des Terrorismus ist effizient. Nach den Anschlägen von Casablanca 2003 kamen praktisch keine Touristen mehr. Die Terroristen entziehen uns somit die Lebensgrundlage. Man kann nichts gegen einen Mann machen, der mit einem Sprengstoffgürtel sterben will. Das ist der Unterschied zum Krieg. Im Krieg will niemand sterben. Die Soldaten an der einen Front nicht und die an der anderen auch nicht. Terrorismus stellt das auf den Kopf. Die einzige Waffe, die wir gegen sie haben, ist die Kultur. Das Leben ist besser als der Tod.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Wir eröffnen im Laufe des Jahres weitere Zentren: in Tanger, Fez und Ouarzazate. Die Bidonvilles sind der Ort, an dem die Islamisten arbeiten. Wir stellen gerade ein und lernen die neuen Mitarbeiter in Sidi Moumen an.