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Allgemein Reportagen

70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau

Millionen von Menschen aus aller Welt haben in den vergangenen 70 Jahren das ehemalige Konzentrationslager Dachau besucht. Die Bewohner der Kleinstadt hingegen mieden lange Zeit die Gedenkstätte vor der Haustür. Eine Dachauerin zieht Schlüsse.

Am 29. April 1945 befreiten Soldaten der US-Armee das Hauptlager des Konzentrationslagers Dachau. Zwei Wochen zuvor hatte Heinrich Himmler die „Totalevakuierung“ angeordnet. Auch in Dachau hatten die SS-Wachmannschaften begonnen, das Lager zu räumen und die Häftlinge auf Todesmärsche zu schicken. Wer in der Bevölkerung bis dahin noch nicht gewusst hatte, was im Osten der Stadt vor sich ging, sah es jetzt: Aus den Toren des Lagers kamen ausgemergelte Gestalten, die gezwungen wurden, zu marschieren. Viele von ihnen in den Tod, unfassbar sinnlos, wenige Tage vor Kriegsende.

Dachau ist meine Heimatstadt. An dem Bauernhof meiner Familie führte ihr Weg nicht vorbei. Aber meine Großmutter sah sie. „Arme Deife“, sagte sie über die halbtoten Häftlinge. Arme Teufel. Sie gab ihnen Milch. Auch ihr Mann, mein Großvater, war damals ein armer Teufel, an einem anderen Ort. Er kam vier Jahre später zurück, von der Arbeit in einem Kohlebergwerk in Polen, einem Kriegsgefangenenlager, wo er als ehemaliger Soldat der Wehrmacht inhaftiert war. Auch er ging zu Fuß, angewiesen auf die Menschen auf seinem Weg, um zu überleben. Als er endlich zu Hause ankam und in die Stube trat, erkannte ihn seine Frau nicht mehr.

Vor 70 Jahren hat der Krieg millionenfach Menschen entwurzelt und vertrieben. Flüchtlingsströme zogen über den Kontinent. Sie waren auf der Suche nach ihrer alten oder einer neuen Heimat. Europa war in Bewegung. Man kann und muss es sogar vergleichen: Mein Großvater teilte auf seinem Rückweg das gleiche Schicksal der Menschen aus Syrien und Afrika, die heute vor dem Wahnsinn der Kriege in ihrer Heimat auf der Flucht sind. Dass er Soldat war, hatte er sich nicht ausgesucht. Zum Desertieren, um das ihn meine Großmutter bat, hatte er keinen Mut gehabt.

Erst vor einiger Zeit habe ich begriffen, dass mein Vater fünf Jahre alt war, als er seinen Vater das erste Mal sah. Aber so ist das mit der Erinnerung. Je traumatischer das Erlebte, umso schwerer für die Betroffenen, darüber Auskunft zu geben: Teil einer Über- und Weiterlebensstrategie.

Ich verbrachte die Kindheit mit meinem Großvater auf dem Bauernhof. Umgangsformen waren ihm wichtig. Sie gaben ihm seinen Stolz zurück. Ich besuchte die örtliche Realschule. Meine Lehrer mochte ich. Besonders den Geschichtslehrer. Wir waren selten einer Meinung, respektierten uns aber. Manchmal diskutierten wir eine ganze Schulstunde: über Gleichberechtigung oder die CSU. Doch als wir in der 10. Klasse kurz vor den Abschlussprüfungen die Klarsichtfolien zum Nationalsozialismus abschrieben, machte er keinen Unterschied. Es machte keinen Unterschied. Wie in jeder Stunde warf der Overheadprojektor die Folien an die Wand: Weimarer Republik, Machtergreifung, Aufstieg und Fall des Regimes Adolf Hitlers, aufgeschrieben mit immer gleichen Stiftfarben: rot, grün, schwarz, nur manchmal blau. Wir übertrugen sie sorgfältig in unsere Hefte, bis der Unterricht endete.

Das ehemalige Konzentrationslager war indessen nur fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Wir haben es nie besucht. Keiner unserer Lehrer und Lehrerinnen hat es je als Bildungsauftrag angesehen, mit uns in die Gedenkstätte zu gehen. Vielleicht lag es zu nah für den ganztägigen Schulausflug, den der Lehrplan vorsah.

Dabei sahen wir täglich die Besucher am Bahnhof stehen, die sich in den Bus drängten. Eine Million Menschen pro Jahr. Sie kamen aus der ganzen Welt und wollten wissen, wie der Ort aussah, an dem das Unheil seinen Lauf genommen hatte. Aber in der Stadt wollte man nicht auf diesen Teil der Vergangenheit reduziert werden. „Was konnten die Stadt und ihre Menschen dafür, dass das erste Konzentrationslager der Nationalsozialisten hier errichtet wurde?“, fragten sie. Auf Linie war, wer schwieg. Das war 1990. So ist die Erinnerung auch, wenn sie einem nahe rückt: eigenwillig und egoistisch.

Meine Heimatstadt verhielt sich wie die Verwandten in Harald Welzers Buch „Opa ist kein Nazi“. Sie sitzen mit dem Großvater in einer Runde. Er berichtet von dem, was er im Krieg verbrochen hat. Als man die Familienmitglieder danach befragt, was am Tisch Gespräch war, vermag sich niemand mehr an die Schilderung seiner Verbrechen erinnern. In ihrer Erinnerung hat er es nie erzählt.

Vor einiger Zeit bat ich einen Flüchtling aus Somalia, sein Leben in einem Brief zu schildern. Er schrieb zwei Seiten, mehr ging nicht, sagte er: über seine Zeit als Kindersoldat, wie seine Kameraden nach einer Autopanne in der Sahara verdurstet und bei der Überfahrt im Mittelmeer ertrunken sind. Es sind nur zwei Seiten, aber vielleicht weiß ich über seine Flucht jetzt mehr als über die Kriegsjahre meines Großvaters.

Was kann Erinnerung, was kann sie nicht? Erinnerung tut weh. Erinnerung braucht Zeit. Wie man sich erinnert, muss jedem selbst überlassen bleiben, denn verordnen kann man sie nicht. Aber es muss immer Raum für sie geben. Erinnerung kann Dinge verhindern. Sie trennt Menschen und kann Menschen auch zusammenführen, über Grenzen, Religionen und Sprachen hinweg.

Sich erinnern ist schwer. In Dachau hat es Generationen gedauert, bis die Menschen dazu in der Lage waren. Ich war neunzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Gedenkstätte besuchte. Allein. Das musste der richtige Moment für mich und meine Erinnerung gewesen sein.

Heute, 2015, regiert in Dachau nicht mehr das Schweigen. Jetzt reden die Menschen über das Lager. Im November 2014 wurde das eiserne Tor gestohlen, in das der Satz „Arbeit macht frei“ geschmiedet war. Ein Kunstschlosser aus dem Landkreis hat eine Kopie angefertigt. Aber wichtiger war: Die Dachauer tauschten sich darüber aus, was zu tun sei, wogen das Für und Wider ab: Ein neues Tor? Den Eingang einfach leer lassen? Mit der Arbeit eines Künstlers auf den Diebstahl hinweisen? Das Gespräch ist, was zählt.

Neben dem Bauernhof meiner Familie steht die alte Dorfschule. Dort sind seit einiger Zeit Flüchtlinge aus Syrien untergebracht. Wahrscheinlich waren sie in der Hölle des Bürgerkriegs nur Opfer, nicht Täter. Eine dreiköpfige Familie aus Damaskus hat es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Nachmittag gegen halb fünf einen Spaziergang zu machen. Auf der Straße einmal zum Wald und zurück. Als ich an Ostern zu Besuch war, kamen sie zu uns in den Stall, die Tiere ansehen. Mit der Verständigung ist es noch schwer. Das Mädchen begann, die kleinen Kälber zu streicheln und vergaß einen Moment die Welt um sich herum, wie Kinder es eben tun.

http://blogs.faz.net/10vor8/2015/04/27/dachau-ist-ueberall-4420/

Erschienen im FAZ-Blog „10 vor 8“ am 27. April 2015

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Interviews

Interview mit Ben Ralwence über Dadaab

Dadaab im Norden Kenias ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Im April drohte die kenianische Regierung erneut damit, das Lager zu schließen und die Bewohner in ihre Heimatländer abzuschieben. Der Autor und ­Menschenrechtsexperte Ben Rawlence hat die Geschichte des Lagers recherchiert.

Das kenianische Flüchtlingslager Dadaab ist etwa so groß wie Nürnberg. Derzeit leben dort rund 400.000 Menschen, überwiegend ­somalische Bürgerkriegsflüchtlinge. Warum haben Sie sich entschieden, ein Buch über Dadaab zu schreiben?
Weil die Menschen, die dort leben, vom Rest der Welt fast vergessen sind – was ein Skandal ist. Und weil ich neugierig war. Es ist unglaublich, wie diese Wüstenstadt, die es auf keiner Landkarte gibt, funktioniert: Es gibt dort eine Fußballliga, Kinos, Wahlen, Märkte, Schulen, Krankenhäuser.

Kenias Regierung droht immer wieder, das Flüchtlingslager zu schließen. Geht das überhaupt?
Es wäre ein unvorstellbar schwieriges Unterfangen. Wie wollen Sie eine Stadt dieser Größe auflösen? Dazu braucht man das Militär und Tausende Fahrzeuge und Planierraupen. Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Aber ich kann mir vorstellen, dass die kenianischen Behörden den Menschen dort das Leben noch schwerer machen werden.

Wie denn?
Sie könnten zum Beispiel in Dadaab das Wasser abstellen. Das wäre ein schreckliches Verbrechen, aber sie könnten das machen. Außerdem haben die Hilfsorganisationen aufgrund der Drohungen der Regierung keine Planungssicherheit mehr. Und wenn sie nicht planen können, müssen sie irgendwann ­aufgeben.

Wie ist derzeit die Situation in Dadaab?
Viele Menschen werden gehen. Es gibt kein Essen mehr. Seit einem Jahr bekommen die Bewohner 30 Prozent weniger Nahrungsmittel zugeteilt, weil das Welternährungsprogramm nicht genug Geld hat. Es ist schon jetzt eine schreckliche Situation.

Was steckt dieses Mal hinter der Ankündigung, das Lager schließen zu wollen?
Für mich steht das in Zusammenhang mit dem Humanitären Weltgipfel, der im Mai in Istanbul stattfand, und mit dem EU-Türkei-Abkommen. Kenia hat gesehen, dass die Türkei drei Milliarden Euro zugesichert bekommen hat, um Flüchtlinge zu versorgen. Die Regierung feilscht um Geld.

Sie haben in Ihrem neuen Buch „Stadt der Verlorenen“ neun Bewohner des Lagers porträtiert. Sind Sie noch in Kontakt mit ihnen und ihren Familien?
Ja, mit allen.

Wie reagieren die Bewohner auf die Bedrohung ihres Zuhauses?
Sie haben Angst. Der kenianische Staat stellt eine Bedrohung für sie dar. Um die Räumung vorzubereiten, wurde die Dienststelle für Flüchtlingsangelegenheiten im Lager geschlossen. Das heißt, die Menschen können keine Reiseerlaubnis mehr beantragen. Die benötigen sie aber, um eine Universität zu besuchen oder sich in einem Krankenhaus in Nairobi behandeln zu lassen. Wer eine Operation benötigt, ist also gefangen. Im Krankenhaus von Dadaab sterben Menschen, weil sie nicht verlegt werden dürfen.

Warum hat Kenia diese Menschen nie als Chance betrachtet?
Diese Frage könnten Sie auch der Europäischen Union stellen: Warum sieht sie Flüchtlinge nicht als Menschen, Wirtschaftsfaktor, Steuerzahler? Europa braucht 50 Millionen Einwanderer bis zum Jahr 2050, um den Lebensstandard halten zu können. Ich verstehe nicht, warum weder Kenia noch die EU ­diese Menschen als Chance begreifen. Das wäre die rationale Betrachtungsweise. Aber die politische Debatte wird nicht rational, sondern emotional geführt. Man diskutiert darüber, wer wir sind, für was wir uns halten und wer die anderen sind. Das vermischt sich mit der Angst vor Terrorismus, die alles vergiftet. Wir sind als Gesellschaft verloren, wenn wir uns dieser Angst hingeben.

In zahlreichen EU-Staaten ist derzeit nicht von mehr Hilfe für Flüchtlinge, sondern von Obergrenzen die Rede.
Es geht bei der Flüchtlingskrise nicht um Zahlen. Wir können das bewältigen, wenn wir es wollen. Es handelt sich vielmehr um eine Identitätskrise Europas, weil wir nicht in der Lage sind, Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Meine Sorge wächst, weil wir uns immer stärker mit einer Nation identifizieren anstatt mit einem Staat. Wir müssen uns für den Staat entscheiden, nicht für die Nation. Und dann im nächsten Schritt für die Gemeinschaft der Staaten: die Europäische Union. Wenn wir hingegen den Weg weiterverfolgen, den wir jetzt eingeschlagen haben, gehen wir in eine dunkle Richtung.

Die Menschenrechte von Flüchtlingen werden immer stärker eingeschränkt. Das beweist auch das EU-Türkei-Abkommen …
Manche Menschen sagen, dass die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 tot ist. Vielleicht stimmt das, weil wir seit Jahren hinnehmen, dass die Menschenrechte immer mehr eingeschränkt wurden. Das Lager von Dadaab und die Lebensbedingungen, die dort seit 25 Jahren herrschen, sind an sich schon ein Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention: Man setzt die Menschen an einem Ort fest, sie können nicht weg, sie können nicht arbeiten und man gibt ihnen nicht genug zu essen. Doch die reichen Länder verhalten sich nicht viel besser, wie wir jetzt in Europa überrascht feststellen konnten. Die Entschuldigung der Entwicklungsländer lautet: Wir sind arm, wir können uns keine Menschenrechte leisten. Aber Europa kann das nicht sagen.

Sie verweisen in Ihrem Buch auf einen somalischen Begriff, der in Dadaab entstanden ist: „Buufis“ bedeutet gleichzeitig Hoffnung und Verzweiflung. Weiß man, wie hoch die Selbstmordrate ist?
Sie ist sehr hoch und das ist ein großes Problem. Viele Schülerinnen und Schüler, die kein Stipendium für Kanada bekommen, nehmen sich das Leben. Denn nur die besten zehn Prozent eines Abschlussjahrgangs der Sekundarschule bekommen ein Stipendium. Wenn eines dieser klugen Kinder es nicht schafft, sehen sie oft keine andere Lösung. Ihr ganzes Leben war darauf ausgerichtet, sie hatten nichts anderes vor Augen, es war ihr größter Traum.

Gleichzeitig ist es überraschend, was diese Menschen leisten …
Ja, sie leisten eine Menge. Die Gemeinschaft ist sehr stark. Auch wer es geschafft hat, das Lager zu verlassen und sich im Ausland ein neues Leben aufzubauen, vermisst diese Gemeinschaft. Ich habe vor einigen Jahren in Nordschweden vier junge Männer getroffen, die aus Dadaab stammen. Sie träumten ­davon, das Lager wieder zu besuchen.

Sie schreiben, die Bewohner des Lagers würden Sympathisanten der islamistischen Terrormiliz Al-Shabaab ablehnen.
Ja, sie wollen nichts mit Al-Shabaab zu tun haben. Trotzdem wirft ihnen die kenianische Regierung immer wieder vor, sie seien für den Terrorismus im Land verantwortlich.

Sollte man weiter korrupten Regierungen Geld geben oder es lieber direkt den NGOs zukommen lassen, damit es auch dort landet, wo es gebraucht wird?
Das Problem ist: Die Regierungen sind der Türöffner. Nur mit ihnen kann man Zugang zu den Flüchtlingen bekommen. Doch manche dieser Regierungen sind auch der Grund, warum Menschen fliehen. Sie sind Kriminelle – und gleichzeitig kommt man nicht an ihnen vorbei. Wenn sie mehr Geld bekommen, ­haben sie noch mehr Mittel, um ihre Bevölkerung zu unter­drücken. Eigentlich vergrößert man die Not damit nur. Doch es gibt keine Alternative. Es ist verrückt.

Ben Rawlence
Ben Rawlence, geboren 1974, ­arbeitete als Menschenrechts­beobachter unter anderem für „Human Rights Watch“. Als ­Journalist verfasst er regelmäßig Beiträge für die BBC, „The Guardian“ und die „London Review of Books“. Ben Rawlence lebt mit seiner Familie in Wales. Sein Buch „Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt“ ist 2016 im Hanser Verlag erschienen.

Erschienen im Amnesty Journal, August 2016

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Reportagen

Zum Sondergipfel in Malta. Die Währung muss Bildung heißen

Erschienen in der Serie „10 nach 8“ bei Zeit Online am 13. November 2015.

Europa muss endlich erkennen, was Afrika wirklich braucht. Einmal mehr aber wird nur versucht, den Kontinent zu kaufen, anstatt in die Zukunft der Frauen zu investieren.

17 Seiten umfasst der Aktionsplan, den 60 europäische und afrikanische Staats- und Regierungschefs gerade auf einem Sondergipfel in Malta verfasst haben. Was sich in diesem Plan allerdings spiegelt, ist das Resultat eines europäischen Monologs. Durchgesetzt haben sich diejenigen, die auf Kontrolle und Abwehr setzen.

Dabei wären gerade zwei andere Einsichten wichtig gewesen: Afrika braucht Europa für seine Zukunft weniger, als Europa glaubt. Und Afrika braucht seine Frauen. Wer in sie investiert, investiert in Afrikas Zukunft.

Die 1,8 Milliarden Euro des Treuhandfonds, die EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach Malta mitgebracht hatte, könnten viel bewirken. Doch das Ergebnis des Gipfels erscheint in einem anderen Licht: Der Kontinent sollte wieder einmal gekauft werden. Eine zentrale Forderung Europas war, dass die afrikanischen Staaten illegal nach Europa eingereiste Flüchtlinge wieder zurücknehmen. Wie das gehen soll und wie viel der Mittel davon für die geplanten Abschiebungen eingesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist: So löst Geld keine Probleme.

In Europa ist man sich derweil noch nicht einmal einig darüber, welche Staaten als sichere Herkunftsländer gelten und welche nicht. Seit 1999 versuchen die Länder, sich auf eine gemeinsame Liste zu verständigen. Ach ja, nur 12 der 28 EU-Mitgliedsstaaten führen überhaupt eine. Dass jede anders aussieht, versteht sich von selbst. Ghana etwa ist so ein Fall: Für Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Malta ist es ein sicheres Herkunftsland; alle anderen definieren Ghana als unsicher. Großbritannien und Luxemburg machen zudem einen Unterschied bei den Geschlechtern: Für Männer sei Ghana ein sicheres Herkunftsland, nicht aber für Frauen. Es ist Großbritannien, das bei der Feststellung „sicherer/unsicherer Herkunftsstaat“ häufiger als die anderen EU-Länder nach Geschlechtern unterscheidet: In England können nur Frauen aus Gambia, Ghana, Liberia, Malawi, Mauritius und Sierra Leone Asyl beantragen. Die Gründe hierfür sind divers; dazu zählt unter anderen die Gefahr, als Mädchen und Jugendliche an den Genitalien verstümmelt zu werden. Festzuhalten bleibt: Wer nun wen wohin zurückschickt, dürfte in Zukunft für einige Irritationen sorgen.

Derzeit stammen nur 20 Prozent der Menschen, die in Europa Asyl beantragen, vom afrikanischen Kontinent. Und davon ist wiederum nur ein Viertel weiblich. Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zeigt etwa: Die Massenabwanderung aus der Diktatur in Eritrea hält unvermindert an. Im vergangenen Jahr waren nur 20 Prozent der eritreischen Staatsbürger, die Deutschland erreichten, Frauen. Auch aus vielen Regionen Somalias fliehen noch immer Menschen. Aber nur 27 Prozent derjenigen, die in Deutschland ankommen, sind Frauen.

Die Zahlen zeigen: Afrikas Frauen sind zumeist Binnenflüchtlinge. Die allerwenigsten kommen nach Europa. Sie leben in Camps wie im kenianischen Dadaab oder im äthiopischen Dolo Ado. Manche von ihnen seit über 20 Jahren. Andere sind sogar schon dort geboren. Den ältesten Töchtern obliegt oft die Aufgabe, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern, Zeit für einen Schulbesuch bleibt kaum. Schulbesuche sind ohnehin nur möglich, wenn Geld vorhanden ist. Das ist manchmal der Fall, meistens aber nicht. Dabei könnten diese Mädchen es sein, die die Basis für einen Mittelstand bilden. Vielleicht nicht in dieser Generation, aber in der nächsten. „If you teach a girl, you teach a nation„, heißt es. Das gilt genauso für die Mädchen in den Slums von Nairobi oder in Townships von Johannesburg.

Nach einem Schulabschluss folgt dann idealerweise eine berufliche Qualifizierung als Fachkraft. Oder sogar ein Studium. In diesem Punkt ist Europa wirklich gefragt. Wenn Europa Afrika etwas zu geben hat, dann ist es Bildung. Das war auch eine der zentralen Forderungen der afrikanischen Staatschefs in Malta: der bessere Zugang zu Austauschprogrammen und Stipendien für Studenten. Auf dem Sondergipfel wurde eine Verdoppelung der Plätze des Erasmus+-Programms für Forscher und Studenten beschlossen. Das ist eine gute Sache.

Und Europa sollte gut zuhören. In Somaliland am Horn von Afrika etwa zeichnet sich eine bedenkliche Entwicklung ab: Um seine Grenzen gegen ein Eindringen der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab zu sichern, reißt der Posten des Verteidigungshaushaltes das größte Loch in das ohnehin schmale Budget. Für Bildung bleibt nur wenig übrig. Die privaten Schulen, die dort eröffnen, werden vom Ölstaat Kuweit finanziert werden. Dass im Lehrplan nicht vorgesehen ist, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass Mädchen später gleichberechtigte Partner neben ihrem Ehemann sind, kann man sich leicht ausrechnen.

Der Präsident des europäischen Rates, Donald Tusk, erklärte zudem, dass nun vereinbart wurde, gemeinsam in Niger ein Investigationsteam gegen Menschenhandel einzusetzen. Ein Pilotprojekt. Das ist ein wichtiger Schritt. Allein im Nachbarstaat Nigeria sind über zwei Millionen Menschen vor der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram auf der Flucht. Viele von ihnen stranden in Agadez, dem nigrischen Drehkreuz für Flüchtlinge und Schleuser. Dort blüht auch die Prostitution mit jungen Frauen. Sie sind Menschenhändlern gefolgt, die ihnen versprochen haben, dass ihnen als Gegenzug für die Arbeit als Dienstmädchen in einem europäischen Haushalt ein Schulbesuch finanziert werde. Keine von ihnen kommt je dort an. Aber der Wunsch nach einer besseren Zukunft und Bildung hat sie aufbrechen lassen.

Europa überschätzt seine Rolle in Afrika. Es sollte lernen, auf Augenhöhe zu diskutieren. Es geht darum, mit den richtigen Menschen den Dialog zu suchen und Netzwerke zu bilden: mit Aktivisten, Intellektuellen und Künstlern. Sie wissen am ehesten, was der Kontinent kann, wie man Korruption bekämpft, die manche Staatsapparate zersetzt und letztlich die Menschen schwächt.

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Bücher

Auf See

Erschienen im Frohmann Verlag im Mai 2016, bestellbar u.a. im Ecobookstore.

„Das Buch – eine der wichtigsten Neuerscheinungen dieses Jahres – erzählt zwei Geschichten eines Untergangs. Es ist nicht der Untergang, der täglich in der Zeitung steht, das Ertrinken der Flüchtlinge, die von Schleppern in marode Boote gepresst und auf dem Mittelmeer ihrem Schicksal überlassen werden. Der Untergang, den Michaela Müller in ihrem Buch verhandelt, ist der Lebensweg eines jungen Paares – Ayan und Samir –, der katastrophale Zusammenbruch ihrer Alltagsleben im vom Bürgerkrieg zerstörten Somalia. Das ist etwas, wovon kaum ein deutscher Leser je etwas erfährt, das aber entscheidend ist, um das Ausmaß des Unglücks zu verstehen: Niemand „ist“ Flüchtling, es gibt nur Menschen auf der Flucht. Müller zeigt, wie Ayan und Samir dazu geworden sind, das heißt, sie macht aus ihren Schicksalen Biografien.“ Christian Bommarius in der Berliner Zeitung.

„Entstanden ist ein Buch, das viele Fragen aufwirft und zu denken gibt. Obwohl die Figuren genügsam gezeichnet sind, gelingt es Michaela Maria Müller, hinter den Flüchtlingen die menschlichen Schicksale hervortreten zu lassen. Und natürlich will sie ihre Leser mobilisieren, auch, wenn sie das nie offensichtlich macht.“ Welf Grombacher in der Rheinischen Post.

„Michaela M. Müller ist mit Auf See, die Geschichte von Ayan und Samir ein gut komponiertes, nicht linear geschriebenes Buch gelungen, um eine Liebe, die nicht stattfinden kann und viele Leben, die nicht stattfinden können. Einfach so. Aus vielen Gründen. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann eine große Verbreitung und angemessene Wahrnehmung für dieses wohlabgewogene Buch. Und nicht zuletzt, eigentlich käme es zuerst: Das Cover ist wunderschön.“ Tania Folaji auf ihrem Blog.

Lesungen: 

Auf der 9. Internationalen Buchmesse in Hargeisa/Somaliland vom 23. bis 28. Juli 2016

3. November 2016, 19 Uhr: Antiquariat Primobuch, Berlin

8. November 2016, 18 Uhr: Buchhandlung LeseGlück, Berlin

16. Februar 2017, 20 Uhr: ORi, Berlin, zusammen mit Jörg Sundermeier („Die Sonnenallee“)

18. Februar 2017, 19.30 Uhr: Neues Rathaus, Wilster

23. Februar 2017, 19 Uhr: Theater Expeditionen Metropolis im Rahmen der Reihe „Unterwegs sein“

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Reportagen

Ein Leuchtturm für Afrika? Somalilands stille Erfolgsgeschichte

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 2. September 2015

Geht es um die Entwicklungsfähigkeit Afrikas, sind negative Beispiele schnell bei der Hand. Ein Land, das kaum jemand kennt, leistet derweil Beachtliches beim zivilgesellschaftlichen Aufbau.

«Das Land ist wie eine weisse Leinwand. Vielleicht vergleichbar mit der postkolonialen Phase in den 1960er Jahren», sagt Joe Addo, ein ghanesischer Architekt, der in Los Angeles das Architecture and Design Museum mitbegründet hat. «In Ghana arbeitet jeder in seiner Nische, hier ist alles offen.» Joe Addo ist nach Somaliland am Horn von Afrika gekommen, um mit jungen einheimischen Architekten über Stadt- und Raumentwicklung zu diskutieren.

Es ist nicht zu übersehen: In der Hauptstadt Hargeisa herrscht Aufbruchsstimmung. An jeder Ecke gibt es Baustellen. Es entstehen neue Bürogebäude und Wohnhäuser mit ausladenden Dachterrassen und Balkonen. Der öffentliche Nahverkehr ist gut organisiert. Es fahren Busse durch die Stadt, die auf ein Handzeichen halten und Fahrgäste mitnehmen. Die Busse sind alt, aber ihr Bezahlsystem ist moderner als anderswo. Das Ticket wird mit einer Micropayment-App auf dem Smartphone in Dollar bezahlt, das Restgeld gibt der Busbegleiter in somaliländischen Shilling heraus. Diese Innovationen bringt die Diaspora. Sie hat das Land nach Ausbruch des Bürgerkriegs verlassen und ist heute in der ganzen Welt verteilt. Und da Kommunikation das A und O ist, telefoniert man in Somaliland so billig wie sonst wohl kaum irgendwo: Ein Guthaben von zwei Dollar reicht aus für eine Woche Telefonate im Inland sowie zwei Ferngespräche in die USA und nach Deutschland.

Die Geburtsstunde der somaliländischen Nation datieren die Einwohner auf das Jahr 1884, als das Gebiet zum britischen Protektorat wurde. 1960 wurde Britisch-Somaliland in die Unabhängigkeit entlassen – um fünf Tage später mit Italienisch-Somalia im Süden zum Staat Somalia vereint zu werden.

In den 1980er Jahren regte sich im heutigen Somaliland zunehmend Widerstand gegen die Benachteiligung der Region durch das Regime Siad Barres in Mogadiscio. Der Diktator schickte kurzerhand Regierungssoldaten und liess Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder am Stadtrand von Hargeisa erschiessen. 1988 befahl er, die Stadt mit Luftangriffen dem Erdboden gleichzumachen. Nur wenige hielten es noch aus, die meisten flohen oder starben.

Ein Vierteljahrhundert später kehren die Menschen langsam zurück. Wegen der Heimkunft der Diaspora gibt es im Augenblick viel in der Gesellschaft zu verhandeln: Wie viel Einfluss hat die Religion? Wie viel die Clans? Welche Rechte haben Frauen? Gerade sorgten junge unverheiratete Männer für Aufsehen. Da eine Hochzeit und die Ausstattung der Braut nach lokaler Tradition noch immer eine kostspielige Angelegenheit sind, die so manche Heirat verhindern, posierten sie mit Plakaten, auf denen zu lesen war: «Still I am single» – Ich bin noch immer Single.

Ein so ungewöhnliches wie wichtiges Forum für die Diskussion über solche gesellschaftspolitischen Fragen ist die Buchmesse – die Hargeisa International Book Fair, die im August bereits zum achten Mal stattfand. Autoren, Wissenschafter, Architekten, Filmemacher und Fotografen aus der ganzen Welt reisen an. Wer zum ersten Mal teilnimmt, zeigt sich besonders beeindruckt. Wie etwa der nigerianische Dichter Niyi Osundare , der als Professor für Literaturwissenschaft in New Orleans wirkt: «Sie haben die Bedeutung von Geschichte, Kultur und Literatur für eine Nation verinnerlicht und setzen diese Werte für ihr Ziel ein, endlich anerkannt zu werden.»

Denn Somaliland hat ein Problem: Offiziell existiert das Land gar nicht. Dass es einen Unterschied zwischen Somalia im Süden und Somaliland im Norden gibt , ist nur wenigen bekannt. 1991 hat Somaliland seine Unabhängigkeit von Somalia erklärt. Zunächst liess die Regierung alle Waffen einsammeln, die der Bürgerkrieg im Land zurückgelassen hatte. Dann schloss man die Grenzen zu Somalia und kontrolliert sie seitdem streng. «Die Sicherheit steht an erster Stelle, dann kommt die Entwicklung der Infrastruktur», sagt Suleiman Jama Dirie, Staatssekretär im Finanzministerium. 250 Millionen Dollar betrug der Staatshaushalt im vergangenen Jahr. Das ist nicht viel für ein Land mit geschätzten drei Millionen Einwohnern.

Die internationale Staatengemeinschaft hat Somaliland bis heute nicht anerkannt, obwohl die junge Nation seitdem unter Beweis stellt, dass es möglich ist, mit knappen Mitteln und wenig Hilfe von aussen ein Staatswesen führen. Die besten diplomatischen Beziehungen pflege man einstweilen zu den Nachbarn Äthiopien und Djibouti sowie zur ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien, erklärt der Industrieminister Shucayb Maxamed Muuse. Wie auch er sind die meisten Angestellten in den Ministerien aus dem Ausland zurückgekehrt. Konflikte bleiben da aber nicht aus. Die Einheimischen werfen den Rückkehrern vor, mit kolonialen Einstellungen zurückzukommen und das, was seit der Staatsgründung bereits gewachsen ist, nicht zu respektieren.

Das Land ist noch jung. Doch was die Menschen bereits seit Jahrhunderten verbindet, ist ihre Kultur, die das Fundament der Nation bildet. Viele Geschichten und Gedichte, die als Neuerscheinungen auf der Buchmesse vorgestellt werden, sind den Lesern bereits bekannt. Sie wurden seit Generationen mündlich überliefert, so wie etwa der Stoff von Cilmi Boodharis «Caashaqisii», einer Liebesgeschichte aus der Hafenstadt Berbera.

Die sechstägige Buchmesse ist das grösste Ereignis des Jahres. Ihre Organisatoren, Ayaan Mahamoud und Jama Musse Jama, bleiben lieber im Hintergrund, sagen, dass sie lediglich eine Plattform schaffen wollen, um die richtigen Menschen zu vernetzen. Doch die Schwerpunkte der letzten Jahre scheinen aufs Engste mit der Entwicklung des Landes verbunden. Sie lauteten bisher etwa Freiheit, Zensur, Staatsbürgerschaft oder kollektives Gedächtnis. Das diesjährige Motto heisst «Räume».

An einer Seite des Saales im Guleed Hotel, in dem die Buchmesse stattfindet, stellt die englische Dokumentarfotografin Alison Baskerville Bilder von der Bergung der Toten aus den Massengräbern am Stadtrand von Hargeisa aus. Baskerville hat festgehalten, wie die menschlichen Überreste in Pappkartons verstaut wurden. An den Büchertischen wird indessen gelesen und gekauft.

Dann hebt im Saal plötzlich ein Raunen an, und ein paar Sekunden später bricht das Publikum in Jubel aus. Ein zerbrechlich wirkender alter Mann wird nach vorne geführt: Hadraawi. Seine Gedichte kennt jeder in Somalia und Somaliland. Sie handeln vom Erbe des nomadischen Lebens, von Krieg und dem Wunsch nach Frieden. Für die Verbreitung zweier regimekritischer Gedichte sass Hadraawi von 1973 bis 1978 im Gefängnis. Noch immer setzt sich der heute 72-Jährige für den Frieden ein: Im Sommer 2003 organisierte er einen Friedensmarsch durch die beiden Länder, der zu einer besseren Verständigung beitragen sollte.

Auf dieser Buchmesse spricht der Dichter infolge einer Krankheit nicht, dafür aber Edna Adan Ismail, die inoffizielle First Lady Somalilands. Die 78-Jährige war die erste Aussenministerin, gründete in Hargeisa ein Krankenhaus und eine Universität. Sie spricht über Frauenrechte, und was sie zu sagen hat, macht deutlich, dass Frauen in Somaliland einstweilen alles andere als gleichberechtigt sind. «Eine Ehe ist eine Partnerschaft und keine Eigentumsverfügung», sagt sie zum Beispiel, oder «Warum sehe ich immer Frauen, die sich in diese Khomeiny-Zelte kleiden?». Besonders die Zahl der Vergewaltigungen habe in den letzten Jahren drastisch zugenommen, weiss Adan aus ihrer Arbeit zu berichten.

«Jeder Mensch braucht Platz», sagt Edna Adan Ismail dann und kommt damit auch auf den thematischen Schwerpunkt der Buchmesse zurück. «Emotionalen, kulturellen, politischen oder persönlichen Raum. Wir müssen ihn dem anderen zugestehen. Nur so kann sich der Einzelne und unserer Land weiterentwickeln.»