Kategorien
Reportagen

Zum Sondergipfel in Malta. Die Währung muss Bildung heißen

Erschienen in der Serie „10 nach 8“ bei Zeit Online am 13. November 2015.

Europa muss endlich erkennen, was Afrika wirklich braucht. Einmal mehr aber wird nur versucht, den Kontinent zu kaufen, anstatt in die Zukunft der Frauen zu investieren.

17 Seiten umfasst der Aktionsplan, den 60 europäische und afrikanische Staats- und Regierungschefs gerade auf einem Sondergipfel in Malta verfasst haben. Was sich in diesem Plan allerdings spiegelt, ist das Resultat eines europäischen Monologs. Durchgesetzt haben sich diejenigen, die auf Kontrolle und Abwehr setzen.

Dabei wären gerade zwei andere Einsichten wichtig gewesen: Afrika braucht Europa für seine Zukunft weniger, als Europa glaubt. Und Afrika braucht seine Frauen. Wer in sie investiert, investiert in Afrikas Zukunft.

Die 1,8 Milliarden Euro des Treuhandfonds, die EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach Malta mitgebracht hatte, könnten viel bewirken. Doch das Ergebnis des Gipfels erscheint in einem anderen Licht: Der Kontinent sollte wieder einmal gekauft werden. Eine zentrale Forderung Europas war, dass die afrikanischen Staaten illegal nach Europa eingereiste Flüchtlinge wieder zurücknehmen. Wie das gehen soll und wie viel der Mittel davon für die geplanten Abschiebungen eingesetzt werden, steht auf einem anderen Blatt. Sicher ist: So löst Geld keine Probleme.

In Europa ist man sich derweil noch nicht einmal einig darüber, welche Staaten als sichere Herkunftsländer gelten und welche nicht. Seit 1999 versuchen die Länder, sich auf eine gemeinsame Liste zu verständigen. Ach ja, nur 12 der 28 EU-Mitgliedsstaaten führen überhaupt eine. Dass jede anders aussieht, versteht sich von selbst. Ghana etwa ist so ein Fall: Für Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Malta ist es ein sicheres Herkunftsland; alle anderen definieren Ghana als unsicher. Großbritannien und Luxemburg machen zudem einen Unterschied bei den Geschlechtern: Für Männer sei Ghana ein sicheres Herkunftsland, nicht aber für Frauen. Es ist Großbritannien, das bei der Feststellung „sicherer/unsicherer Herkunftsstaat“ häufiger als die anderen EU-Länder nach Geschlechtern unterscheidet: In England können nur Frauen aus Gambia, Ghana, Liberia, Malawi, Mauritius und Sierra Leone Asyl beantragen. Die Gründe hierfür sind divers; dazu zählt unter anderen die Gefahr, als Mädchen und Jugendliche an den Genitalien verstümmelt zu werden. Festzuhalten bleibt: Wer nun wen wohin zurückschickt, dürfte in Zukunft für einige Irritationen sorgen.

Derzeit stammen nur 20 Prozent der Menschen, die in Europa Asyl beantragen, vom afrikanischen Kontinent. Und davon ist wiederum nur ein Viertel weiblich. Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zeigt etwa: Die Massenabwanderung aus der Diktatur in Eritrea hält unvermindert an. Im vergangenen Jahr waren nur 20 Prozent der eritreischen Staatsbürger, die Deutschland erreichten, Frauen. Auch aus vielen Regionen Somalias fliehen noch immer Menschen. Aber nur 27 Prozent derjenigen, die in Deutschland ankommen, sind Frauen.

Die Zahlen zeigen: Afrikas Frauen sind zumeist Binnenflüchtlinge. Die allerwenigsten kommen nach Europa. Sie leben in Camps wie im kenianischen Dadaab oder im äthiopischen Dolo Ado. Manche von ihnen seit über 20 Jahren. Andere sind sogar schon dort geboren. Den ältesten Töchtern obliegt oft die Aufgabe, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern, Zeit für einen Schulbesuch bleibt kaum. Schulbesuche sind ohnehin nur möglich, wenn Geld vorhanden ist. Das ist manchmal der Fall, meistens aber nicht. Dabei könnten diese Mädchen es sein, die die Basis für einen Mittelstand bilden. Vielleicht nicht in dieser Generation, aber in der nächsten. „If you teach a girl, you teach a nation„, heißt es. Das gilt genauso für die Mädchen in den Slums von Nairobi oder in Townships von Johannesburg.

Nach einem Schulabschluss folgt dann idealerweise eine berufliche Qualifizierung als Fachkraft. Oder sogar ein Studium. In diesem Punkt ist Europa wirklich gefragt. Wenn Europa Afrika etwas zu geben hat, dann ist es Bildung. Das war auch eine der zentralen Forderungen der afrikanischen Staatschefs in Malta: der bessere Zugang zu Austauschprogrammen und Stipendien für Studenten. Auf dem Sondergipfel wurde eine Verdoppelung der Plätze des Erasmus+-Programms für Forscher und Studenten beschlossen. Das ist eine gute Sache.

Und Europa sollte gut zuhören. In Somaliland am Horn von Afrika etwa zeichnet sich eine bedenkliche Entwicklung ab: Um seine Grenzen gegen ein Eindringen der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab zu sichern, reißt der Posten des Verteidigungshaushaltes das größte Loch in das ohnehin schmale Budget. Für Bildung bleibt nur wenig übrig. Die privaten Schulen, die dort eröffnen, werden vom Ölstaat Kuweit finanziert werden. Dass im Lehrplan nicht vorgesehen ist, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass Mädchen später gleichberechtigte Partner neben ihrem Ehemann sind, kann man sich leicht ausrechnen.

Der Präsident des europäischen Rates, Donald Tusk, erklärte zudem, dass nun vereinbart wurde, gemeinsam in Niger ein Investigationsteam gegen Menschenhandel einzusetzen. Ein Pilotprojekt. Das ist ein wichtiger Schritt. Allein im Nachbarstaat Nigeria sind über zwei Millionen Menschen vor der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram auf der Flucht. Viele von ihnen stranden in Agadez, dem nigrischen Drehkreuz für Flüchtlinge und Schleuser. Dort blüht auch die Prostitution mit jungen Frauen. Sie sind Menschenhändlern gefolgt, die ihnen versprochen haben, dass ihnen als Gegenzug für die Arbeit als Dienstmädchen in einem europäischen Haushalt ein Schulbesuch finanziert werde. Keine von ihnen kommt je dort an. Aber der Wunsch nach einer besseren Zukunft und Bildung hat sie aufbrechen lassen.

Europa überschätzt seine Rolle in Afrika. Es sollte lernen, auf Augenhöhe zu diskutieren. Es geht darum, mit den richtigen Menschen den Dialog zu suchen und Netzwerke zu bilden: mit Aktivisten, Intellektuellen und Künstlern. Sie wissen am ehesten, was der Kontinent kann, wie man Korruption bekämpft, die manche Staatsapparate zersetzt und letztlich die Menschen schwächt.

Kategorien
Interviews

Interview Mahi Binebine über Aktivismus und Kultur

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12. April 2016

Mahi Binebine sprach in seinen Romanen früh die Missstände in seiner Heimat Marokko an, aber eines Tages genügte ihm das Schreiben nicht mehr. Er erzählt vom Einsatz für benachteiligte Jugendliche.

Sie sind erfolgreicher Künstler und Aktivist. Ist das schwer zu vereinbaren?

Ich hasse es, Aktivist zu sein (lacht). Ich komme nicht zum Arbeiten. Alle zwei Jahre schreibe ich einen Roman, dazu mache ich zehn oder zwanzig Ausstellungen pro Jahr. Es gibt Parallelen, aber auch einen grossen Unterschied zwischen den beiden Rollen. Ich setze mich in meiner Kunst zwar mit Migration oder den Ursachen von Terrorismus auseinander, doch jetzt kann ich zum ersten Mal wirklich Menschen helfen.

In Ihren Büchern behandeln Sie gesellschaftspolitisch relevante Themen, lange bevor sie die Öffentlichkeit erreichen. In «Kannibalen» beschrieben Sie 2003 das Schicksal von Migranten, die die Überfahrt mit dem Boot von Marokko nach Spanien riskieren. In «Die Engel von Sidi Moumen» setzten Sie sich 2008 mit der Radikalisierung benachteiligter Jugendlicher auseinander.

Ja. Ich habe trotzdem das Gefühl, hinterher zu sein. Nach den Attentaten von Casablanca im Jahr 2003 war das ganze Land in Schockstarre. Niemand in Marokko hatte bis dato mit Terrorismus gerechnet. Wir dachten, wir leben in einer gesunden Gesellschaft. Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass ich Sidi Moumen nie vorher gesehen hatte. Es grenzt an eine Autobahn und liegt hinter einer grossen Mauer. Man sah nichts davon. Nichts. Eine versteckte Stadt mit 300 000 Einwohnern. Das sind viele Menschen, nicht wahr? Aber es ist ein Slum. In der Mitte liegt ein riesiger Müllhaufen. Ich habe mein Land nicht wiedererkannt. Das Bild, welches ich nie vergessen werde: Die Kinder spielen auf der Müllhalde Fussball. Als ich sie sah, dachte ich, sie werden die Helden meines nächsten Romans.

Das Buch wurde von dem marokkanischen Regisseur Nabil Ayouch verfilmt.

Wir arbeiteten mit jungen Laienschauspielern aus Sidi Moumen. Für die Zeit der Dreharbeiten brachten wir sie in einem Appartement in Casablanca unter. Sie bekamen gutes Essen, Kleider und konnten duschen. Als das Ende der Dreharbeiten näher kam, fragte mich Nabil: «Was machen wir jetzt mit den Kindern?» Ich sagte: «Keine Ahnung.» Wir sprachen viel und beschlossen dann, etwas für die Kinder und Jugendlichen zu tun.

Was haben Sie unternommen?

Ich setzte mich mit Malerkollegen aus der ganzen Welt in Verbindung und bat sie, ein Werk für eine Versteigerung zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich zum Teil um recht bekannte Künstler. Wir erhielten fast hundert Bilder und nahmen damit eine Menge Geld ein. Dann trafen wir uns mit dem Bürgermeister von Sidi Moumen. Wir baten ihn um ein Grundstück. Nach einer Stunde Gespräch überliess er uns viel mehr als das: Er gab uns das bereits bestehende Kulturzentrum mit über 2000 Quadratmetern Fläche, für das es aber keine Gelder gab. Wir konnten mit unserer Arbeit beginnen. Mittlerweile ist auch die langfristige Finanzierung gesichert.

Was bieten Sie dort an?

Pro Woche bieten wir derzeit 85 Kursstunden an: Theater für unterschiedliche Altersstufen, Ballett, Hip-Hop, Klavierunterricht, Fotokurse oder Business-Englisch für Erwachsene. In unserem Zentrum in Sidi Moumen sind 400 Kinder und Jugendliche registriert, aber es kommen doppelt so viele und nehmen die Angebote wahr.

Wenn Sie etwa an die Lebenssituation der Menschen in den Vororten von Paris denken und sie mit Casablanca vergleichen, gibt es da Gemeinsamkeiten?

Die Regierungen haben ähnliche Fehler gemacht. Länder wie Frankreich oder Italien haben in den 1950er und 1960er Jahren sozialen Wohnungsbau am Stadtrand gefördert. Sie haben nicht daran gedacht, dass sie damit die Menschen dort ausschliessen. Im Verlauf haben sich manche Vorortsiedlungen zu rechtsfreien Räumen entwickelt, in denen Gewalt ein probates Mittel ist, sich durchzusetzen. Wir bekommen jetzt die Quittung für das, was wir in den letzten Jahren versäumt haben.

Können Sie beschreiben, wie die Radikalisierung bei den Jugendlichen in den marokkanischen Bidonvilles abläuft?

Nach den Attentaten habe ich mit einem Journalisten, der aus Sidi Moumen stammt, viel Zeit dort verbracht. Ich habe mit den Familien und Freunden der Attentäter gesprochen. Sie erklärten es mir: Die Islamisten gehen langsam an die Kinder heran. Sie holen sie aus dem Müll heraus. Sagen ihnen, dass sie sauber sein sollen, und geben ihnen eine Unterkunft, wo sie sich waschen können. Und sie bekommen zu essen.

Das ist es, was jeder will.

Ja. Dann nehmen sie die Kinder mit in die Moschee, wo sie fünfmal am Tag beten und den Koran studieren. So sind sie erst einmal von ihren alten Freunden und ihrer Familie entfernt – und Teil der anderen Gemeinschaft. Sie verschaffen ihnen Arbeit. Und dann im letzten Schritt kommt die Radikalisierung. Die Islamisten zeigen ihnen Videos von Attentaten, die sie mit Verschwörungstheorien verbinden: von vermeintlichen Juden, angeblichen amerikanischen Imperialisten und dem armen Araber als Opfer. Dabei glorifizieren sie die Terroristen und sagen gleichzeitig: «Du bist auserwählt.» Von da an ist es einfach. Es braucht zwei Jahre, um eine menschliche Bombe zu erschaffen. Das ist nicht viel. Wenn ein Kind mit 14 Jahren angeworben wird, kann es mit 16 bereit sein, sich in die Luft zu sprengen.

Wie ist es dazu gekommen?

In den 1970er Jahren Geld aus den Golfstaaten anzunehmen, war ein Fehler. Es brachte zwar Universitäten und Krankenhäuser, aber auch den Wahhabismus ins Land, der nun Fuss gefasst hat. Trotzdem sind die Islamisten nicht die schlechten Söhne des Arabischen Frühlings. Sie sind letztlich das Erbe der Misswirtschaft der Diktatoren in den vergangenen Jahrzehnten.

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Wir wollen den Jugendlichen einen Raum geben, in dem sie sich entwickeln können. Wir wollen den islamistischen Terror, der seinen Ursprung in den Elendsquartieren hat, mit Kultur bekämpfen. Die religiöse Mafia benutzt die Religion, um Menschen von ihrer Sache zu überzeugen. Wir nehmen die Kultur, um ihnen zu zeigen, dass sie falsch liegen. Auch die Lebensumstände müssen sich ändern. Es geht nicht, dass jemand aus der Bourgeoisie einen Fahrer, eine Hausangestellte beschäftigt und mit 150 Euro im Monat entlohnt.

Das klingt vielleicht abstrakt, aber haben wir eine gemeinsame Aufgabe?

Ja – uns für den Frieden einzusetzen. Aber die Sprache des Terrorismus ist effizient. Nach den Anschlägen von Casablanca 2003 kamen praktisch keine Touristen mehr. Die Terroristen entziehen uns somit die Lebensgrundlage. Man kann nichts gegen einen Mann machen, der mit einem Sprengstoffgürtel sterben will. Das ist der Unterschied zum Krieg. Im Krieg will niemand sterben. Die Soldaten an der einen Front nicht und die an der anderen auch nicht. Terrorismus stellt das auf den Kopf. Die einzige Waffe, die wir gegen sie haben, ist die Kultur. Das Leben ist besser als der Tod.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Wir eröffnen im Laufe des Jahres weitere Zentren: in Tanger, Fez und Ouarzazate. Die Bidonvilles sind der Ort, an dem die Islamisten arbeiten. Wir stellen gerade ein und lernen die neuen Mitarbeiter in Sidi Moumen an.